Samstag, 26.8.1995; erster Reisetag

5:30

Das Telefon klingelt wie angekündigt zweimal. Meine Mutter hatte Angst, ich könne verschlafen. Dabei bin ich geistig hellwach - nur die Motorik will noch nicht so richtig.
Mit einer Viereinhalb-Zimmer-Wohnung hat man etwas, wo man sich die Beine vertreten kann. Ich hetze von Raum zu Raum, weil ich überall etwas zu erledigen habe. Milch kochen, Wetter prüfen, Koffer schließen...
Ach was, den Magneten mit der Schnur lass ich doch besser hier. Könnte peinlich werden, wenn ich in irgendeiner Kirche in einem Spendenbecken angele, während mir drei Dozenten und ein Schwarm Studis zwischen den Beinen umherrennen.
Schnell noch etwas Brause in meine Trinkflasche umgießen. Den Rest gut zudrehen, damit ich nach meiner Rückkehr in gut zwei Wochen noch etwas von der Kohlensäure merke.
Was zieh ich denn nun an? 18 Grad, bedeckt. Steigt sicher noch. Ist ja erst sechs. Also kurze Hosen und ebensolches Hemd. Und natürlich Sandalen. Ich hab nämlich sonst keine Schuhe in wetterfestem und gleichzeitig vorzeigbarem Zustand. Die Leinenschuhe kann ich unmöglich mitnehmen, wie die nach Autoreifen stinken! Na, wenigstens kosteten sie nur fünf Mark...
Italien sei das Land der Schuhe, sagt meine Mutter.
Italien sei ein billiges Land, sagt Herr Dahlheim.
Da wird sich doch etwas finden lassen!

6:09

Die Umhängetasche in den Flur und dann frühstücken. Eigentlich wollte ich ja um Viertel los, aber ich hab ja großzügig gepl...
He! Die Tasche fühlt sich ja an wie ein Wasserbett! Oh nein, alles schwimmt! Die Kohlensäure hat den Schraubverschluss gesprengt!
Dann eben ohne Buch und ohne Walkman. Alles raus, abgeschüttelt und auf dem versauten Kühlschrank deponiert. Mama wollte nachher sowieso herkommen und abschließen, damit ich keine Schlüssel mitnehmen muss. Geschirrhandtuch rein in die Tasche, raus aus der Tasche - und säuberlich wieder aufgehängt. Das wird da drinnen nachher schön kleben!

6:21

So, jetzt aber Frühstück! Zu spät, zu spät! Ich muss an ein weißes Kaninchen mit Herzwappen denken.

6:28

Tür zugeknallt und weg.
Nach vorsichtigen Schätzungen bin ich genauso schnell wie ohne Koffer.

6:42

In der U-Bahn steigt eine Frau mit Koffer zu. Noch eine, die einen Grund hat, um diese Zeit unterwegs zu sein. Aber was treiben all die anderen hier?

7:01

Ernst-Reuther-Platz. Mal sehen, ob ich den Parkplatz der Hypo-Bank an der richtigen Stelle vermute...
Dahlheim meinte zwar, er fährt pünktlich um 7, auch wenn jemand fehlt, aber das glaubt er doch selbst nicht!
Mir ist vielleicht heiß!
Ah, da ganz hinten! Die grünen TU-Busse. Jetzt könnte ich mal langsam überfahren werden, sonst muss ich doch noch mit.
Michaela, mit der ich das Referat halte, sehe ich als erste. Was lacht die denn so? Schön alberne Frohnatur! Ich lache zurück.
Gleich darauf erfahre ich es: Ich habe am wenigsten Gepäck - und nach eigener Aussage hat sie am meisten.
Lässt mich völlig kalt. Na ja, ehrlich gesagt, mit ersterem habe ich zwar gerechnet, aber ein wenig stolz macht es mich schon.
In dem allgemeinen Fieber nehme ich außer Michaela kaum jemanden bewusst wahr.
Es wird kälter und beginnt zu regnen. »Ich überlege, ob ich mir die lange Hose anziehe«, denke ich laut.
»Ja, mach das mal«, erwidert Michaela lachend.
Hm. Gleich zu Beginn vor allen Leuten? Im Prinzip hätte ich keine Probleme damit, aber es könnte jemanden verschrecken. Heben wir uns das für später auf.
Ob ich ins TEL rüberrenne? Nein, wer weiß, wann die hier loswollen. (Darauf, dass am frühen Samstag geschlossen sein könnte, komme ich bemerkenswerterweise gar nicht.) Dort, hinter die Büsche vom Vorgarten! Lange Hose raus aus dem Koffer - saus - simsalabim - saus - kurze Hose rein in den Koffer.
Da fällt mir plötzlich etwas von allerhöchster Wichtigkeit ein: »Ist das ein Nichtraucherbus?«
»Keine Ahnung«, antwortet Michaela.
Empörend! Scheint ihr gar nicht so wichtig zu sein!
Uwe der Fahrer - beides weiß ich noch nicht von ihm - erklärt: »Ich bin Raucher.«
Tasche über die Schultern, Koffer in die Hand, und weg bin ich. Die Kofferraumtür war als Regenschutz ohnehin zu klein für uns alle.
Da! Ein halbleerer Bus. Grauslich gelb, aber ich will ja drinnen sitzen und nicht draußen starren.
Drei Mädels auf der Rückbank und ein weiteres in der Mitte der Mittelreihe. Und letzteres sympathisches Gesicht kenne ich auch schon, seit ich Geschichte studiere - allerdings nicht mit Namen.
»Ist das ein Nichtraucherbus?«
»JA!« erwidert der Damenchor lauthals-enthousiastisch.
»Und ist hier noch Platz?«
»Jo, ich weiß nich«, lächelt die Mittige unsicher zurück.
Also IST frei! »Willst du rücken, oder mich durchlassen?«
Sie rückt.
Die restlichen drei Plätze füllen sich männlich; na schön.
Iiieh, der da draußen raucht ja! Na, notfalls habe ich die vier Mädels im Rücken...

7:26

Der Bus fährt an. Die Scheiben beschlagen. Wassermassen ergießen sich auf das morgendliche Berlin herab. Bei den anderen scheint das die Stimmung zu senken. »Ist doch ein ideales Reisewetter. Oder wollt ihr lieber gebraten werden?« Keine Ahnung, ob mir irgend jemand zuhört.
Ein PKW von für mich schwer zu identifizierender, vermutlich aber silberner Farbe überholt uns auf eine irgendwie vertrauliche Weise.
»Zu wem gehört DER denn?« fragt der Fahrer.
Die große Blonde von der Mitte der Hinterbank jammert peinlich berührt auf. Es sind ihre Eltern, die sie zum Startplatz brachten. Das arme Ding!

8:10

Man macht sich bekannt. Zweimal Kerstin. Und zweimal Christian. Na klasse! Hab ja erst ungefähr sechs davon in meiner Telefonliste! Stefan und Stefanie. Soso. Eine Petra und ich.
Im Laufe des Vormittags verbreite ich einige trockene Bemerkungen über die Reise, die Menschheit und was mich sonst noch ärgert. Das hebt die Stimmung - seltsamerweise nicht nur bei mir. Die Leute sind geradezu begeistert von meiner Nörgelei! Wer hätte das gedacht! Besonders Raucher-Christian neben mir ist ein dankbares Publikum. Das heizt mich natürlich weiter an.

11:46

Am ersten Treffpunkt kommt der Bus als Etappensieger an. Wir kraxeln vier oder fünf Treppen hinauf in ein Café, das quer über der Autobahn hängt. Mir sehr recht, dass keiner den Fahrstuhl benutzen will.
Die anderen bestellen etwas zu trinken. Ohne einen Blick auf die Preise zu werfen, ahne ich die Gefahr und verzichte. Hab ja noch Johannisbeersaft.
Es dauert fast eine halbe Stunde, bis der zweite Bus erscheint. Ab und zu dudelt ein Spielautomat eine lustige Melodie, die mich zum rhythmischen Mithampeln veranlasst, was besonders Fahrer-Christian zu belustigen scheint. Aber so etwas bestärkt mich ja nur in meinem Treiben.
Na, das war dann wohl die Mittagspause. Macht nichts! Wir haben ja alle noch genügend Proviant. Wenn ich an die Schokoladenkekse denke, die nach den Äpfeln und Pfirsichen schmecken, mit denen sie im fantaverklebten Frischhaltebeutel stecken...

13:28

Irgendeine bayerische Tankstelle mit Raststätte - oder umgekehrt. Was wollen wir hier? Das letzte Tanken liegt doch höchstens eine Stunde zurück. Da steht ja der Hunecke-Bus! Und da die anderen beiden.
Stefan sucht einen geeigneten Parkplatz, und schließlich kapiere auch ich endlich, was das besondere Flair dieses Anziehungspunktes ausmacht: Hier steigt Herr Miller zu.
Soweit ich von meinem Platz aus sehen kann, ist nichts Ungewöhnliches für einen Bayern seines Alters an ihm. Außer vielleicht dem Inhalt der drei anderen Busse, der ihn umringt.
Die Mädels wollen gleich hin, ihm die Hand drücken. Stefan meint sinngemäß, das sei irgendwie zu unterwürfig, Fahrer-Christian enthält sich wie bisher, und dem anderen Christian gilt das Hauptinteresse wohl wieder nur seinen Stinkstäbchen.
Also, ich entferne mich jedenfalls nicht weiter vom Bus, als ich Platz für ein paar Kniebeuge brauche. Miller hat ja genug Gesellschaft, da kann er sicher gut auf jemanden verzichten, den er nicht kennt und der ihn nicht kennt. Keine Ahnung, ob hier irgend jemand meiner Stellungnahme lauscht...
Die Mädels eilen jedenfalls erregt davon, als gälte es, das Autogramm eines Popidols für Halbwüchsige zu ergattern.

14:46

Wir quälen uns die kleinen Straßen eines bayerischen Städtchens entlang. Wo ist denn auf einmal die Autobahn? Offenbar steuern wir unser erstes Ausflugsziel an: Etwas, das die anderen als 'Eremitage' bezeichnen.
Hm. Soso! Was mag das sein?
Übersetzt hieße es wohl soviel wie Einsiedelei.
Hm. Soso! ...und bin so klug als wie zuvor...

14:59

Wir stehen auf einem Parkplatz. Ich erfahre, dass das eben Bayreuth war. Noch sehe ich nichts, das jemandem besichtigungswürdig erscheinen könnte. Sind wir hier richtig? Hoffentlich finden uns die anderen Busse.

15:07

Nach und nach sind die anderen eingetroffen. Nun stehen wir hier und warten scheinbar immer noch auf irgend etwas. Das gibt mir genügend Zeit, über meine Garderobe zu sinnieren. Bedeckt, Temperatur aufgrund fehlenden Thermometers unbekannt. Friere ich eigentlich mit meinem einen Pulli? Immerhin ist es fast windstill. Mir sehr angenehm! Na, ich kann ja schnell noch die Regenjacke in meine Tasche knüllen, für alle Fälle. Mit den Sandalen besteht natürlich eine Nasse-Füße-Gefahr, der ich leider nicht zu begegnen vermag. Jetzt wären Leinenschuhe gefragt, aber vielleicht finde ich ja in Italien welche - auch wenn ich sie da vermutlich weniger dringend brauchen werde als hier.
Ein Typ quatscht die Gruppe an und drückt Dahlheim drei Postkarten in die Hand, die der umgehend an die Studis weiterleitet. Da das rege Interesse an Postkarten bei den meisten noch nicht geweckt scheint, landet eine auch bei mir. Ziemlich langweiliges Motiv. Vier Ansichten eines Hotels, für das die Karte wirbt. Als ich sie nicht mehr loswerde, stecke ich sie eben ein. Ich kann einfach nichts wegwerfen.

15:27

Wir sind eine Parkanlage entlanggeschlendert und stehen jetzt an einem großen Brunnen mit vielen Figuren, im Hintergrund ein kleines - hm, ja - Bauwerk, das wie der Ausschnitt eines Schlosses auf mich wirkt. Sehr hübsch, mit bunten Steinen verkleidet und allerlei Büsten verziert. Würde mich interessieren, wer da alles dargestellt ist.
Dahlheim winkt alle zusammen. »Manuela!« rufe ich, weil die Gemeinte mit Nellie in ein Gespräch vertieft ist und nichts mitbekommt. 'Nein, Moment!' denke ich. 'Da hast du dich vertan!' Aber Michaelas rasch folgender Wortschwall der Entrüstung lässt mir gar keine Zeit zur Korrektur.
Herr Dahlheim beginnt seinen ersten wie immer völlig frei gehaltenen Vortrag. Dem Mann kann man auch mal etwas länger folgen, ohne geistig abzutreiben!
Aha, der Bau, ist also so eine Art Nebenschlösschen und die Eremitage eine Schlossanlage. Wieder was gelernt!
Als er eine kurze Sprechpause macht, beginnt der Springbrunnen wie auf Bestellung seine Tätigkeit. Die Figuren nehmen so ziemlich alle an einem allgemeinen Spuck- und Schüttwettbewerb teil. Dahlheim gibt sofort scherzhaft vor, das sei so geplant gewesen. Er unterbricht seine Rede erst einmal, damit wir uns von dem Brunnen berauschen lassen können.

15:41

Trotz allen menschlichen Gestaltungsdranges eine recht angenehme Anlage mit einer märchenhaften Atmosphäre: viel Wald, wenig Gebäude.
Das Kriechtempo der Gruppe lässt mich allerdings bald ein wenig frösteln. Ich ziehe mir die Regenjacke über und falle dadurch zwangsläufig ein Stück zurück. Als ich wieder aufhole, amüsiert sich Michaela bereits von Weitem über mich. Was gibt es denn jetzt schon wieder zu lachen? Mit viel Mühe und etwas Kombination ziehe ich es ihr aus der Nase: Meine hell-mit-dunkelblaue Regenjacke passt so schön zu meiner dunkel-mit-hellblauen Umhängetasche. Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, und weiter? Nun ja. Manche Leute sind halt schnell zu begeistern. Freut mich immer, wenn ich jemanden fröhlich stimmen kann.

15:45

Ziemlich hügeliges Gelände. Rauf, runter, rauf, runter... Würde mir an sich nichts ausmachen - mit passendem Schuhwerk.

17:04

Eine Klosterschule, die von außen nicht viel her macht. Die Giebel an den Fenstern sind nur aufgemalt. Und von dem Prunk und Kitsch in der Kirche wird mir ganz anders. Stefanie ekelt sich über den Jesus in der Nähe des Eingangs, der ganz bleich geschminkt und von Wunden übersät ist.
Gibt es in diesem Land keine Mülleimer? Anscheinend ist alles Geld für Schule und Kirche verbraucht worden. Nach einer Weile gebe ich das Suchen nach einem geeigneten Plätzchen für mein Bonbonpapier auf.

18:53

Ebersberg. Hier übernachten wir. Wie hieß das Hotel doch gleich? Wer hat, kramt Reiseliste und Hotelplan hervor. Ich habe nicht. Was soll ich mich damit abschleppen?
Wir verfahren uns ein bisschen. Dann fragen wir aus dem Bus heraus eine Gruppe Einheimischer nach dem Hotel. Dabei geben wir - also ich eigentlich weniger - uns so albern, dass die Leute ja ein schönes Bild von den spinnerten Preußen bekommen müssen!

18:56

Zweiter Platz hinter dem Miller-Bus. Schade eigentlich. Ärgerlicher ist, dass der Dahlheim-Bus als letzter eintrudelt. Ohne den Rudelführer lässt man uns nämlich nicht auf die Zimmer.
Oha, drei Sterne! Na, wir scheinen es ja zu haben! Andererseits - immerhin kostete mich der Spaß bereits ganze 750,- DM!
Mit wem will ich eigentlich mein Zimmer teilen? Vielleicht mit dem ruhigen Fahrer-Christian?
Zuerst soll ein Dreibettzimmer für drei Herren weg. Als sich die Herren aber alle zieren, bieten sich die drei Damen von unserer Rückbank an. Geht aber angeblich nicht wegen der Anzahl von Männlein und Weiblein. »Ich ziehe auch gern mit zwei Damen zusammen.« Irgendwie wird mein Vorschlag nicht mit dem nötigen Ernst aufgenommen.
Mangels meiner weiteren Entschlusskraft kommt mir Christian mit dem Vorschlag, ein gemeinsames Zimmer zu nehmen, zuvor. Als wir aber an die Reihe kommen, zieht Dahlheim noch ein Einzelzimmer aus dem Ärmel. Nur für Fahrer!
Ich stehe also wieder allein umher, da bietet sich Christoph aus dem Dahlheim-Bus an, dem langsam scheinbar auch schon alles egal ist. »Rauchst du?« ist dabei meine erste Sorge. »Ja, aber nicht unbedingt auf dem Zimmer!« Also gut, darauf kann ich mich einlassen.
Es stellt sich heraus, dass wir einen eigenen Eingang haben. Ist ja wieder mal typisch. Die Herdes bekommen sogar dann noch eine Extrawurst, wenn sie gar keine wollen.
Mit Koffer und Tasche sause ich die steile Treppe zum Hotel wieder hinab und mache mich die Straße entlang auf die Suche. Nee, da kommt schon das Nachbargrundstück! Der Eingang muss auf der Terrasse liegen. Also haste ich die Treppe wieder hinauf - nicht ohne mich bei einem knieschürfenden Zwischenstopp auf den Bauch zu legen.

19:52

Ich sitze in irgendeinem Restaurant, dessen fragwürdigen Namen ich schon wieder vergessen habe. 'Seerose' oder irgend so etwas Plüschiges. Zum Glück hält es mehr als der Name verspricht - es stellt eine einigermaßen gelungene Mischung aus Lokal, Kneipe und Dorfdisko dar.
Oje, in die schwarzgekleidete, rotschopfige Bedienung mit den dunklen Augen könnte ich mich verlieben. Leider scheint das hier nicht ihr Tisch zu sein.
Jedenfalls dürfte der Wirt heute Abend ein zufriedener werden - es scheinen sich so ziemlich alle Mitreisenden versammelt zu haben.
Was gibt es denn so an einstellig kostenden Gerichten? Ein Eintopf für 5,60 DM auf einem Extrazettel erheischt den Niedrigpreissieg. Immer noch ganz schön happig, wenn ich bedenke, dass ich sowas in der Mensa für 1,60 DM bekomme... Soll ich mich gleich als Geizhals in Verruf bringen, indem ich den wähle? Die dunkle Kerstin aus meinem Bus nimmt ihn auch! Klasse!
Die im Schimmerlicht auf mich schwarzhaarig wirkende, etwas kräftigere Kellnerin kommt vom Nebentisch heran, wo sie wohl ein paar Nerven an einen Haufen unentschlossener, quirliger TU-Berliner verloren hat. Kaum dass sie hier ist, packt sie ein ahnungsvolles Schaudern. »Gehört ihr etwa auch dazu?!« fragt sie halb lachend. Es wird eine lustige Bestellungsszene geliefert.
Serviert bekomme ich meinen Eintopf von Rotschöpfchen. Leider erkundigt sie sich trotz meines allerschönsten Samstag-Abend-Lächelns nicht nach meiner Telefonnummer.
Schließlich füllen sich die letzten Plätze an unserem Tisch. Da wären - Kaffeemühle an - die eigentlich Cornelia heißende Nellie, Michaela, der nette Ulrich, Kerstin, Christoph und Anja - Kaffeemühle aus.
Im Laufe des Abends erfahre ich, dass Kerstin bei einem Erasmus-Seminar Italienisch gelernt hat und dass es im Dahlheim-Bus noch eine dritte Kerstin gibt. Sie - also die 'italienische' Kerstin - und Ulrich stammen aus Sachsen. Hätt' ich gar nicht gedacht.
Und wie so alle ihre Herkunft schildern, entzündet sich eine wahnsinnig interessante Diskussion, ob Berlin doof ist oder nicht und warum denn überhaupt. Vor allem Christoph vertritt sehr die contraberlinäre Position, was die Frage aufwirft, was er dann da eigentlich will.
Boah, is dat langweilich! Irgendwann versuche ich die Debatte abzuschießen, indem ich erkläre, das sei ja doch alles Geschmackssache. Und fast habe ich auch Erfolg damit, doch Christoph lässt nicht locker.
Kurz darauf wollen Michaela und Nellie gehen. Für mich ein idealer Anlass, der verqualmten Luft zu entfliehen. Ich zahle passend, wie ich es gewohnt bin - Trinkgeld gibt es bei mir nicht. Teuer genug, diese Lokale, und schließlich will ich mit 274,13 Mark und 18175 Lira auskommen. Wieso habe ich eigentlich so viel mitgenommen für nur 18 Tage!?
Auf dem Heimweg erfahre ich von meinen geburtsberlinerischen Begleiterinnen Nellie und Michaela, Christoph sei richtig aggressiv gewesen während des Disputs. Hab' ich wohl wieder die Hälfte verpennt.

22:16

Das Hotel ist dicht. Mir kann's ja eigentlich egal sein wegen meines persönlichen Privateingangs. Dennoch versuche ich zur Problemlösung beizutragen, indem ich die Tür genauestens auf Schlüssellöcher, zusätzliche Klingeln, Schiebemechanismen und dergleichen untersuche und alles ausprobiere.
Irgendwann erscheint die Wirtin - nein, nicht im Nachthemd - und öffnet. »Ja, warum kommen Sie denn nicht durch den Haupteingang?« So. Ist er nicht? Nein, ist er nicht! Die Busse stehen nämlich HINTER dem Haus. Muss preußischen Idioten doch mal gesagt werden!
Michaela hat jetzt keine Lust mehr, noch die von mir vor der Reise erwähnten Kartenspielchen zu erlernen, also mache ich es mir vor dem Fernseher gemütlich, bis Christoph kommt.

23:28

Nachdem Christoph sich rührend nach meinem Knie erkundigt und anschließend geduscht hat, überlegen wir umständlich, ob wir den Fernseher abschalten und schlafen wollen. Und als wir beide unser »Ist mir egal« heruntergeleiert haben, ergreife ich zur Abwechslung mal die Tat und schalte ab, obwohl ich mir den Krimi auch noch zu Ende angesehen hätte.
Christoph stellt seinen Wecker und - weil er dem allein nicht traut - den Radiowecker des Hotelzimmers. »Halb zwölf! Hoffentlich kann ich so früh einschlafen!« sinniert er.
»Na, ich kann ja wieder einschalten!«
»Nein, nein!«
Verflixt, das Bett ist zu kurz! Müssen die immer alles für Zwerge bauen? Zudem ist Christophs Wecker auch dann laut, wenn er nicht klingelt! Und was rauscht hier die ganze Zeit? Heizen die etwa? Mitten im Sommer!?
Ich lege mich auf das rechte Ohr, weil ich links alles etwas gedämpft höre.
Meine Güte! Noch 17 Tage!

Zum zweiten Tag


Das Italienische Tagebuch
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Thalia, Weltbild und Hugendubel.

© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

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