30.8.

7:49

Was haben es die Mädels heute eilig! Noch über zehn Minuten Zeit - inoffiziell, wie die Erfahrung lehrt, sicher noch mehr - und ich sitze schon allein am Tisch! Und auch an den anderen herrscht rege Aufbruchsstimmung, soweit überhaupt noch jemand da ist. Das kommt davon, wenn man so viel Gepäck hat!
Ich habe das meine ja auch schon gestern Abend zurückgepackt und mich bei dieser Gelegenheit gefragt, wieso ich es eigentlich herausnahm. Was braucht man schon für drei Tage! Ab jetzt lebe ich aus dem Koffer, das steht fest!
So, ich habe nur noch ein halbes Brötchen. Soll ich dafür etwa ein neues Marmeladenbecherchen anbrechen? Wäre schade um den Rest. Natürlich könnte ich mir die gesamte Packung draufhauen, da habe ich keine Hemmungen. Aber wie so meine Blicke über die Trümmer des vergangenen Frühstücks meiner buchstäblich entlaufenen Tischnachbarn wandern, erkenne ich eine bittere, doch behebbare Wahrheit: Fast keines der Behälterchen ist säuberlich entleert - außer meinem, versteht sich. Mein Müll fault nicht in der Tonne, weil da nichts zum Faulen ist! Aber hier liegen Packungen verstreut... viertelvoll, fast halbvoll sogar! Und wie die schon aufs Brutalste aufgerissen wurden! Wem fehlt hier nun die Esskultur?
Ich sammle die Schälchen ein und entleere sie säuberlich auf meine Brötchenhälfte. Das nenne ich eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung!

8:31

Wir fahren an einem Supermarkt vorbei, und ich weise den Fahrer Stefan darauf hin. Doch er meint, dies sei ein ungünstiger Augenblick. Wir lägen schon zu weit zurück.
So wird das nie was!

11:14

Nach längerer Fahrt erreichen wir einen überfüllten, kostenpflichtigen Parkplatz im dicht gedrängten Städtchen Luca, das die Italiener aus mir Althistoriker unverständlichen Gründen mit zwei Cs schreiben. Was für ein Verkehr! Da kommt man am Ku'damm sicherer über die Straße. Auch bei rot!

11:23

Der Dom gibt nicht viel her. Natürlich nicht! Baustellen wie diese haben wir ja nun hinreichend gesehen. Einzig in Erinnerung bleiben wird mir wohl das Gekreische einer wartungsbedürftigen Hebebühne, sowie die überall herumliegenden Kabel.

12:28

Den hätten wir also auch überstanden! Nun nähern wir uns dem sogenannten 'Amphietheaterplatz'. Ich bin etwas enttäuscht, da es sich einfach um einen von kleinen Häuschen kreisrund umringten Dorfplatz handelt. Auf dieser Reise sollte man besser keine Ankündigung wörtlich nehmen.
Nachdem man sich über die ach so wunderschöne Kulisse genügend ereifert hat, wird die Mittagspause ausgerufen. Ich folge einer Abteilung unter Führung von Herrn Hunecke auf die Straßenmöbel eines Cafés am Platze. Vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit, ein ungezwungenes Gespräch über meine erhoffte Dozentenstelle anzuregen. Ich gebe mir sogar eine Cola aus, um nicht als Geizhals dazustehen. Doch außer, dass Hunecke Füßchen-Kerstin von seinem Kuchen abgibt, geschehen auch hier keine besonderen Vorkommnisse.

13:32

Zurück an den Bussen stellen wir fest, dass Stefanie und Kerstin fehlen. Sie müssen uns irgendwo verloren haben. Sofort teile ich mich als Suchkommando ein, während die anderen beim Bus bleiben sollen. Eilig laufe ich den Weg zurück. Dabei frage ich entgegenkommende Exkursionsmitglieder nach ihnen aus. Zwar sind die allesamt keine große Hilfe, doch bremst mich das genügend, dass die Vermissten mich einholen können. Sie waren eine Parallelstraße entlanggegangen.
Also wieder zurück zum Parkplatz. Kurz vor dem Bus werde ich noch von einem Baum herab von einer Taube mit jenem bedacht, was sie so zu geben hat. Direkt auf den barhäutigen rechten Unterarm. Naja, was soll's! Ist auch Natur und mit dem letzten Wasser aus meiner Trinkflasche und etwas Speichel schnell bereinigt.

14:43

Wir machen Rast neben einem Weinfeld an der Straße. Dabei bringt mich Fahrer-Christian auf etwas, auf das ich dem Klischee nach eigentlich hätte selber kommen müssen: Er kostet einige Trauben. Während ich es ihm noch zaghaft nachahme, hält er den Augenblick mit dem Fotoapparat für die Ewigkeit fest.

15:08

Abermals ein Parkplatz, aber diesmal angenehmerweise nicht mitten in der Stadt, sondern, wie mir zuerst vorkommt, mitten in der Pampa.
Doch schon nach einigen Schritten kommen wir an einer Stinkstelle - äh - Tankstelle vorbei. Ich halte den Atem an und beeile mich, sie zu passieren.
Es geht die geteerte Straße entlang. Viel lieber würde ich den Abhang zu unserer Rechten hinaufeilen.
Hinter einem kleinen Ausläufer tut sich uns unvermittelt ein Stadttor auf: San Gimignano.

15:21

Nach einem Aufstieg innerhalb des Ortes erreichen wir den Domplatz. Hier wimmeln mehr Menschen, als das Städtchen zu beherbergen in der Lage scheint.
Miller erklärt, nach der Besichtigung des Doms sei der offizielle Teil beendet, danach müsse nicht jeder bei der Gruppe bleiben. Man möge sich nur um siebzehn Uhr bei den Bussen einfinden.

15:24

Wir sind im Dom und Miller in seinem Element. Aber die Konzentration lässt auf breiter Basis nach. Einige beginnen, den Tempel in eigener Regie zu begutachten.
Da aber auch dies mich schon bald wenig zu reizen vermag, laufe ich unruhig umher. Bald tigere ich buchstäblich um die Sitzbänke - immer denselben Weg, wie ein gefangenes Raubtier. Zwischendurch versuche ich, Abwechslung in die Angelegenheit zu bringen, indem ich die Richtung wechsle oder statt um den linken um den rechten Flügel Sitzbänke laufe. Doch dann beschließe ich, meinem Unwillen dadurch Ausdruck zu verleihen, nur noch die linke Strecke zu beschreiten. Zwischendurch nehme ich dabei mein normales Marschtempo ein, bin also auffällig schnell an diesem zeitlich zurückgebliebenen Ort. Um jedoch nicht noch jemandes unschuldige Kinder über den Haufen zu rennen, denen es hier ja nicht besser ergeht als mir, bremse ich mich alsbald wieder.
Während alledem geht das elektrische Licht in den Seitenschiffen ständig an und aus. Irgendwann stelle ich den Grund fest: Wer die Wand- und Deckenbilder erleuchtet sehen möchte, muss einen Apparat mit Münzen versorgen. Die Geldschneiderei der Kirche hat sich seit dem Mittelalter doch nicht zu einem Futzel geändert! Nur ihre diesbezüglichen Techniken sind subtiler und umweltfeindlicher geworden. Und Bernd bedrängt die Professoren immer aufs Neue, die Reiskasse zu bemühen, bis selbst diese langsam genug davon bekommen.

15:57

Michaela verschwindet eilig aus der uneiligen Stätte. Ist es also endlich um den offiziellen Teil geschehen? Oder sucht sie nur eine gewisse andere Stätte auf? Oder hat sie nicht die Blase, sondern die Nase voll? Das habe ich schon lange! Aber ich möchte nicht noch unangenehmer auffallen, also beherrsche ich mich noch ein wenig. Vielleicht bröckeln ja gleich noch mehr hinfort, dass ich nicht als zweiter, sondern als fünfter oder sechster gehen kann.

15:59

Ich höre Musik! Liebliche Fötenklänge! Eine vertraute Melodie. Nein, ich liege noch nicht im Sterben, und mein Verstand scheint selbst hier noch zu funktionieren. Sofort aktivieren sich meine Ortungssysteme, vier meiner Sinne ermatten - soweit das überhaupt noch möglich ist - zugunsten des Gehörs, und ich wende mich allmählich dorthin, wo die Erlösung auf mich zu warten scheint. Wen wundert es da, dass mich die Klänge zu einem kleinen Seitenausgang des Doms führen? Doch dieser ist vergittert. Welche Metapher!
Immerhin kann ich den Querflötisten vage erkennen, der dort draußen, so vermeine ich, den Frühling aus Verdis Vier Jahreszeiten spielt. Nun hält mich nichts mehr, kein Gitter und keine Professoren! Ich eile zum Hauptportal hinaus, egal, ob als zweiter oder nicht.
Der Querflötist steht in einem überdachten Seitengang außerhalb der Kirche und spielt von dort dem leicht höher gelegenen Brunnenplatz entgegen.
Ich setze mich an die hinterste Säule, von wo ich einen guten Blick auf den Musikanten einerseits und den Platz andererseits habe. Auch das bekannte Gitter kann ich einsehen, durch das wiederholt Neugierige herausschauen.
Nach einer kurzen Pause kündigt der Flötist den Winter aus den Vier Jahreszeiten an. Mir fällt zunächst gar nicht auf, dass er dies auf deutsch tut. Das erscheint selbstverständlich, und die Melodie war ja auch in keiner Fremdsprache.
Stefanie und Kerstin sehen aus dem Gitter heraus und winken mir zu. Ich lächle zurück.
Dann lasse ich wieder das Flötenspiel auf mich einwirken und beobachte vorbeikommende Familien. Besonders gut spielt er ja nicht, dennoch lasse ich mich von der gefühlvollen Melodie treiben. Die aufgestauten Anstrengungen der letzten Tage lösen sich. Auch die Anspannung, die ich in kirchlicher Gegenwart zu verspüren pflege, weicht langsam von mir. Leise und versonnen summe ich mit und bemerke, wie mir zuerst kurz die Nase kribbelt und dann die Augen feuchter werden. Eigentlich spielt er ja sogar ausgesprochen furchtbar, aber die Kraft des Werkes hilft darüber hinweg. Das habe ich gebraucht: Musik. Ich senke den Kopf, damit die staunenden kleinen Kinder in der Nähe nicht sehen, wie ich zu weinen beginne. Eine Träne kullert bis zur Nase, eine zweite tropft auf meine Brille. Vielleicht wäre mir das mit Walkman nicht passiert.
Da hinten kommen Stefanie und Kerstin. Ist mir das peinlich! Schnell wische ich den Tropfen von meiner Nasenspitze und versuche vergeblich, mich zu beruhigen. Mein Schniefen und meine verheulten Augen verraten mich sofort. Mitfühlend fragt mich Stefanie, was denn los sei. Ich habe Schwierigkeiten, es ihr zu erklären, aber ich glaube, sie versteht. Gemeinsam hören wir uns noch das nächste Stück an.

16:13

Wir brechen auf, um ein wenig durch die Stadt zu wandeln. Endlich bekommen wir ein wenig Erholung für unser Geld. Fast könnte man uns für Touristen halten.
Auf einem weniger bevölkerten Platz möchte Stefanie ein Erinnerungsfoto schießen. Spontan lege ich dafür meinen Arm um Kerstin.
Dann schlendern wir weiter die Straßen entlang, bis wir an eine niedrige Mauer kommen, über die hinweg man einen schönen Ausblick über einen Teil des Städtchens und das dahinter liegende Umland bekommt. Auf vielen Dächern stehen kleine Türmchen, auf die mich meine Begleiterinnen hinweisen: Die sogenannten Geschlechtertürme, die die Familien des Ortes repräsentierten.
Noch eine ganze Weile bewundern wir die Gegend von unserem Standort aus, bis Michaela dahergeschlendert kommt. So machen wir uns bald zu viert auf den Weg durch die Gassen hinab in Richtung Stadttor. Dabei eröffnet mir Michaela, sie habe es vorhin in der Kirche auch nicht mehr ausgehalten und einfach auch mal wieder allein sein wollen. Wer könnte da mehr Verständnis haben als ich!

16:52

Es überrascht mich nicht sonderlich, dass noch niemand bei den Bussen wartet, als wir dort ankommen. Und da wir niemanden mit Schlüssel dabeihaben, drücken wir uns auf dem Parkplatz herum.

16:56

Es beginnt zu regnen. Einen richtigen Unterstand gibt es nirgends, also stellen wir uns unter ein kleines Bäumchen.

16:58

Der amtierende Fahrer Christian erscheint mit dem Schlüssel, und wir verschwinden im Bus, Michaela Asyl gewährend. Als gleich darauf noch andere den Parkplatz erreichen, muss Christian noch einmal zur Auffahrt zurück, um an der nächsten Routenbesprechung teilzuhaben. Ich nutze die Gelegenheit, einmal den Pilotensessel auszuprobieren.
Michaela derweil zeigt keine Begeisterung, in ihren Bus zurückzukehren. Viel lieber möchte sie noch hier bleiben und weiter mit uns über die Reise und die Mitreisenden lästern. Angriffsflächen gibt es ja zur Genüge: Millers unermüdliche Beredsamkeit, Dahlheims Reiseteilnehmerauswahlverfahren, das Getuschel zwischen den Bussen. Insbesondere der unsere scheint laut Michaelas Bericht bei den anderen nicht gut angesehen. Woran das wohl liegt?
Petra kommt an den Bus und erzählt aufgeregt, Dahlheim sei wütend, weil sich Leute von der Gruppe gelöst hätten, um einem Harfespieler zuzuhören. Er wisse schon, wen er nicht wieder auf eine Exkursion mitnähme. Wie er auf eine Harfe kommt, weiß Michaela zu erklären: Als sie ging, sei da noch ein Harfespieler gewesen, kein Flötist. Dahlheim meint also vielleicht uns vier. Die Erregung darüber ist groß. Miller hatte doch nach der Kirche freigegeben! Aber Musik scheint für Dahlheim keine Kultur zu bedeuten. Woher weiß er überhaupt von dem Harfner, wenn er doch in der Kirche blieb? Und wieder wird Dahlheims mirakulöses Auswahlverfahren für Exkursionsteilnehmer disputiert.
Ich versuche schließlich, Petra ebenso wie meine drei Begleiterinnen zu beschwichtigen. Dahlheim hat das sicher nicht so wahnsinnig ernst gemeint, sondern aus einer Laune heraus von sich gegeben. Möglicherweise war er bloß ein wenig gekränkt, vielleicht ist es gar überhaupt nur eine ironische Bemerkung gewesen.
Die Mädels glauben mir nicht so recht, regen sich aber auf, als täten sie es. Es habe ernst geklungen, meint Petra. Er solle uns doch persönlich ansprechen, wenn er über uns verärgert ist, meint Stefanie.
Naja, ich lass mich da nicht aus der Ruhe bringen. Genau dies, uns anzusprechen, hätte Dahlheim nämlich sicher getan, wenn es ihm ernst wäre. Der wird sich schon melden, wenn er was will. Schüchternheit gehört gewiss nicht zu seinen Schwächen! Aber wenn den Mädels Elefanten nun mal sympathischer sind als Mücken...

18:29

Helle Aufregung im Bus: Ein Supermarkt an der Landstraße! Drinnen brennt noch Licht! Allen tanzen Speisen und Getränke vor den geistigen Augen umher.
Christian wendet und steuert den Bus eifrig die Auffahrt hinauf.
»Sie schließen!« schreit jemand.
Christian beschleunigt. Wir brettern über den riesigen leeren Kundenparkplatz.
Tatsächlich sieht es so aus, als würden an der Kasse die letzten Kunden abgefertigt.
»Wartet hier!« ruft Stefan, als wir noch gut zwanzig Meter entfernt sind. »Ich frage erstmal.« Er springt ab und rennt auf das Einkaufszentrum zu, wo er an der Tür mit einem Angestellten spricht. Mimik und Gestik der beiden sagen alles.
Als er zurückkommt, sind wir längst alle im Bilde: Die lassen uns nicht mehr rein. Zutiefst enttäuscht und ungleich langsamer, als wir kamen, ziehen wir wieder ab.

18:48

Im abendlichen Halblicht erreichen wir unser Hotel in Sena Ialia, neuerdings auch Siena genannt. Auch aufgrund unseres Zwischenspiels am Supermarkt belegen wir den letzten Platz, wie man an den untätig zwischen ihren Koffern herumstehenden Studenten sehen kann.
Während die restliche Besatzung meines Busses zum Ausladen weit länger braucht als ich, steuere ich die Eingangshalle an. Dabei lese ich noch den Schriftzug an der Front des weiß gestrichenen Gebäudes: 'Hotel Garden'. Nun ja... Klingt doch etwas langweilig.
Vom Foyer aus kann ich in einen Nebenraum sehen, wo Dahlheim mit einem Hotelangestellten auf einer Liste die Zimmer verteilt. Ersterer wirkt ziemlich genervt und scheint keine Vorschläge mehr entgegenzunehmen, falls er das heute überhaupt getan hat, also ziehe ich mich lieber wieder zurück.
Beim Umdrehen fällt mein Blick auf eine Karte Sena Ialias, wo das Hotel besonders hervorgehoben ist. So erkenne ich, dass es am äußersten Rand des Städtchens liegt, eher noch außerhalb.
Kurz darauf erhalte ich meinen Zimmerschlüssel von Dahlheim persönlich. Die Zimmer wurden verteilt wie in Bayern, mein Mitbewohner ist also wieder Christoph. Rasend begeistert bin ich zwar nicht, doch war er in dieser Rolle allemal besser, als als Referent. Trotzdem wären mir Christian und Ulrich lieber gewesen. Zumal das hier unser längster Aufenthalt wird.
Christoph scheint sehr beschäftigt, als ich ihm die Raumverteilung mitteile. Folglich bin ich auch diesmal als erster auf dem Zimmer und kann mir das näher am Fenster stehende Bett aussuchen.
Ein Blick hinaus erklärt schon mal den Namen des Hotels. Kieswege führen rundherum an Blumenbeeten und Hecken vorbei bis zu einem Schwimmbecken. Da bin ich ja sehr gespannt, ob wir für dessen Nutzung Gelegenheit bekommen, nachdem Dahlheim vor der Reise so großspurig angekündigt hat, wenn man mit ihm fahre, müsse man unbedingt eine Badehose dabei haben. Aber nicht nur unsere hohe Besichtigungsdichte spricht eher dagegen, sondern auch das Wetter ist mir zumindest momentan nicht recht warm genug.
Auf das Fensterbrett gelehnt, entspanne ich mich ein wenig, während es in den Räumen um mich herum immer unruhiger wird. Die armen anderen Hotelgäste! Bekommen die einen Preisnachlass dafür, dass sie mit dieser unserer wilden Horde die nächsten Nächte unter einem Dach verbringen müssen?
Direkt unter mir höre ich Stefanie, noch ehe sich der Fensterladen öffnet. Stefanie und kurz darauf Petra erscheinen, und ich kann mich natürlich nicht davon zurückhalten, sie auf mich aufmerksam zu machen.
Anschließend hole ich das Zahnputzzeug aus dem Koffer, der ansonsten gemäß meinem Vorsatz unausgepackt bleibt. Viel Platz für den Koffer ist allerdings nicht in dem kleinen Zimmer. Wie soll es erst werden, wenn Christophs hinzukommt?
Ich inspiziere das Bad. Kaum mehr als ein Quadratmeter Grundfläche! Nur ein Klo und ein Waschbecken. In einer Halterung stecken zwei von diesen weißen Wegwerfplastikbechern. Sollen das etwa unsere Zahnputzgläser sein? Und verpackt sind sie auch noch! Was für elende Umweltbestien sind das hier?! Sofort beschließe ich, mich ihnen zu verweigern und mich nachher beim Ausspülen direkt an den Wasserhahn zu wenden.
Da kommt Christoph herein und wirft seinerseits einen Blick ins sogenannte Bad. Er macht irgendeine abfällige Bemerkung über die Dusche, da bemerke ich endlich den Abfluss im Boden und den Duschvorhang hinter der Tür. »Da setzt man ja alles unter Wasser! Hier Dusche ich nicht!« stelle ich unumwunden fest. Wenn ich das vorher gewusst hätte! Nun muss ich bis Urbino warten. Und Siena ist auch noch unser längster Aufenthalt!

19:05

Da ich mich entschlossen habe, die Postkarte wieder loszuwerden, eile ich zielsicher hinab zu dem Zimmer unter dem unseren und klopfe an.
»Wer ist da?« höre ich Stefanie rufen.
»Oliver.«
»Äh, ach, na egal. Komm rein!«
Sie empfängt mich in Unterwäsche.
Petra ist auch da, und ich kaufe ihr eine 700-Lira-Marke ab, wobei wir auch die Abrechnung machen, die wir seit der Bank offen haben.
Anschließend sause ich wieder nach oben, um die verbleibenden Minuten bis zum Aufbruch in den Stadtkern für die Beschriftung der Postkarte zu verwenden. Den Text habe ich weiser Weise schon im Februar meines Kalenders vorgeschrieben. Für Kreativität wäre jetzt keine Zeit. Kurz überlege ich noch, ob ich den Text nun hochkant oder quer eintragen soll, obwohl meine Majuskeln letztlich in beiden Fällen den gleichen Raum beanspruchen werden.
Und so beginne ich: 'Liebe Mama, damit du wieder ruhig schlafen kannst (und weil diese schauderhafte Karte ein Werbegeschenk war): Jawohl, ich lebe noch! Als ich am Samstag meine gepackte Tasche griff, fühlte sie sich an wie ein Wasserbett. Die Kohlensäure hatte den Trinkflaschenverschluß gesprengt. Deshalb das nasse Buch und der Walkman in der Küche. Insgesamt sind die Besichtigungen interessanter als befürchtet, aber man hat wenig Zeit für sich. Die Fahrten machen am meisten Spaß. Unser Bus ist als einziger von vieren dozentenfrei. => Kein Sponsoring, aber Unabhängigkeit. Mit meinen trockenen Bemerkungen und sogar mit meiner Nörgelei komme ich im Bus sehr gut an. Ich bin schon längst nicht mehr der einzige, dem die Kirchen zum Hals raushängen. Alles weitere später. Küßchen, tschüßchen, Oliver'

19:56

Es hat zu regnen begonnen. Man sammelt sich beim weißen und beim gelben Bus. Nach einigem Gerangel um die Sitzplatzverteilung lande ich erstmals in ersterem.

20:11

Auf dem Parkplatz in Siena haben es manche, wie zum Beispiel Bernd, unversehens besonders eilig, worüber sich Stefan beklagt: »Erst fahren wir gemeinsam her und dann rennen die doch auseinander!«
Wir trippeln die verregneten Straßen entlang, auf der Suche nach unserem Abendessen. Stefanie besteht geradezu darauf, mich unter ihren knallgelben Schirm zu nehmen. Meine eigentliche Sorge aber gilt nicht dem Wasser von oben, sondern jenem, das meine Sandalen umströmt. Hoffentlich finde ich bald mal ein Paar Leinenschuhe! Hoffentlich finde ich bald mal Gelegenheit, mich überhaupt nach einem Paar Leinenschuhen umzusehen!!

20:17

Christoph und Anja trennen sich bei einer Trattoria, Pizzeria, Cafeteria Oderwasauchimmeria von uns ab. Der Rest der Gruppe will es mit der nächsten versuchen, da diese hier zu klein ist.
Doch dort sieht es kaum viel besser aus, und wer darüber nachdenkt, sieht alsbald ein, dass wir geschlossen kaum überhaupt irgendwo hineinpassen werden. So zwängen sich die meisten in die verräucherte hintere Ecke der kleinen Örtlichkeit, während Fahrer-Christian, Stefanie, Füßchen-Kerstin und ich noch mal die paar Schritte zu Christoph und Anja zurückgehen.
Der Regen lässt bereits wieder nach. Die könnten sich hier ruhig mal für ein Wetter entscheiden! Aber in Anbetracht der Weltoffenheit meiner Fußbekleidung will ich mal nicht mit meinem Schicksal hadern.
Kaum in die vorige Lokalität eingetreten, weichen wir auch schon wieder zurück. Anja bewirft uns nämlich mit genervten Blicken, die mir - im Vertrauen - gar nicht aufgefallen wären. Ich habe nun mal keinen Sinn für derlei Kasperitäten, zumal sie mich nichts angehen. Aber insbesondere Stefanie möchte die taubigen Turtler allein lassen, also odyssieren wir noch ein wenig weiter umher.
Bei dieser Gelegenheit fallen uns die überall prangenden Wappentiere auf: Ein Stachelschwein neben dem anderen. Zufällig hält Christian morgen ein Referat, das entfernt damit zusammenhängt. So kann er uns erklären, dass wir uns wohl im Stachelschweinbezirk befinden. Die kleinen Stadtteile stehen in einer besonderen Rivalität zueinander, die jährlich in einem halsbrecherischen Pferderennen auf dem Rathausplatz gipfelt. Das kommt mir doch sehr bekannt vor, und plötzlich erinnere ich mich ein weiteres Mal an die Dokumentarserie 'Das Tier Mensch', die kürzlich in den Dritten Programmen lief. Da wurde Siena als Beispiel für organisierten Aggressionsabbau aufgeführt. Während des Renntages singen und schreien die Bezirke wie irrsinnig gegeneinander an, beim Rennen selbst gibt es immer wieder Tote und Verletzte unter Pferden wie Reitern. Andererseits soll Siena die niedrigste Verbrechensrate Italiens aufweisen können.
Bei unserer weiteren Suche stoßen wir auf einen Festsaal, wo der Stachelschweinbezirk ein besonderes Fest zelebriert, möglicherweise das Gelage einer Hochzeit. Christian verfällt dem Wahn, man solle sich hinzusetzen und mitfeiern, doch wir anderen schrecken vor dem Risiko zurück, heute noch dem heiligen Stachelschwein geopfert zu werden.
Als wir an öffentlichen Telefonen vorbeikommen, wollen die Mädels unbedingt nach Hause telefonieren. Wir lassen sie gewähren.

21:03

Unsere Irrfahrt zu Fuß endet in einer Tortilleria, oder wie das heißt, wo wir ein kleines rundes Tischchen für vier Personen erheischen. Während wir auf unser Essen warten, erscheinen Cord, Roman und andere, welche die hintere Ecke des Etablissements ansteuern. Man grüßt sich, aber das war's auch.

21:17

Kerstins und meine Spaghetti sind hinreichend genießbar, aber Christians und Stefanies Trüffel nach eigenen Aussagen ein kompletter Reinfall. Da hat Stefanie die nächsten Tage was zu berichten.

22:30

Nach der Rückkehr ins Hotel sammelt sich der Großteil der Exkursteilnehmer in einer Sitzecke auf dem Korridor, die wohl bestenfalls für zehn Personen eingerichtet ist. Die Enge und vor allem der Rauch treiben mich bald aufs Zimmer.

Zum sechsten Tag


Das Italienische Tagebuch
ist auch als E-Buch bei Tolino erschienen,
erhältlich zum Beispiel bei
Thalia, Weltbild und Hugendubel.

© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

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