Ausschnitt aus

Des Forschers Geheimnisse

von Oliver H. Herde

Arnwina war eben etwas zu Trinken besorgen gegangen, Nig dämmerte schläfrig vor sich hin.
Nun öffnete sich die Tür seines Krankenzimmers. Unregelmäßige Schritte kamen schnell näher und entfernten sich gleich wieder.
»Arnwina?« Wie befürchtet, erfolgte als Antwort nur ein Türschlagen. Fast automatisch zuckte Nigs Arm zum Nachttisch. Die Kommunikator-Uhr war nicht mehr da! Sofort hellwach - immerhin waren auch einige wichtige Daten auf dem Gerät abgespeichert - schwang der Elf sich aus dem Bett, eilte zielsicher zur Tür und riss sie auf.
Badelatschengeklapper von links, das sich rasch entfernte.
Für einen Moment musste Nig inne und sich am Türrahmen festhalten, bis sein Kreislauf nicht mehr über das rasche Aufstehen protestierte und das heftige Schwindelgefühl verflogen war.
Blind wie er war, streckte er dann die Arme von sich wie ein Insekt seine Fühler und verfolgte den Dieb. Es ging um eine Biegung, dann hörte er nichts mehr. Dem Gefühl nach kam er an eine Kreuzung - es lag an den Hintergrundgeräuschen, die nicht mehr nur von vorne und hinten zu kommen schienen.
Nig blieb stehen und lauschte angestrengt. Dabei fiel ihm ein unangenehmer Geruch wie von einer Creme oder einem Parfüm auf, der sich gegenüber den anderen Krankenhausdüften behauptete. Nig erinnerte sich nun, dass dieser schon im Zimmer vorhin plötzlich in der Luft gelegen hatte. Bloß war das alles so schnell gegangen! Hörte er da nicht ein leises Atmen? In dieser Richtung wurde auch der Geruch intensiver. Der Dieb war also noch anwesend.
Nig versuchte ihn zu täuschen und näherte sich ihm nicht direkt. Aber der Unbekannte durchschaute ihn und floh einen Gang hinunter. Ohne zu zögern stürzte Nig hinterher.
Es ging einige Korridore auf und ab, eine Treppe hinunter, später noch eine weitere. Die wenigen Passanten, die sich um diese Zeit außerhalb der Zimmer aufhielten, gingen Jäger wie Gejagtem lieber aus dem Weg - wenn sie sie rechtzeitig sahen. Während aber der Halunke, wie man hörte, gelegentlich jemanden anrempelte, stieß Nig nicht einen einzigen an. Zu früh roch und hörte er die Menschen und Aroschin. Einmal wäre er fast dem falschen Gestank gefolgt.
Da plötzlich strauchelte er über die Tasche irgendsoeines Hirntoten! Zornig nahm er sich die Zeit, sie unsanft von der Mitte des Ganges fortzutreten, bevor er die Verfolgung wieder aufnahm. Das »He!« des Eigentümers hörte er nicht mehr.
Doch bald darauf verlor Nig die Fährte. Es war einfach zu windig hier! Konnten diese Menschen die Klimaanlage nicht ein Mal am Tag abschalten!? Nur mal, um zu sehen, ob sie sich noch abschalten lässt?
Einige vorsichtige Schritte weiter in einer Richtung, in welcher der Wind abflaute, blieb er abermals stehen, um sich zu orientieren.
In der sterilen Putzmittelatmosphäre schwebte ein extrem schwacher Duft, den er zu kennen glaubte. Ein angenehm natürlicher, elfischer Körperduft. Da er aus Hüfthöhe zu kommen schien, beugte sich Nig über seine vermeintliche Quelle. »Gwen?« fragte er leise.
»Was machst du denn hier?« Sie legte den kleinen Textbildschirm - ein elektronisches Buch - beiseite, von dem sie gelesen und weswegen sie Nig nicht gleich bemerkt hatte.
»Bin ich schon auf der Entbindungsstation?«
Er sprach Elfisch, also antwortete sie ebenso: »Sicher.«
»Mir hat einer die Uhr aus dem Zimmer geklaut. Riecht stark nach irgendeinem Mittelchen.«
»Wie die meisten Menschen und Aroschin. Aber vielleicht war es ja der, der eben wie ein Wahnsinniger an mir vorbeirauschte.«
»Dann sei meine Augen!«
»Gut, aber du musst mich schieben.«
»Hm?« Ach so, sie saß natürlich in einem Rollstuhl!
Er streckte seine Hände vor, die Gwendolyne sogleich helfend an die Griffe führte. Zwar handelte es sich um ein motorisiertes Gefährt, doch hätte den beiden die Geschwindigkeit gewiss nicht ausgereicht. Und davon abgesehen benutzten Elfen ohnehin lieber die eigene Muskelkraft. Zum Glück blockierte es nicht, wenn man auf die Automatik verzichtete!
So beschleunigte Nig also hemmungslos, dass Gwen leise aufstöhnte, weil der Ruck ihren Leib erzittern ließ. Doch da sie sofort richtungweisende Kommandos gab, anstatt sich zu beschweren, kümmerte sich Nig nicht weiter darum. Da er ihr buchstäblich blind vertraute, kamen sie gut voran.
Bald fanden sie den Flüchtigen wieder, und die Jagd setzte sich mit noch erhöhter Geschwindigkeit fort. Laut Gwendolynes Beschreibung trug er eine Halskrause, eine Beinschiene und einen Arm im Luftkissenstützverband und hüllte sich in einen bunten Bademantel.
In einer Kurve rutschte Nig auf dem sinnlos gebohnerten Fußboden aus und prallte samt Rollstuhl gegen die Wand. Gwen schrie auf. Es schien ihr, als kullerten die Kinder quer durch ihren Bauch.
»Alles klar?« erkundigte sich Nig.
Das ersparte ihr, ihn dasselbe zu fragen. »Sicher. Weiter!«
Sie klang leicht gequält, doch sie würde ihm schon sagen, wenn sie nicht mehr konnte, also schnappte er sich die Griffe und schob wieder.
Während der Weiterfahrt hörte er aber erneut ihr Ächzen. Um ihre vorherige Antwort nicht in Frage zu stellen, formulierte er seine Bedenken wie zumeist so diplomatisch, dass sie den Hörer gar nicht mehr erreichten: »Wann ist die Geburt?«
»Heute. Weiter!«
Damit war für Nig dieses Thema abgehakt. Sie musste selbst entscheiden, was sie vertrug. Auch als ihre Zwillingsschwester und gleichzeitige Chefärztin der Klinik hätte er ihr da nicht dreingeredet.
Der Dieb wartete gerade auf einen Aufzug, als sie näherkamen. Sofort änderte er fluchend seine Strategie und lief weiter den Korridor entlang.
»Eine Treppe«, hörte Nig seine Base plötzlich jammern. »Lass mich stehen!« Sofort folgte er dem Rat und hastete den Schritten des Diebes hinterher.
Indes steuerte Gwen ihrerseits in fortsetzender Vernachlässigung der Rollstuhlautomatik den Lift an, wo sicher gleich eine Kabine erscheinen würde - in dieser Situation blieb ihr nun mal nichts anderes übrig!
»Rechts, aufwärts!« rief sie Nig vorsichtshalber nach, als sie den Verfolgten dort hinaufhumpeln sah.
»Ich hör’s!«
Wo er die ersten Stufen vermutete, wurde Nig langsamer und fuchtelte verstärkt mit den Armen, bis er das Geländer erwischte. Dann zog er sich daran empor, dass seine Füße kaum folgen konnten. Wie immer, wenn er sich in eiliger Situation für drei Stufen zugleich allzu schwach oder zu unsicher fühlte, nahm er nur die gewöhnlichen zwei auf einmal. Schnell holte er auf.
Dennoch bekam Nig langsam Seitenstiche, und schwindelig wurde ihm auch wieder. Er bemerkte, dass er schon wieder zu atmen vergaß. Am Absatz blieb er einen Moment stehen und holte tief Luft. Widerlich dieser Gestank!
Auch der Dieb schnaufte inzwischen wie eine Dampflok. Kein Wunder, erklärte sich Nig: Der musste seinen Schmaddermief ja viel intensiver ertragen!
Unwillkürlich erinnerte sich Nig an eine im Mediennetz gesehene Befragung, in welcher Großratsmitglied Mereg Filai so treffend erklärt hatte: ›Es gibt Menschen, die ihren eigenen Körperduft verabscheuen. Das würde mir zu denken geben.‹
Doch die schmatzenden Latschen entfernten sich schon wieder, dass Nig sich aufraffte und weiterstieg. Die Latschen verließen die Treppe.
»Zwei«, krächzte Nig atemlos.
Gwen hatte in der Aufzugskabine wartend aufmerksam auf seine Meldung geharrt. Sogleich wählte sie das entsprechende Stockwerk und brüllte noch während sich die Tür schloss bestätigend zurück: »Zwei rauf!« Da spürte sie einen Stich. Eine Wehe! Die verordneten Atemübungen nun instinktiv ausführend, sah sie auf die Uhr. Vier Minuten seit der letzten! Zuvor waren es noch sieben gewesen. Deshalb hatte sie ja auch abholbereit im Gang gestanden, als Nig vorüberkam.
Kaum öffnete sich die Tür, hörte sie auch schon die Latschen davonklatschen. Und als sie nun doch elektronisch betrieben hinausrollte, sah sie gerade noch Nig um die übernächste Ecke verschwinden. Sie schluckte. Irgendwie musste sie aufholen. Vielleicht konnte sie mit dem nächsten Abzweig abkürzen. Bestimmt versuchte der Dieb, Nig mit Hakenschlagen abzuhängen.
Fast wäre der Elf gestürzt, als er unvermutet keinen Boden spürte, wo seiner Meinung nach einer hingehörte. Zum Glück handelte es sich nur um eine einzige Stufe, und Nig fing sich wieder.
Gwen dagegen sah ihre Stufe beizeiten, ebenso die Rampe daneben, unter anderem für Rollstuhlfahrer wie sie selbst gedacht. Allerdings gedachte sie, diese ein wenig zu missbrauchen. Eine ideale Gelegenheit, zu beschleunigen! All ihre Kraft legte sie in die Räder. Ein Schmerz durchzuckte sie - eine neue Wehe. Dennoch riss sie sich zusammen und scheuchte mit einem warnenden »Bahn frei!« zwei alte Herren in Schlafanzügen beiseite. Damit ging ihre Energie zur Neige, und sie wähnte das Rennen für sich als gelaufen.
Da wankte der Dieb ebenfalls völlig erschöpft von der Seite her auf die nahende Kreuzung, und Gwens Rollstuhl rumpelte ohne ihr Zutun über seinen rechten Fuß. Wieder kullerten die Kinder schmerzlich durch ihren Leib. Sie konnte nicht anhalten, sich nicht einmal bewegen, aber der Stuhl verlor bereits an einer Wand schabend an Fahrt.
Der Uhrdieb hingegen blieb augenblicklich stehen und brüllte wie am Spieß.
Auf so ein eindeutiges Positionssignal hatte der ausgelaugte Nig schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt. In einem letzten Kraftakt sprang er auf das Geschrei und den Cremegestank zu. Volltreffer! Er umklammerte sein Opfer mit Armen und Beinen wie ein Krake und warf es durch den Aufprall zu Boden.
Leider konnte Gwen der Wehen wegen nicht mehr zu dem Fang gratulieren. Die Niederkunft stand unmittelbar bevor!


Kurzgeschichten / Projekt Caniron

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