Aminata und Fritz erkunden die Welt
(6)

Vom Fliegen

Konzept Narcisse Djakam; Text Oliver H. Herde

Aufgeregt verfolgt Fritz die Starts und Landungen der Flugzeuge durch das große Panoramafenster im Wartebereich. Von hier aus kann er zumindest einen Teil des Flughafenfeldes überblicken. In der Ferne setzt soeben wieder eine Maschine mit heruntergekippten Landeklappen auf und rollt auf der langgestreckten Landebahn langsam aus. Dann fährt sie auf einen der Tunnel zu, über welche die Passagiere ein- und aussteigen.
"Dass sowas Großes fliegen kann!" staunt Fritz wieder einmal. "Toll!"
"Ja, da sind gewaltige Kräfte am Werk", bestätigt der Vater.
"Die Düsen sorgen für den Anschub, oder?" fragt der Junge, ob er es auch richtig verstanden hat.
"Ja, genau. Und zugleich sind sie der Auspuff."
"Stinkt das wie beim Auto?" greift Fritz die Andeutung sogleich auf und meint damit weniger den Geruch als die Schädlichkeit der Abgase.
"Nun, ich habe an beides noch nicht meine Nase drangehalten und werde das lieber auch niemals tun, aber die Umweltbelastung ist schon bei beidem enorm, das stimmt."
"Und dazu der Lärm", ergänzt die Mutter. Auf den Druckabfall in der Kabine beim Abheben freut sie sich auch nicht gerade, da ihre Ohren in dieser Hinsicht ziemlich empfindlich sind.
"Warum fahren wir dann nicht mit dem Zug?" versucht Fritz zu helfen, denn das findet er genauso spannend wie fliegen.
"Umweltfreundlicher wäre das schon", räumt der Vater ein, "aber mit der Bahn würden wir bestimmt ein paar Tage brauchen, häufiger umsteigen müssen und durch unsichere Länder kommen."
"Unsicher?"
"Ja, Kriege, Volksunruhen und ständige Polizeikontrollen."
"Man sollte sich eben immer überlegen, ob es nicht anders geht als mit dem Flugzeug", lenkt die Mutter wieder zum Thema Umwelt zurück. "Ich habe mal gelesen, fliegen sei wie ein Jahr Auto fahren", versucht sie zu veranschaulichen. "Leider stand dort nicht, was da eigentlich genau verglichen wurde, ob der Energieverbrauch oder die Umweltbelastung, ob pro Person oder pro Transportmittel und ob dieses Untersuchungsergebnis vielleicht von der Autoindustrie in Auftrag gegeben wurde."
"Das ist doch eigentlich egal", wirft der Vater schmunzelnd ein. "Ein Jahr! Das soll doch nur veranschaulichen, wie schlimm das Fliegen eigentlich für die Natur ist."
"Ich habe es eben gern genau", verteidigt sich die Mutter. "Autos sind jedenfalls auch alles andere als umweltfreundlich. Der Vergleich kam mir darum ziemlich verharmlosend und oberflächlich vor."
Fritz bekommt dennoch ein schlechtes Gewissen, dass er unbedingt nach Afrika wollte. "Vielleicht hätten wir lieber an die Ostsee fahren sollen", gibt er zu. "Nächstes Jahr bleiben wir wieder in Mitteleuropa", versucht der Vater ihn zu beruhigen. "Hier gibt es auch noch viele herrliche Landschaften und Naturparks mit einer gesunden Tierwelt. Die erreicht man auch ohne Flugzeuge."
"Genau", ergänzt die Mutter, "die Kurzstreckenflüge sind nämlich das eigentliche Problem, weil die meiste Energie beim Starten und Landen verbraucht wird. Inlandsflüge oder ins Nachbarland sind die reine Verschwendung."
"Warum machen das dann so viele?" will Fritz wissen.
"Weil der Staat die Preise durch Steuern und Zuschüsse beeinflusst und zudem im Flugverkehr viele Privatfirmen miteinander konkurrieren, auf der Schiene aber leider nicht. Dadurch ist Fliegen viel zu billig und Bahnfahren viel zu teuer."
Fritz verzieht den Mund über so viel Dummheit und wäre jetzt am liebsten schon in Afrika.


Diese Geschichte erschien auch im Kiezboten vom März 2019.
© Text: Oliver H. Herde, Narcisse Djakam
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