Ausschnitt aus

Fremde Welten

von Oliver H. Herde

Sigmas Gegnerin sah zum Erbarmen aus. Sie konnte kaum noch fliegen, überall triefte schwefelgelbes Blut aus ihrem geschundenen Körper, ihr Gesicht war durch Sigmas Faustschläge zu einer grausigen Fratze entstellt, ihr linkes Auge zerquetscht, und ein Bein hatte sie auch schon verloren.
Doch auch Sigma selbst war inzwischen schwer angeschlagen: Dellen und Kratzer übersäten seinen Brustpanzer. Im linken Oberschenkel klaffte ein beachtliches Loch, der Schaden darinnen schränkte die Bewegungsmöglichkeiten des Kniegelenkes ein.
Die Schrecke packte sein Handgelenk mit ihrer Klaue und zerrte daran herum, bis sie plötzlich die ganze Linke abgerissen hatte. Hämisch kichernd warf sie sie ihm ins Gesicht.
Er versuchte, die Hand aufzufangen, doch griff er ins Leere und musste mitansehen, wie sie hinabstürzte um in dem Meer aus Bäumen zu verschwinden.
Die fast drei Meter große Fangschrecke beschrieb einen Bogen um ihn herum, doch gelang es ihr nicht, ihn von hinten anzugreifen, da er einen Salto schlagend versuchte, sie zu rammen. Hart prallten sie aufeinander, dann umklammerte er ihren Hinterleib und begann, fest zuzudrücken. Schmerzerfüllt krümmte sie sich nach allen Seiten und suchte verzweifelt, sich zu befreien. Aus den Zwischenräumen zwischen den Chitinplatten quoll ihr gelber Körpersaft hervor und bedeckte bald ihren gesamten Rumpf ebenso wie den seinen. Das hatte für sie jedoch auch Vorteile. Sigmas Arme wischten an ihr herum, und er fand schließlich keinen Halt mehr an ihrem rutschigen Hinterleib, der wie eine ausgequetschte Frucht vom Rest der Schrecke herunterhing.
Für einige Augenblicke schwirrten beide in gebührendem Abstand hin und her, um sich in eine günstige Stellung zu bringen, dann rasten sie mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander zu. Ein Fausthieb zerschmetterte eine Brustplatte des Schreckenpanzers, und Sigma versuchte, seinem Gegner die Eingeweide herauszureißen.
Die Schrecke derweil riss einen der Schläuche an seinem Kopf durch, und sofort war sein rechtes Kühlsystem zusammengebrochen. Dichter, erst grauer, dann schwarzer Qualm drang aus dem Schlauch und aus dem Sprung im rechten Kameraauge.
Ihr anderer Fangarm zuckte über ihn hinweg und zerstörte ein Modul im linken Raketenantrieb. Das Triebwerk schaltete selbständig auf volle Kraft, und Sigma musste das rechte ebenfalls antreiben, um nicht zu rotieren zu beginnen. In einem höllischen Tempo raste er mit der Fangschrecke nach oben, bis sie plötzlich von einem Blitz getroffen wurden. Fest umklammert und von einem Funkenregen begleitet stürzten die beiden Kontrahenten in die Tiefe.


Kurzgeschichten / Projekt Caniron

© OHH Fremde Welten ist als Taschenbuch und als E-Buch erschienen.Elf und Adler Verlag