31.8.

5:51

Der gellende Schrei tausend finsterer Dämonen zerrt mich langsam aber stetig aus meiner letzten Tiefschlafphase: RRRRRRIIIINGG!!!
Es dauert noch ein Weilchen, bis ich kapiere, warum Christoph neben dem Bett steht und seinen Wecker bearbeitet: Das Mistding geht fast eine Stunde vor!

7:18

Als ich nach Christophs Duschvorgang in unser Zwergenbad komme, ist es erwartungsgemäß vollkommen überschwemmt. Zum Glück will ich mir ja nur etwas frisches kaltes Wasser ins Gesicht und in den Rachen kippen - und natürlich weniger frisches entsorgen.

7:42

Vergeblich versucht der arme Dahlheim, mich beim Frühstück auf die »herrliche Aussicht auf Siena« aufmerksam zu machen. Ich habe nichts Besseres zu tun, als auf den frühen Morgen und insbesondere abermals auf die Sonne hinzuweisen. Sehen Sie es ein! Geben Sie es auf! Oder zeigen Sie mir eine hässliche Ruine aus der Antike; dann werde ich begeistert sein!
Das Frühstück ist übrigens im Gegensatz zu dem mäßigen Zimmer samt der grauenvollen Wichtelreinigungsanstalt sehr zufriedenstellend an Menge und Auswahl. Zum verbotenen Mitnehmen stehen Obst und verschweißte Backwaren reichlich zur Verfügung. Ich muss nur warten, bis Dahlheim fertig ist und geht. Damit scheint das Überleben für die nächsten Tage gesichert, denn Siena ist ja - sagte ich das eigentlich schon? - unser längster Aufenthalt.

8:37

Wir sitzen vor einem breiten Brunnen oder Wasserspiel auf dem Palazzo Publico in Siena. Vor uns, auf der anderen Seite des Platzes, erhebt sich das Rathaus mit seinem hohen Turm. Kaum zwei Meter vor uns hingegen erhebt sich Fahrer-Christian, um uns sein Referat über das jährliche Siener Pferderennen vorzutragen. Dabei bezieht er auch unsere Erlebnisse und Gespräche des Vorabends mit ein.
Da mir so im Sitzen noch etwas kühl ist und Christian dankenswerterweise mal kein Kirchenthema hat, achte ich nicht nur auf hinreichenden Abstand zu den Rauchern, sondern auch darauf, dass mir niemand die Sonne oder den Blick auf den Referenten verstellt, und bekomme trotzdem noch alles mit. Und von einer erträglichen Länge ist der Vortrag ebenfalls; Christian ist nicht der Typ, der sich unnötig ein Bein ausreißt - zum Glück!

9:16

Innerhalb der Rathausgalerie gilt der Professoren Hauptinteresse natürlich wieder einem Wandbild mit kirchlichem Motiv. Dabei gibt es hier so schöne Kunstwerke, die reale Personen oder Schlachten darstellen, und zu denen ich viel lieber ein paar Worte hören würde.

9:41

Jetzt dürfen wir noch ein Weilchen allein umhergehen. Nachdem ich genug gesehen habe, stelle ich fest: Auch in diesem Museum zeichnen sich die Toiletten von übertriebener Tarnung aus, dass man erst danach fragen muss.
Kurz darauf entdecke ich eine hohe, steile Treppe. Gleichgültig, was mich oben erwartet, würde ich sie gerne erklimmen, bloß um mal wieder etwas Bewegung zu bekommen. Und zur Abwechslung geht mein Wunsch sogar in Erfüllung. Der gesamte Kurs steigt hinauf, kaum dass ich ein paar Stufen vorausgespäht habe. Allerdings lasse ich es mir nicht nehmen, als erster oben anzukommen. Der Ausblick von einer Art riesigem Balkon unter dem Dach bietet allerdings nicht viel mehr als ein paar Dächer und ein Plätzlein hinter dem Rathaus.

10:03

Wer will, kann noch den Turm des Rathauses erklimmen, hieß es. Nuja, die Mühe schreckt mich nicht, und ich wäre auch bereit, einen Ausbruch meiner Höhenangst zu riskieren, doch letztlich scheitert es wieder einmal an der Gier anderer: Auch diese Besteigung kostet.

10:14

Nachdem sich auch die letzen von dem Bücher- und Postkartenverkaufsstand im Rathaus haben lösen können, beziehungsweise unversehrt vom Turm zurückgekehrt sind, kommt wieder - wie könnte es anders sein? - ein kirchliches Bauwerk an die Reihe: Der Dom. Schon eigenartig, dieses fast orientalisch anmutende Zebramuster! Aber erstmal geht es hinein. Auch wieder alles gewaltig hier, aber das ist man ja inzwischen gewohnt. Beeindruckt mich nicht mehr.
Irgendwann entdecke ich ein kleines Seitenportal, das zu einer Verkaufsräumlichkeit führt, von der ich nicht sicher bin, ob sie noch zum Tempel gehört. Aber das interessiert mich auch weniger, als jener rote Kasten, der davor hängt. Scheint ein Postkasten zu sein, auch wenn ich mir nicht hundertprozentig sicher bin. In diesem Land ist nämlich so ziemlich alles eckig und rot: Briefkästen, elektrische Schaltanlagen, Mülltonnen... Unschlüssig betrachte ich das Ding. Schließlich werfe ich meine Postkarte ein. Mit dem Gefühl, einen Mülleimer gefüttert zu haben, kehre ich zur Gruppe zurück.

11:08

Nach und nach hat sich die gesamte Exkursionsgesellschaft auf der monumentalen Treppe zum Portal versammelt, wo man sich erholt und von der Sonne braten lässt. Nach dem Frösteln drinnen bedeutet dies für mich wieder: alles ausziehen, soweit es keinen Anstoß erregt - vielleicht auch ein klein wenig mehr. Und dann stopfe ich mich voll mit dem, was ich von dem Frühstück habe mitgehen lassen - naja, 'voll' trifft es nicht ganz...
Lange jedoch werden wir die Stufen wohl nicht mehr besetzt halten. Miller scharrt bereits wieder ungeduldig im Startloch.

12:17

Miller redet und redet, aber mir wird wohl nur eines dauerhaft im Gedächtnis bleiben: Der riesige Dom, so wie wir ihn jetzt sehen, war ursprünglich nur als ein Seitenschiff eines noch viel gewaltigeren Bauwerks gedacht. Allerdings stieß man sowohl auf bauliche Probleme, wie auf finanzielle. Und im Laufe der Generationen verlief sich dann das wahnwitzige Vorhaben im Sande. Dass Menschen immer so zu Übertreibungen neigen! Ob das nun Bauten oder Vorträge sind...

12:49

Nein, natürlich ist Miller noch nicht wirklich mit der Fassade fertig! Wie könnte er! Aber irgendwann muss uns die Dozentenschaft eben doch einmal zur Mittagspause entlassen.
Ich folge Petra, Stefanie und Füßchen-Kerstin in - oder besser: vor ein Café am Rathausplatz. Hier kann man sich den Bauch ohnehin nicht vollschlagen, also versuche ich es auch gar nicht erst. Eine Kola soll genügen. Die Mädels bestellen Salat, zu dem auch das hier übliche Brot serviert wird - als es dann tatsächlich endlich serviert wird. Die Sonne ist inzwischen hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden.
Nun fügt es sich aber dermaßen, dass Petra nicht so viele Zwiebeln mag, wie in dem Salat vorhanden - ich bekomme sogar den Eindruck, sie mag überhaupt keine - und schon schließen sich die beiden anderen an. Das kann man doch nicht alles wegwerfen! Wäre doch schade drum! Mal sehen, wie Zwiebeln mit Weißbrot schmecken... Hmmm! Gar nicht schlecht! Zwiebeln und Brot werden jedenfalls alle.
Später schlage ich vor, die restliche Mittagspause für die Supermarktsuche zu nutzen. Petra weist mich darauf hin, sie hätte einen hinter dem Rathaus gesehen, als wir auf der Dachterrasse waren. Ich muss erst einmal einen Moment überlegen, bevor ich mich überhaupt an das Dach erinnere. Nach der spannenden Kurzbesichtigung des Doms kommt es mir vor, als sei es erst gestern gewesen... Es war heute Vormittag! Erschütternd!
Aber den Supermarkt habe ich nicht bemerkt. »Ich geh mal nachsehen. Kommt jemand mit?« Alle drei sind zu faul, und Petra erklärt außerdem, der Markt könne über Mittag geschlossen haben. Ich will es gar nicht glauben, kann es auch nicht und probiere es deshalb trotzdem.
Der fragliche Platz ist jedoch Menschenleer und dort, wo der Markt nach Petras Beschreibung liegen müsste, alles verrammelt, dass ich nicht einmal ein Schaufenster finde oder auch nur ein Schild mit Öffnungszeiten. So kehre ich unverrichteter Dinge zurück.

15:28

Eine um die andere Ausstellung des Doms haben wir inzwischen betrachtet. Urkundenbücher, Statuen und Gebrauchsgegenstände wechselten einander ab und brachten auch einen Kontrast zur abwechslungsarmen Kirchenkunst, doch irgendwann wird man auch dieser Dinge müde.
Die weniger Geduldigen sind nun auf dem Wege, einen der Seitentürme zu ersteigen. Ich natürlich auch. Die schmalen Wendeltreppen, die hinauf führen, sind offenbar nur für jeweils eine Person gedacht, weswegen es jedesmal interessant wird, wenn jemand seltenerweise von oben entgegenkommt. Doch dies kann sich nicht als dauerhaftes Hindernis erweisen, ebensowenig wie die Höhe der Treppen und das gelegentliche Wechselspiel mit Treppenabsätzen und teils verbretterten Abgängen.
Irgendwann erscheine ich weit oben auf etwas, das vermutlich einmal als Übergang zum nächsten Turm gedacht war. Tatsächlich reicht der Hohlgang - oder wie man dieses Dachlose Gebilde nennen will - nicht sonderlich weit und ist auch kaum zwei Meter breit. Statt eines Geländers gibt es rechts und links niedrige Sitzreihen. Mir wird ganz anders. Man soll nicht glauben, wie monumental fünfzig Meter erst von oben aussehen! Ich muss mich völlig auf die Aussicht konzentrieren, um sie neben der Höhe überhaupt noch zu bemerken.
Ich setze mich und bekomme mich mit ruhigem Atmen unter Kontrolle. Eigentlich ganz schön hier. Die Wolken, die den Himmel bedecken, die Hausdächer, die Berge ringsum... Da drüben ragt der Turm des Rathauses empor. Was müssen jene sich in den Hintern beißen, die dort etwas bezahlt haben und das jetzt noch mal gratis bekommen!
Doch lange hält es mich nicht mehr über den Dächern von Siena. Mit wackeligen Beinen mache ich mich an den Abstieg. Jetzt setzt der Gegenverkehr erst richtig ein, und es dauert eine halbe Ewigkeit, bis ich endlich aus dem Tempel herausgeflossen komme. Ich atme tief durch und schnappe das Gerücht auf, Annette sei dort oben schlecht geworden. Die Arme! Zwar eigenartig, woher man hier unten etwas davon weiß, aber andererseits wundert mich die Übelkeit an sich nicht. Ich schaue noch einmal hinauf. Was für winzige Gestalten! Bevor ich noch mein Gleichgewicht verliere, wende ich meinen Blick ab.

16:01

Wir haben noch etwas Zeit, bis wir wieder bei den Bussen sein müssen. Die anderen nutzen sie, um in den zahlreichen Ramschläden zu stöbern. Ich laufe derweil nur teils belustigt, teils bestürzt mit. So werfen sie ihr Geld munter für Postkarten und anderen Plunder fort. Stefanie erwirbt zum Beispiel einen Holzpinoccio, den es hier in hundert Größen und hundert Läden gibt. Nicht sonderlich beweglich oder kuschelig, aber sie ist begeistert von dem hässlichen Knirps, und darauf kommt es wohl an.
Während wir also in ständig wechselnden Konstellationen durch die Straßen schlendern, halte ich erneut nach einem geöffneten Supermarkt Ausschau. Muss ich erwähnen, dass ich nicht einmal einen geschlossenen finde? Wovon ernährt sich die Bevölkerung dieses Landes?

16:37

Das nächste Reiseziel wartet, allerdings nicht die anderen Busse. Im Gegensatz zu unserem und dem Hunecke-Bus sind die nämlich vollzählig. Nachdem die Route geklärt wurde, fahren sie schon einmal voraus, während wir auf unsere Nachzügler warten.
Dabei machen wir uns eigentlich nur um eine wirklich Sorgen: Um Sachsen-Kerstin. Erst kürzlich hatte sie erzählt, wie schnell sie sich in einer neuen Stadt zu verlaufen pflegt. Und sie wurde zuletzt in einem Postkartenladen allein gesehen.

16:45

»Mir reicht's! Ich gehe jetzt mal nachsehen«, verkünde ich, während die anderen noch palavern.
In meinem Lieblingsmarschtempo husche ich über die Straße, kürze durch eine Baumgruppe ab und treffe sogleich wieder auf den Weg, den wir kamen. Da sehe ich bereits die Vermissten aufs Gemütlichste heranschlendern, unter ihnen auch Kerstin. Sie erzählt, dass sie Stefanie rein zufällig getroffen habe und schiebt ihr Glück scherzhaft auf ihren tüchtigen Schutzengel. Mir hingegen scheint bei genauerer Überlegung Siena zu klein zu sein, als dass man sich darin verlaufen könnte.
Natürlich freue ich mich für Kerstin, aber etwas schade ist es auch. So eine kleine Suchaktion wäre mal was anderes gewesen, als die nächsten 123 Kirchen.

17:04

Uff! Keine Kirche diesmal, sondern die Festung Monteriggioni. Oder das, was davon übrig ist: Ein kleines Dorf innerhalb bröckeliger Mauern, umgeben von diversen Feldern. Die Wolken haben sich wieder verflüchtigt.
Wir erhalten Gelegenheit, uns in Ruhe umzusehen. Ich nehme sie wahr, um mir mal richtig die Beine zu vertreten, da entdecke ich am durch eine Mauer erhöhten Wegesrand ein Apfelbäumchen. Essen, ganz für umsonst! Ich bin natürlich redlich und beschränke meine Gier auf die heruntergefallenen, wurmstichigeren Kleinexemplare am Boden, zu dem ich allerdings erstmal hinaufklettern muss. Um so besser!
Einen Apfel probiere ich sofort, und da er meinen Anforderungen genügt, sammle ich noch drei dieser Zwergausgaben ein und stecke sie wie jeden anderen unverpackten Proviant bisher auch in den brauseverklebten Frischebeutel mit dem unverwechselbaren Apfel-Pfirsich-Keks-Aroma.
Doch dies ist noch nicht alles, was ich an diesem stillen Örtchen an Beute mache: Als ich nämlich kurz darauf mit Füßchen-Kerstin und Fahrer-Christian die Feste steil bergabwärts verlasse und wir zwischen ihr und den Weinfeldern spazieren, naschen wir wieder von den Früchten. Und bei der Rückkehr finden wir sogar noch einen Feigenbaum, dessen Früchte schon erheblich besser schmecken, als damals beim Castell l'Arquato.

17:46

Auf dem Dorfplatz versucht Dahlheim von der versammelten Meute herauszubekommen, wer zurück nach Siena will, wer zu einem Ort namens Colle Val d'Elsa, und wer hier bleiben möchte. Doch erweist man sich als unentschlossen - mir ist es aufgrund meiner grenzenlosen Genügsamkeit ohnehin gleich - und die wenigen Meinungsäußerungen kommen verhalten und ungeordnet.
So verfügt Dahlheim: »Alle, die hier bleiben wollen, stellen sich dort bei der Bank auf!«
Das Ergebnis überrascht und belustigt und bietet zugleich einen philosophischen Denkanstoß über die alltäglichen Wunder des Lebens: Alle bleiben, wo sie sind, weil keiner unbedingt bleiben will, wo er ist.

17:59

Stefanie fragt während der Fahrt ständig, ob ihre in Siena gekauften Papierrollen noch in Ordnung seien, die frei im Kofferraum herumkullern. Womit sich manche Leute so alles freiwillig belasten! Als ob es in Berlin kein Geschenkpapier gäbe! Immer vorausgesetzt, man weiß überhaupt, wozu sowas eigentlich brauchbar sei. Ich bin noch nicht recht dahintergekommen.

18:21

Dahlheims Bus und der unsere haben dieses Colle Sowieso erreicht, von den grünen Bussen hingegen fehlt jede Spur. Entweder finden die mal wieder nicht, oder sie sind doch schon nach Sena Ialia zurückgekehrt. Wir erklimmen also ohne sie die Treppen, die von dem großen Parkplatz zu dem kleinen Städtchen hinaufführen.
Oben angelangt, trennen wir uns busweise, ohne dass sich mir so recht ein Grund dafür offenbart. Fast bekomme ich den Eindruck, dies geht von einigen der Unseren aus. Aber mir ist es ziemlich gleich. Ich laufe ja nur mit.

18:47

Die anderen entdecken eine kleine Spelunke, vor der drei Stangen brennen - vermutlich Röhren, durch die Gas nachgeführt wird. Betrieben wird die Pizzeria von jungen Leuten. Eigentlich ganz urig.
Mir ist es mit der Klotür direkt neben meinem Platz allerdings etwas zu urig. Der Seifengestank ist nicht zu ertragen. Also vielleicht doch eher nicht urig genug, wenn zu solchen chemischen Kampfkeulen gegriffen wird. Und von den Plätzen draußen dringt Zigarettenqualm herein. Damit ist meine Bereitschaft, alles mitzumachen, für heute aufgebraucht. Überhaupt hasse ich es, essen zu gehen! Ich will endlich mal wieder was tun, was mir wirklich Spaß macht! Ich beginne, herumzunörgeln, und die Begeisterung der anderen reizt mich nur um so mehr.
Kurz darauf flüchte ich regelrecht hinaus. Ich muss mich bewegen! Und mal wieder allein sein. Frische Luft!
Doch bald schon beruhige ich mich ein wenig und verfalle in ein gemütliches Spaziertempo - bin also nur noch wenig mehr als doppelt so schnell, als wäre ich mit der kurzbeinigen Gruppe unterwegs. Da erreiche ich bereits das gegenüberliegende Ortsende und überschreite es. Ich folge der Umgehungsstraße und schaue mir die niedrige Stadtmauer von außen an, bis ich irgendwo wieder hineinkomme.
Mein Kreislauf will mehr, meinem Herz wäre wieder mal nach rennen. Aber so tot ist das Dörflein wiederum nicht, dass mir das nicht peinlich wäre. Wer kann schon sagen, wie die Eingeborenen reagierten, wenn sie mich wie vom wilden Affen gebissen durch die Straßen hetzen sähen. Deshalb suche ich mir eine abgelegene Stelle, von der ich auch auf den Parkplatz hinabsehen kann, und vollziehe ein paar Kniebeugen. 'Fünfzig sollten genügen', denke ich, aber dann werden es doch achtzig.

19:08

Noch immer nicht gerade bester Laune, kehre ich in das Restaurant zurück und verdrücke trotz der feindlichen Umwelt eine Pizza. Es folgt eine Diskussion über den Staat und das Sozialsystem. Leider muss ich wieder einmal feststellen, dass kaum jemand eine Ahnung hat, was Liberalität bedeutet und welch segensreiche Folgen sie für Politik, Wirtschaft und Umwelt hätte, wenn man sie nur einmal anwendete. Die anderen können sich einen schlanken Staat mit einem vereinfachten Finanz- und Sozialsystem gar nicht recht vorstellen. Aber wie soll ich auch das Ergebnis von neunundzwanzig Jahren Philosophierens in einer Stunde plausibel vortragen? Ich bin kein Rhetor!

20:41

Die Nacht ist inzwischen hereingebrochen. Wir ergehen uns noch ein wenig am Ort und kommen noch einmal an einem Dorfplatz mit Brunnen vorbei. Diesmal jedoch entdecke ich aufgrund einer geringeren Entfernung zu jenem Wasserspender zahlreiche darin liegende Münzen. Es wäre kein Problem, sie mit der Hand herauszufischen, doch hat sich hier inzwischen die Dorfjugend versammelt, die von einem Raubzug meinerseits vermutlich weniger begeistert wäre, sonst hätte sie sich längst selbst darüber hergemacht. Innerlich fluchend gehe ich mit den anderen weiter. Wenn ich das vorhin gesehen hätte, wäre ich bei meinem Soloausflug mal hier vorbeigeschlichen!
Ein Gespräch mit Stefan eignet sich, mich von dem entgangenen Fund abzulenken. So langsam zeichnet sich ab, dass ich mich mit ihm wohl auf Dauer am besten unterhalten kann, was meine Busgefährten anbelangt.
Wir erreichen eine Mauer, die das Städtchen begrenzt, und kehren um - wieder am Dorfplatz vorbei. Meine Hoffnung wird jedoch enttäuscht: Die jungen Brunnenwächter sind noch zugegen.

21:20

Auf der Rückfahrt bemühe ich mich, etwas von dem Sternenhimmel zu sehen. Zweifellos ist die Luft hier - fern abseits jeglicher höher entwickelter Kultur und Technik - klarer, als im pulsierenden Zentrum Europas. Aber die Scheiben sind allzu schmutzig und zu sehr gekrümmt. Und auch das Licht unserer eigenen Scheinwerfer erschwert die Sicht. Man müsste anhalten und aussteigen. Allerdings stößt diese Idee, sich einmal die Verbundenheit mit dem Universum ins Gedächtnis zurückzurufen, wie es schon seit Anbeginn der Menschheit immer einen Urtrieb, eine natürliche Regung darstellte, bei den anderen auf wenig Resonanz. Hört mir überhaupt einer zu?

Zum siebten Tag


Das Italienische Tagebuch
ist auch als E-Buch bei Tolino erschienen,
erhältlich zum Beispiel bei
Thalia, Weltbild und Hugendubel.

© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

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