Prinzessin Gutemine im Wald

Eines Tages ging die Prinzessin Gutemine in den Wald. Sie hatte da nichts Besonderes zu tun, sondern wollte einfach die besondere Stimmung genießen.
Auf dem Weg vom Schloss kam sie erst an einer großen Wiese vorüber, die an den Wald angrenzte. Die Wiese war sehr farbenprächtig mit Blumen bewachsen.
Aber die kannte Prinzessin Gutemine schon sehr gut. Auf den Wald war sie viel neugieriger. Fröhlich hüpfte sie auf den Waldrand zu.
Sie war noch nie besonders tief hineingegangen, aber heute wollte sie mal etwas mehr sehen. Dennoch blieb sie erst einmal am Waldrand stehen und schaute hinein. Schon nach wenigen Baumreihen wurde es drinnen immer düsterer. Das war unheimlich, auch für die freche Prinzessin Gutemine. Aber dann fasste sie sich ein Herz und schritt hinein.
Die Vögel zwitscherten hier ja nicht viel anders als draußen. Und ein paar einzelne Blumen gab es auch noch, aber die wurden immer weniger. Dafür wurden die Bäume immer höher und dickstämmiger. Und schließlich, sie war schon eine Weile den Weg entlanggegangen, wurde es immer stiller.
Prinzessin Gutemine erschrak etwas, als etwas von einem der Baumstämme herabsauste und auf sie zusprang.
Aber da erkannte sie, dass es nur ein Eichhörnchen war. Das wollte auch schon weiter seines Weges hoppeln, als Gutemine es anrief: "Warte, kleines Eichhörnchen! Kennst du dich hier aus?"
"Natürlich kenne ich mich hier aus!" sagte das Eichhörnchen. "Ich wohne hier schließlich."
"Und wer wohnt noch hier?"
"Ganzganz viele Leute! Die Rehe, die Wildschweine, die Wölfe, die Mücken, die Borkenkäfer..." Das Eichhörnchen schien gar nicht mehr aufhören zu wollen. Offenbar hatte es vergessen, wohin es wollte.
"Und sind die nett?" unterbrach Prinzessin Gutemine.
"Manche ja, manche nein", sprach das Eichhörnchen.
"Und welche sind nett?"
Gerade wollte das Eichhörnchen die Frage beantworten, als ihm einfiel, dass es ja noch ein paar Nüsse für das Mittagessen sammeln wollte. "Also, ich habe ja noch mehr zu tun! Pass halt auf!"
"Na gut", beschwichtigte Prinzessin Gutemine das Eichhörnchen. "Dankeschön für deine Mühe."
Das Eichhörnchen nickte noch mal kurz, dann eilte es weiter und auf den nächsten Stamm hinauf, wo es flugs im Geäst verschwand.
Prinzessin Gutemine aber ging vorsichtig weiter.
Der Weg wurde immer schmaler und immer schlechter zu finden. Und die vielen Blätter und Äste der Bäume ließen kaum Licht bis hinunter zu Prinzessin Gutemine. Das war ihr doch sehr unheimlich. Aber trotzdem ging Prinzessin Gutemine weiter in den Wald hinein.

Nach einer ganzen Weile hörte Prinzessin Gutemine ein Knurren aus dem Unterholz. Da war es besonders dunkel.
Prinzessin Gutemine überlegte, ob sie es wagen sollte, näher heranzugehen, um besser sehen zu können, oder ob sie lieber weiter weggehen sollte.
Da sprang schon etwas Großes, Felliges aus dem Gebüsch. Plumps, hatte es sie umgeworfen und saß nun auf ihr.
Das drückte ganz schön, denn das Fellding war schwer! Prinzessin Gutemine konnte kaum atmen. Und natürlich hatte sie furchtbare Angst.
Aber sie war ja auch mutig. Deswegen rief sie: "Heh, was soll das? Geh runter von mir!"
Das große Felldings grollte und knurrte nur.
Etwas Feuchtes tropfte auf Prinzessin Gutemines Gesicht. "Igitt, was ist das denn!?"
"Das ist mein Speichel", sagte das Felldings. Zwischen all den Haaren schaute eine große Schnauze mit beeindruckenden Zähnen hervor und darüber zwei kleine dunkle Augen. "Ich habe nämlich Hunger!"
"Dann iss doch was!" schlug Prinzessin Gutemine vor.
"Ja, ich werde dich auffressen."
"Mich!? Aber ich schmecke doch gar nicht!"
"Hast du schon mal von dir gekostet?" wollte das Felldings wissen.
"Öhm, nein", musste Prinzessin Gutemine zugeben.
"Woher weißt du das dann so genau?"
Darauf wusste Prinzessin Gutemine so schnell keine Antwort. Das Felldings war gar nicht so dumm, wie es aussah! "Ähm... Was bist du überhaupt für einer, Prinzessinnen umzuwerfen und auffressen zu wollen?" fragte Prinzessin Gutemine etwas atemlos.
"Ich bin ein Bär", antwortete das Felldings.
"Aber Bären sind doch groß, dachte ich, erwiderte Prinzessin Gutemine vorlaut.
"Ich bin ja auch größer als du."
"Najaaaa..." Prinzessin Gutemine glaubte das irgendwie trotzdem nicht so recht. Sie hatte schon von Bären gehört. "Entweder sind Bären viel größer, oder mein Hauslehrer übertreibt ganz fürchterlich", erklärte Prinzessin Gutemine mutig.
"Ich bin ja auch noch nicht erwachsen", brummte das Felldings, das wohl ein Bärenkind war.
"Dann habe ich was, das bestimmt viel besser schmeckt als ich", sagte Prinzessin Gutemine.
"So? Was denn?"
"Ein Wurstbrötchen. Das hat mir die Köchin im Schloss für den Weg mitgegeben." Das stimmte nur halb, denn die Prinzessin hatte der Köchin nicht verraten, dass sie in den Wald gehen wollte.
"Oh, gibst du mir davon was ab?" fragte das Bärenkind, und schon wieder sabberte es ein wenig auf das Gesicht der Prinzessin Gutemine.
"Dafür musst du erst einmal von mir runtergehen, sonst komme ich nicht dran."
Das sah das Bärenkind ein und stiegt von der Prinzessin herunter.
Prinzessin Gutemine war buchstäblich erleichtert. Sie stand auf und wischte sich erstmal das Gesicht trocken. Dann klopfte sich die schmutzige Erde von ihrem hellblauen Samtkleid. Danach suchte sie endlich in den Falten des Kleides nach dem Wurstbrötchen.
Als sie es gefunden und hervorgeholt hatte, sah das etwas seltsam und platt aus, weil das Bärenkind auch darauf gesessen hatte. Sie schaute das Bärenkind etwas vorwurfsvoll an, als sie ihm das Wurstbrötchen zeigte.
"Auwei", sagte das Bärenkind. "Entschuldige!"
"Na, nicht so schlimm", meinte Prinzessin Gutemine. "Es schmeckt bestimmt genau so wie vorher."
Damit brach sie das Wurstbrötchen in der Mitte durch. Das war nicht ganz einfach, und ein wenig krümelte auch auf den Boden. Das sah eine Ameise, die gleich ihre Freunde rief.
Prinzessin Gutemine aber gab die eine Wurstbrötchenhälfte an das Bärenkind. Und dann aßen die Prinzessin Gutemine, das Bärenkind und die Ameisen das Wurstbrötchen auf, bis gar nichts mehr übrig war.
Und als der Festschmaus vorüber war, verabschiedete sich Prinzessin Gutemine bei dem Bärenkind, indem sie sein Fell knuddelte. Das war kuschelig! "Ich muss jetzt wieder nach Hause", sagte Prinzessin Gutemine", weil es schon so spät ist und der König und die Königin sich keine Sorgen machen sollen."
Das verstand das Bärenkind natürlich, und die Ameisen verstanden es auch. Alle winkten sie der Prinzessin Gutemine zu, als sie wieder den Weg zurück zum Waldrand ging, und sie winkte auch noch ein Weilchen, dass sie beinahe über eine Wurzel gestolpert wäre.

Prinzessin Gutemine im Paddelboot


Die drei Märchen um Prinzessin Gutemine
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© Text: Oliver H. Herde
Zeichnung: Katrin Kerbusch
Elf und Adler Verlag

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