29.8.

Frühmorgens

Ich habe durchgeschlafen! Verwirrend.
Aber noch mehr verwundern mich die beiden winzigen Mückenstiche am rechten Fuß und Unterschenkel. Das muss ein Irrtum sein! Ich hatte diesen Sommer doch bereits zwei Stiche! Also ohnehin schon überdurchschnittlich viele! Was bilden sich diese italienischen Mücken eigentlich ein?
Am Frühstückstisch habe ich heute Morgen überhaupt nur noch weibliche Gesellschaft. Und das ist mehr, als mein Gehirn verwalten kann, also konzentriere ich mich mit meiner schweigsamen Aufmerksamkeit wieder vor allem rechtswärts, wo sich wie gestern meine Busdamen versammelt haben.
Als Dahlheim kommt, passt er nirgends mehr hin, als an einen noch völlig unbesetzten Tisch. Minutenlang muss er dort einsam und verlassen sitzen. Wo er doch auch so gerne schwadroniert!

8:32

Wir sausen über eine Autobahn, wo ich Ungeheuerliches erfahre: Unsere Zwischenabrechnung stimmt nicht! Wir haben vermutlich an irgendeiner Autobahnausfahrt vergessen, nach der Quittung für die Autobahnbenutzungsgebühr zu fragen. Zwecks Arbeitsteilung bekommt Kerstin - die schläfrige, nicht die barfüßige - die Aufgabe anvertraut, die Rechnungen zu sammeln und gemeinsam mit dem Busgeld aufzubewahren. Daraufhin erhält sie von mir den Rang einer Zahlmeisterin.
Um weitere Fehlbeträge in unserer nicht gerade einbruchssicheren Briefumschlagkasse zu vermeiden wird Stefan, der gegenwärtige Fahrer darauf getrimmt, an der Ausfahrt nach der Quittung zu fragen. »Wie heißt das noch mal auf Italienisch?« Die richtige Lösung lautet: Ricevuta.

8:35

Wir stehen an einem Kassiererhäuschen vor der Ausfahrt. Stefan ist ganz nervös, weil ihn der gesamte Bus beobachtet. Und kaum dass er das Geld hinüberreicht, grölt der Buschor einstimmig: »RITSCHEWUTA!«

8:43

Wir erreichen einen - zahlungspflichtigen - Parkplatz in Parma. Die anderen Busse sind schon da. Die Herren Professoren treiben zur Eile, doch das hindert eigentlich niemanden - zumindest nicht aus unserem Bus - seitwärts in das eine oder andere Geschäft hineinzuhüpfen.
Petra und ich übernehmen da eine echte Vorreiterrolle, indem wir erst einmal ganz in Ruhe eine Bank aufsuchen. Wir wollen gemeinsam umtauschen, um uns die Gebühr zu teilen. Erst kommen wir kaum rein, weil die Türen mit einem als geradezu absurd zu bezeichnendem Sicherheitssystem ausgestattet sind.
Noch an der Kasse überlege ich hastig, aber nichtsdestotrotz langsam, wie viel ich denn eigentlich tauschen soll. An den ersten beiden italischen Tagen habe ich stattliche 23.000 Lira ausgeben müssen. Sechzehn sind wir in Italien. Also mal acht. Macht 184.000 Lire oder vorsichtshalber 190 Mark. Nein, wieso eigentlich vorsichtshalber? Will ich denn weiter so verschwenderisch mit meinem Gelde umgehen? Und was, wenn ich jetzt zuviel tausche? Ich habe nicht vor, mehr Lire nach Hause zu nehmen, als ich mitbrachte. Außerdem kann ich ja noch nachtauschen. 150,- sollten also erst einmal genügen.
Ich drück sie Petra in die Hand und lass sie machen. Sie kann ein paar Worte Italienisch mehr und ich bin fauler. Von ganzen 250 Deutschen Mark trennt sie sich!
Und dann bekommen wir unser Spielgeld. Ist mir schlecht! Wie soll ich das alles wieder loswerden? Ein Blick auf die Quittung beruhigt mich: Die Gebühren betragen einigermaßen schlappe 5.000 Lira. Zweieinhalb Copertos, sozusagen. Tja, Herr Dahlheim, wo sind nun die Plünderer?
Nach einem kurzen Halt an einer Apotheke, wo die Mädels sich mit Werweißwas eindecken, gelangen wir auf wirren Wegen zum Domplatz. Hier erklärt man uns von professorischer Seite her, es sei noch alles geschlossen. Ja, meine Güte, wofür rennen wir dann eigentlich so? Da hätte man doch mal ganz in Ruhe nach einem Supermarkt Ausschau halten können! Also wirklich!

8:59

Da der Dom so abgeschlossen ist wie alles hier, stehen wir davor, und Miller hält wieder seine Monologe. Bekommt der denn nie einen trockenen Hals? Habe ihn noch nicht ein einziges Mal was trinken sehen. Essen übrigens auch nicht.
Außer uns kommt hier um diese Zeit kaum jemand vorbei. Und da sich Millers Objekt der Betrachtung bestenfalls auf atomarer Ebene Bewegt, freuen sich meine Augen und mein Hirn, als sie etwas zu tun bekommen: Ein einsässiger Bursche führt seinen Hund gassi. Zugegebenermaßen ein besonders hässliches und dümmlich wirkendes Exemplar. Ich meine natürlich den Hund. Was soll ich mir einen hässlichen und dümmlichen Menschen ansehen, wenn ich einen hässlichen und dümmlichen Hund beobachten kann?! Letztere sind nun einmal seltener. Jedenfalls ist es eine Dogge oder sowas ähnliches, das da zwischen uns und dem Tempel vorübertrippelt, ohne aufzupassen, wo es hintritt.
Schwupps, verschwindet sein linkes Hinterbein in einem Gully! Hundehasser Dahlheim amüsiert sich königlich. »Seht euch das blöde Vieh an! Das geschieht ihm recht!« und so weiter.
Langsam stehe ich kurz davor, dem einfältigen, aber bemitleidenswerten Wesen Beistand zu leisten, da begreift endlich auch das weitergelatsche Herrchen, was los ist, und eilt zu Hilfe.

9:12

Als wir den Platz verlassen, hält mich Dahlheim an, um meinen Blick noch einmal zurückzuwenden, und schwärmt, was für ein herrliches Bild das doch sei: Das achteckige Baptisterium, der Dom und dahinter noch ein Kirchturm - alles auf einmal!
Nun ja, ich bin nicht gerade für meine Fähigkeit bekannt, überschwängliche Begeisterung zu zeigen. Und ich bin ja auch nicht überschwänglich begeistert. Dennoch sollte ich mir vielleicht etwas Mühe geben, dem armen Kerl Bestätigung widerfahren zu lassen. Statt dessen weise ich ihn auf die mich blendende Sonne hin. Manchmal bin ich ein echtes Trampeltier.
Und um dem die Krone aufzusetzen, frage ich ihn ausgerechnet jetzt, da es mir seit Tagen im Magen liegt, ob sich etwas ergeben hätte wegen des Kurses, den ich gerne halten möchte: Textverarbeitung für Historiker.
Für das Wintersemester sei es ohnehin zu spät, erwidert er.
Hoffentlich bin ich ihm jetzt nicht auf den Schlips getreten! Ich werde es im Laufe der Reise noch einmal bei Hunecke probieren, der momentan ohnehin Institutsleiter ist. Aber diesmal warte ich wirklich die passende Gelegenheit ab!

9:21

Alles ist halt doch nicht zu. Wir trippeln zu einem kleinen Museum, wo sich wieder einmal alles unschlüssig vor dem Eingang staut. Dabei wischt mein Blick kurz über ein bunt geknüpftes Bändchen, das dort am Boden liegt. Die Leute gehen ja so achtlos mit ihrer Habe um!
Während wir noch auf ein Zeichen warten, hält mir Petra auf einmal jenes Bändchen vor die Nase. »Kannst du das brauchen?«
»Wofür denn?«
»Ich weiß nicht, für das Wappen, dachte ich.«
In der Tat kommt mir sogleich der Gedanke, selbiges mit jener Schnur am Wagen zu befestigen. Ist doch lustiger, wenn wir nur auf der Reise Gefundenes für unser Wappen verwenden!

10:42

Nach dem Museum, in dem es vor allem Wand- und schlimmer: Deckenmalereien zu betrachten und zu interpretieren gab, geht es sogleich weiter zur Galleria Nazionale.
Ein paar Stufen hinauf, und schon dauert es wieder aus mysteriösen Gründen lange Minuten, bevor wir eintreten. Es kann nicht nur am Andenkenramschladen liegen...
Dann geht es die nächste Treppe empor und schon... stehen wir wieder dumm an einer Kasse herum.
Dahlheim will die Eintrittskarten nicht rausrücken, weil sie ihm als Zahlungsbeleg für den Exkursionshaushalt dienen.
Letztlich gelangen wir nicht etwa in irgendwelche Ausstellungsräume, sondern in ein altes Theater. Allemal interessanter als eine Kirche! Um so auffallender, dass Miller hierüber kaum etwas zu erzählen weiß oder wünscht. Aber auch das genügt noch.
Anschließend dürfen wir uns relativ frei in einem Museumsabschnitt ergehen. Und während sich die Dozentenschaft mit einem Studentenpulk vor allem Bilder mit religiösen Themen vornimmt, setze ich meine Akzente entschieden anderswo. Zum Beispiel bei den Büsten aus dem schätzungsweise 18. Jahrhundert. Leider sind sie nicht hinreichend beschriftet. Es scheint sich auch nicht um allzu bekannte Persönlichkeiten zu handeln. Dennoch interessante Köpfe! Was mag in ihnen vorgehen?
Irgendwann kenne ich auch die Rückseiten auswendig, während bewusste Gruppe gerade die Hälfte ihres Programms absolviert hat. So verlagern sich meine erwähnten Akzente auf eine bequeme Sitzecke, wo sich auch schon andere niedergelassen haben. So sammeln sich mehr und mehr auf den schwarzen Ledersofas: Anja, Bernd und die gesamte Damenriege unseres Busses, sowie weitere wechselnde Ermüdete. Es wird sich unterhalten, gelegentlich auch aufgestanden, da man ja nicht sooo lange sitzen kann. Die Vorbeiziehenden tragen fast ausschließlich vertraute Gesichter. Die Galerie scheint nicht sonderlich populär.

12:37

Die Galerie sei abgehakt, heißt es sinngemäß. Wir bekommen frei bis zwei.
Stefanie quäkt jedoch immer wieder, sie möchte noch Erasmus besuchen. Das muss wohl der aus Rotterdam sein, der hier irgendwo als Bildnis versteckt sein soll. Das lohne sich nicht, behauptet die Reiseleitung. Nichtsdestotrotz will Steffi ihren Erasmus sehen, und auch die anderen drei Busdamen sind interessiert. Das kleine Problemchen dabei ist: Sie haben den Standort auf dem ziemlich schauderhaften Plan gezeigt bekommen, den es hier scheinbar gratis gibt. Nach der Theorie gewisser Unverständiger hätte ich also einen nehmen müssen... Jedenfalls biete ich mich an, die Mädels zu führen, zumal ich sowieso nicht wüsste, was ich in dieser Stadt eine Stunde lang tun sollte.
Zuvor fragt Zahlmeister-Kerstin noch eine Gruppe junger Museumsangestellter nach den Toiletten. Sie scheint entsetzt über die Antwort, da beginnen die Schlawiner zu lachen. Der eine hat nämlich behauptet, es gäbe hier gar keine Toiletten, und Kerstin glaubte es ihm sofort.

12:41

So, ich bin entleert und erfrischt, aber bei den Mädels staut es sich natürlich. Ich denke nun einmal praktisch, also überrede ich Petra und unsere Zahlmeisterin, das Herrenklo zu benutzen, während ich Wache halte. Wie gesagt, die Galerie ist nicht sonderlich rege besucht, und die Toiletten liegen unter den Rängen des Theaters gut versteckt. Alle Geschäfte können ungestört abgeschlossen werden.

12:53

Während ich uns den Pfad durchs Museum finde, zeige ich meinen Begleiterinnen mal, was mein persönliches Marschtempo auf fremdem Gelände darstellt. Die Armen können kaum mithalten, wie ich sie durch die stummen Zeugen vergangener Generationen scheuche. Trotz meiner Versicherungen werde ich wiederholt gefragt, ob wir noch richtig seien. Derart genötigt werfe ich einen flüchtigen zweiten Blick auf Stefanies Karte. »Klar sind wir!«

12:55

Dort hinten in der Ecke muss es sein! Das sagt mir allerdings nicht nur mein Orientierungssinn, sondern auch die doch recht überraschende Anwesenheit dreier gewisser Professoren der Technischen Universität zu Berlin. Soso, Erasmus lohnt nicht, wie?
Sicher, für ihn allein hätte ich mich kaum in dieses Museum bemüht. Andererseits lohnt er mehr als all der kirchliche Krempel, den wir im offiziellen Teil sahen. Er gefällt mir also durchaus, und die Mädels sind schlichtweg begeistert.

13:14

Wir gelangen in ein Straßencafé, wo meine vierfache Begleitung zu pausieren wünscht. Geistesgegenwärtig erfasse ich das Gelände und nehme jenen der sonnigeren beiden Plätze an dem Winztischchen ein, auf dem ich das Gestirn im Rücken habe. Dann gönne ich mir eine Cola und teile mir gar einen Salat mit Petra, die keinen ganzen zu schaffen meint.
Unfern gastieren nun auch die Professoren. Man grüßt sich albern.
Bald klagt Stefanie zunehmend über die blendende Sonne. »Tja, was glaubst du, warum ich mir den Platz hier ausgesucht habe?«

14:07

Als ziemlichletzte erscheinen wir auf dem Domplatz. Man betrachtet die Ornamentik über dem Eingang des achteckigen Basilikums - äh, Baptisteriums! Hübsch rosa, das alles. Na und?
Miller macht mal einen Ansatz, uns einzubeziehen. Es helfe ja schon, erst einmal zu beschreiben, was man sehe.
Michaela beginnt mit dem, was ihr zuerst ins Auge sticht: »Da wird einer geköpft!«
Mit der Zeit wird das gesamte mittelalterliche Wandcomic entschlüsselt. »Na bitte«, meint Miller, »was man alles herausfindet, selbst wenn man gegen jegliche europäische Tradition auf der rechten Seite anfängt!«

15:20

Nachdem wir weite Teile der Fassade ausgiebig besprochen haben, und auch die Oma im Kassenhäuschen ihr Bestechungsgeld erhalten hat, stehen wir nun also im Baptisterium. Obwohl, wenn man es korrekt übersetzt, stimmt das ja nicht ganz, da das Badebecken natürlich nicht das gesamte Gebäude einnimmt, sondern nur dessen Zentrum.
Die sonstige Einrichtung kann auch von dem Laien leicht als neuzeitlich datiert werden: Einige Sitzgelegenheiten und diese Apparaturen, über die man sich nach Geldeinwurf volllabern lassen kann. Doch eigentlicher Gegenstand der Betrachtung sind zum Leidwesen der Nacken und Wirbelsäulen wieder mal die Deckenbildnisse.
Schon nach kurzem Hinsehen fallen mir unter all den Männerportraits - Aposteln und anderen Unbekannten - drei mit Tierköpfen auf. Gestalten wie aus dem ägyptischen Mythos! Ist ja hochinteressant! Natürlich löse ich das Rätsel nicht, solange ich mich allein damit befasse. Dafür kenne ich den christlichen Sagenschatz einfach nicht genügend. Also ab zu Dahlheim! Kann er gleich mal sehen, dass ich nicht völlig desinteressiert bin.
Der wundert sich denn auch erst einmal ausgiebig über die Tiergestalten, doch dann fällt es ihm doch ein: Jene sind drei der vier Evangelisten, deren Namen Markus, Matthäus, Lukas und Johannes - wie jedermann wissen sollte - reine Fantasiebezeichnungen sind, da die tatsächlichen Autoren heute niemand mehr feststellen kann. Die Tiergestalten gehören zu den Attributen dieser Herren. Wo der vierte steckt? Auch da oben, doch wird der immer als Mensch dargestellt. Ein weiteres schönes Beispiel für christliche oder auch überhaupt menschliche Inkonsequenz.

16:31

Eine unergiebige Kirche später gehen wir noch mal zurück zum Dom, der ja auch von innen gesehen werden will. Und dies trotz seiner momentanen Unpässlichkeit. Drinnen wird nämlich gebaut. Oder, von mir aus, restauriert. Alles steht voller Gerüste. Allerdings ist es hier wie auf deutschen Baustellen auch: Nirgends ein Arbeitender.
Wir verschwinden rechts über eine Treppe in einem Baugerüst und gelangen in das Querschiff des pompösen Bauwerks.
Sind wir eigentlich vollzählig? Die Gruppe hatte sich auf dem Weg hierher ja sehr in die Länge gezogen. Kommt mir vor, als fehlten da einige. Aber wer? Ich schaue mich um und hake ab: Michaela, Annette, Petra... Nein, so bringt's das nicht! Fangen wir mit dem Bus an: Die Fahrer Christian und Stefan, gut. Raucher-Christian ist da, wo Stefan steckt. Petra hatten wir bereits. Zahlmeisterin Kerstin: vorhanden. Aber Stefanie und die andere Kerstin wimmeln nicht mit wegen akuter Abwesenheit. Und da sich die Spannung mal wieder - oder sollte ich sagen: noch immer? - in Grenzen hält, steige oder vielmehr sinke ich die Stufen wieder hinab, bis man mich vom Eingang her sehen kann.
Kaum eine Minute später erscheinen die beiden Nachzüglerinnen wie auf Bestellung. Wohl auch aufgrund meiner schlanken Gestalt und meines ruhigen Charakters, vor allem aber sicher wegen der Dimensionen des Protzbaus sehen sie mich nicht gleich. Obwohl mir die passende Kelle fehlt, winke ich langsam wie ein Schülerlotse oder Verkehrspolizist - grinsend, selbstverständlich. Besonders Stefanie ist vollauf entzückt, dass ich mich über ihren Verbleib sorgte.

16:54

Es geht zurück zu den Bussen. Nebenbei springen einige wieder in irgendwelche Läden. Leider gibt es nichts für so niedrige Ansprüche wie die meinen. Kein Supermarkt mit ganz normalen Produkten zu ganz normalen Preisen. Dafür deckt sich Stefanie bei einem Zuckerbäcker ein. Und sie verteilt das süße Zeug auch gleich wieder. Nach etwas Erfrischendem stünde mir zwar mehr der Sinn, doch bei meiner gegenwärtigen Versorgungslage kann ich kaum von irgend etwas zuviel haben.

17:08

Das war also Parma. Und ich habe nicht einmal einen Schinken gesehen!

17:39

Vorbei an einem Zisterzienserkloster hat es unseren Bus auf einen nahegelegenen einsamen Parkplatz verschlagen - zur Abwechslung mal wieder als ersten. So kann man mal in Ruhe die Umgebung genießen, die Sonne und die Natur. Fotos werden aufgenommen, es wird fröhlich gequasselt, Urlaub gemacht...

17:47

Schluss mit lustig!
Dahlheims Bus erscheint, und das Zisterzienserkloster wartet.
Immerhin bleiben wir von Kunstschätzen verschont, was uns einen weiteren Monolog des nimmermüden Herrn Miller ersparen dürfte. Und es wird erlaubt, sich nach eigenem Gutdünken umzusehen.
Kreuzgang mit Grünfläche - sehr hübsch, sehr ruhig. Die Toiletten - sehr erleichternd, sehr erfrischend. Die Kapelle...
Naja, hier wird soeben von einer Handvoll Klosterbrüder ein Gesang angestimmt. Ziemlich monoton auf die Dauer. Dahlheim und Konsorten sind ganz begeistert. Ich hingegen beabsichtige nach der dritten Wiederholung, die durchaus stimmungsvoll durch die Tür hereinfallende Sonne zu nutzen.

18:02

Ich versuche vergeblich, es mir auf einem Mäuerchen der Fassade gemütlich zu machen. Dies scheint mir der geeignete Moment, mich der Fortsetzung meines dritten Buches zu widmen. Ich habe extra ein Sechstel DIN-A4-Blatt dabei. Bisher eine unnötige Belastung, zumal ja auch der Kugelschreiber was wiegt.
Schon vor der Reise habe ich mir überlegt, nicht genau dort weiterzuschreiben, wo ich in Berlin gerade unterbrach, da es sich um eine schwierige Stelle handelt. Auch bedürfte es noch gewisser Recherchen zur Fortführung der aktuellen Handlung.
Statt dessen habe ich eine Szene geplant, die zwar erst in einem späteren Kapitel vorkommen wird, aber spannend und lustig ist und somit für mich wesentlich leichter zu schreiben, als manch ein Dialog: Eine Verfolgungsjagd in einem Krankenhaus zwischen Insassen.

18:06

Während ich noch mühsam mit den einleitenden Sätzen kämpfe und unschlüssig darin herumstreiche, kommen auch die grünen Nachzüglerbusse an. Die Passagiere strömen ins Kloster.
Kurz darauf strömt Stefan heraus. Er will sich in ein Café am Ort setzen. Roman folgt ihm. Denen reicht es offensichtlich auch für heute. Und von drinnen tönt immer noch unverändert der Singsang.

19:18

In einer schweigsamen Minute auf der Rückfahrt beginne ich, im April meines Kalenders die Eins für unser Wappen zu entwerfen. Fünf Versionen in unterschiedlichem Stil mit und ohne Schnörkel stelle ich auf dem Papier gegeneinander, bevor ich mich entscheiden kann.
Als ich fertig bin und im Bus immer noch die Ruhe der Ermüdung herrscht, muss ich an mir einen untrüglichen Musikentzug erkennen. Natürlich könnte man das Radio einschalten, aber daran war man im Bus bislang allgemein nur marginal interessiert, und das ist mir auch ganz lieb so. Das Gedudel würde nur die ansonsten üblichen Gespräche im Bus abwürgen und wohl kaum meinem gegenwärtigen Anspruch genügen. Nein, was ich jetzt wirklich bräuchte, wäre eine ordentliche Portion guter Filmmusik. Ich hatte mir ja für die Reise ein Band im Walkman zurechtgelegt mit den besten Themen aus Krieg der Sterne und Indiana Jones. Aber das ertrank seinerzeit alles, wie man weiß. Wie lange ist das jetzt schon her!

19:47

Bevor wir nochmal in Piacenza essen gehen, sause ich runter zu unserem Bus. Dort skizziere ich schnell die Rückseite für das Wappen in den November '94: Fenster, Rücklichter, Nummernschild B-EC2303 mit TÜV-Zeichen... Habe ich auch kein Detail vergessen?
Sieht ja ziemlich unförmig aus. Hoffentlich bekomme ich es besser hin, wenn ich es ins Reine zeichne!

20:12

Tatsächlich! Ein elektrischer Heiligenschein! Welch ein Kitsch! Welch eine Verschwendung! Ich stehe kurz davor mich auf den Dorfplatz zu übergeben. Aber das wäre auch Verschwendung.

20:29

Mein Magen hat sich längst auf die unregelmäßige Versorgung der letzten Tage eingestellt; da genügt es, eine Cola zu bestellen. Zu einer Fanta traue ich mich nicht mehr so recht, da ich sie zuletzt ja in der Dose bekam. Vielleicht wird sie hier zu selten verlangt. Vielleicht hatte ich auch nur Pech. Hoffentlich gießen die hier ihre Cola nicht heimlich aus Dosen in die Gläser. Entsetzliche Vorstellung!
Ich nehme mir vom Weißbrot, das auf dem Tisch herumsteht und blättere nur mal so in der Speisekarte. »Hier gibt es eine Pizza Würstel!« lache ich laut. Endlich mal wieder ein deutschstämmiger Begriff!
Kurz darauf legt der Kellner ein Gedeck für mich hin. Ich hatte doch gesagt, dass ich nichts nehme! Vergeblich versuche ich nochmals, ihm das klarzumachen. Sein Coperto kriegt er von mir jedenfalls nicht! Scheint ihm nichts auszumachen. Vielmehr deutet er an, das habe schon seine Richtigkeit. Was soll das denn? Will der mir etwa was spendieren!?
Irgendwann kapiere ich, dass es die Idee der anderen war, mir etwas gemeinsam zu bestellen. Was es ist, wollen sie nicht verraten. Na, wenn sie es nicht lassen können! Mich ärgert nur, dass ich schon so viel Brot verdrückt habe. Wenn ich das früher gewusst hätte! Hoffentlich schaffe ich das andere noch!
Da kommt mein Essen auch schon: Pizza Würstel.

22:53

Gerade will ich mich aufs Bett fallen lassen, da klopft es. Füßchen-Kerstin möchte Christian sprechen. Und nebenbei überbringt sie mir Stefanies schwarzminigen Kugelschreiber. Aber heute mache ich nichts mehr!
Zum Duschen bin ich auch nicht mehr gekommen. Dann eben in Siena.
Was ist eigentlich für ein Tag? Keine Ahnung. Ist mir auch egal.

Zum fünften Tag


Das Italienische Tagebuch
ist auch als E-Buch bei Tolino erschienen,
erhältlich zum Beispiel bei
Thalia, Weltbild und Hugendubel.

© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

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