1.9.

9:13

Busweise verschwinden wir im Halbdunkel eines Parkhauses, dessen Einfahrt sich unterhalb eines Ortes öffnet: Volaterrae, oder eigentlich Velathri, nur haben die Römer das etruskische Original ein wenig nach Gutdünken abgeändert. Und gewisse schreibfaule Stämme des Südens verzichten ja inzwischen auch noch auf das mittige a und das e am Ende.
Wie dem auch sei, kurz darauf steigen wir einige Stufen empor, passieren eine Tür und finden uns plötzlich im Ort wieder!
Durch ein paar schmale Gässchen erreichen wir den Domplatz. Auch hier wird wieder gebaut. Dennoch lungern wir lange genug hier herum, dass Meister Zufall Millers Doktorvater vorbeischicken kann. Die naheliegende Schlussfolgerung aus der beiderseitigen Wiedersehensfreude lässt eine ganze Weile auf sich warten: Miller setzt sich einstweilen von der Gruppe ab.

11:07

Nachdem wir ein steiles Gässlein hinabgestolpert sind, hält Jochen vor der Kulisse eines etruskischen Stadttores sein Referat. Passenderweise beinhaltet es einen Abriss des geheimnisvollen Volkes. Endlich ein Thema, das mich wirklich fasziniert und zu dem ich etwas beitragen kann!
Irgendwann, irgendwie kommen wir dabei auf das Thema Lictoren, einer Art antiker Leibwache der Magistrate. Dahlheim erzählt, nur die hohen Magistrate, also Consuln und Praetoren hätten solche gehabt, die Aedilen hingegen nicht. Ich bin anderer Auffassung, doch wage ich nicht, dies anhand meiner Quelle zu belegen: Einem historischen Roman.
Leider kann ebenfalls nicht aufgeklärt werden, wen die drei von Zeit und Umweltgiften geschliffenen Köpfe am Stadttor darstellen. Vermutlich sind es etruskische Stadt- und Schutzgötter.
Nebenbei fällt nicht nur anhand der Sitzordnung auf, warum Uwe sich schon wieder von seinem Bus entfernt: Zwischen ihm und Kerstin bahnt sich etwas an.
Wir müssen das Referat kurz unterbrechen, als ein älteres, schwergewichtiges Paar in einem jener uralten, dreirädrigen - naja, Autos kann man eigentlich gar nicht dazu sagen - vorbeituckert. Was für bäuerliche Mienen! Aber das mag auch daran liegen, dass diese Klapperkiste eigentlich bereits für einen der beiden Korpulenziaten zu eng wäre. Jedenfalls ein zutiefst exotischer Anblick, der nicht nur Dahlheim begeistert und zu Bemerkungen hinreißt.

12:23

Im örtlichen Etruskischen Museum beeindruckt mich neben all den vielen anderen interessanten Dingen vor allem eine schmale Figur in einer Vitrine mitten in einem der Räume. 'Mondmensch' steht dort als Erläuterung. Vermutlich wird auf den langen Schatten angespielt, die der menschliche Körper bei Mondlicht wirft, doch in meinem Hirn beginnt es sogleich zu rattern. Schon überkommen mich wieder Ideen zu meinen Büchern. Diese lange, dürre Gestalt könnte ebensogut die überzogene Ikonographie eines von den Etruskern als Halbgottheit missverstandenen Elfen darstellen.

13:31

Scheint fast so, als sei ich schon wieder allein im Museum - insbesondere, was unsere Reisegruppe anbelangt. Allerdings hindert mich das auch diesmal nicht, die Besichtigung in aller Ruhe zu beenden.

13:54

Auch auf den Straßen ist niemand Bekanntes zu erspähen. Ich wandere umher, reduziere meinen Proviant und halte nach Ersatz Ausschau. Doch vermag ich weder Apfelbäume, noch Supermärkte zu finden.

14:25

Ich treffe Stefanie und Kerstin, die jedoch gleich darauf über ein Bekleidungsgeschäft herfallen. Eine Weile schaue ich zu, wie sie in Gürteln wühlen, doch dann trenne ich mich von den beiden, um meine Supermarktqueste fortzusetzen.

14:56

Es hat wohl wenig Sinn, noch länger zu suchen, zumal ich in der Nähe des Parkhauses sein muss. Es treibt mich ziemlich zielsicher in eine gewisse Richtung, als ich schlagartig das Gefühl bekomme, falsch zu sein. Ich kann mich doch nicht so geirrt haben! Aber da hört der Ort abrupt auf.
Ulrich läuft vorbei und fragt: "Weißt du, wo die Busse stehen?"
"Es muss ganz in der Nähe sein", erwidere ich. "Vermutlich die nächste Nebenstraße."
Ich folge meinem Tipp einstweilen allein, da Ulrich die noch bleibende Zeit nutzen möchte und wieder in das Städtchen eintaucht. Steil fällt die Gasse ab. Kommt mir sehr bekannt vor! Wenn jetzt das Etruskertor kommt, bin ich zu weit rechts.
Es kommt.
Was soll's! Gehe ich einfach außen herum!
Die Straße führt mich immer tiefer weiter fort von Volaterrae. In einem ausladenden Bogen leitet sie mich unterhalb der Stadtmauern entlang. Ein Abzweig Richtung Stadt ist kilometerweit nicht in Sicht, doch ich denke nicht daran, umzukehren. Kaum ein Auto kommt vorbei, Passanten gibt es überhaupt nicht. Aber mit denen könnte ich ohnehin wenig anfangen. Ich passiere einige niedrige Häuser. Ein Abzweig führt von der Stadt weg. So verrückt bin ich nicht!
Während ich meinen Weg fortsetze, staune ich, wie wenig man in einer größeren Gruppe doch auf selbigen achtet.

15:19

Endlich führt mich der Bogen wieder aufwärts. Und da ist es auch schon, das gesuchte Parkhaus! Meine Art und Weise der Problemlösung mag manchmal etwas umständlich sein, dafür aber um so zielsicherer. Und das absolut in der Zeit! So konnte ich mir gar noch die Beine vertreten.
Gerade will ich die Straßenseite wechseln, um zu den Bussen zu gelangen, da entdecke ich Leute aus der Gruppe - just dort, wo ich zuerst meinte, falsch zu sein. Ist ja auch ein ganzes Stück weg, und ich sehe keinen der Profs. Also gehe ich doch erst mal ins Parkhaus.
Den Bus finde ich leicht, doch ist niemand zugegen. Da ist ja die Treppe, durch die wir raufgingen!
Als ich oben ankomme, wundert es mich nicht mehr, warum ich das vorhin übersehen habe: Nichts, was auf einen unterirdischen Parkplatz schließen ließe! Das Gefühl, falsch zu sein, beschlich mich offenbar genau in jenem Moment, als ich diesen Punkt passiert hatte. Ich war vollkommen richtig. Nächstes Mal verbinde ich mir die Augen!

15:41

Nachdem ich mich zu den anderen gesetzt habe, verrinnt noch eine ganze Weile ereignislos. Doch nun ruft Dahlheim endlich die Fahrer zur Routenbesprechung zusammen. Gemächlich begebe ich mich zur Treppe.

15:44

Ich warte noch nicht allzu lange, da erscheint Fahrer-Christian. Wo hat er denn die anderen gelassen?
"Was machst du denn hier unten?" fragt er erstaunt. "Dahlheim sagte doch, dass alle draußen warten sollen!"
"Tatsächlich? Nicht in meinem Beisein."
Da ich schon mal hier bin, darf ich auch einsteigen. Ich nehme erst mal den Sitz des Kopiloten. Das fährt sich ganz anders! Man sieht so viel!

16:28

Um die nächste Kirche beschreiben wir zunächst einen Bogen und gelangen in einen urigen Hof. Seltsam, was die Profs hier wohl wollen! Aber es liegt mir fern, mich darüber zu beklagen, solange wir an der frischen Luft sind, ein paar nette Kätzchen beobachten können und sich sogar wieder ein kleines Weinfeld nicht nur dem Gesichtssinn bietet.

16:36

Klar, wir gehen doch noch hinein! Drinnen gibt es ein Gästebuch, in das Hunecke uns auf italienisch einträgt. Auch ich spiele mit dem Gedanken, etwas hinzuzusetzen. Etwas Blasphemisches. Und natürlich auf deutsch! Aber Höflichkeit, Toleranz und mein von Grund auf friedliches Wesen halten mich zurück.
Während Miller quasselt, gehe ich umher und entdecke etwas, das mich an eine Tarotkarte erinnert. Seltsames Ding! Wie kommt das hierher? Jedenfalls hätte ich nicht übel Lust, sie auf einen der trotz der Menschenleere aktiven Kerzenleuchter zu legen. In Gedanken stelle ich mir vor, wie wir mit den Bussen gerade hinter den Hügeln verschwinden, wenn der erste Rauch aus der Kirche aufsteigt. Mann, hab ich die Nase voll!

18:30

Obwohl unser nächstes Etappenziel San Vivaldo auch wieder ein kirchliches Thema beinhaltet, bietet es doch auf zweierlei Weise Abwechslung: Es ist keine Kirche, und es ist nicht Miller, der erzählt.
Doch zuvor habe ich noch Gelegenheit, den Wald zu betrachten, während die Exkursion wieder mal auf irgendwas wartet. Ich bringe wenigstens einhundert Meter zwischen uns, um zu dem friedlichen optischen Eindruck eine passend stille Akustik zu erlangen. Vor allem konzentriere ich mich auf ein sehr dichtes, steil abfallendes Waldstückchen jenseits der unbefahrenen Straße. So etwas traumhaft Schönes!
Es dauert einige Minuten, bis ich mich halbwegs sattgesehen habe und mich mein Sinn für das Abenteuer kitzelt. Wenige Meter vor und unter mir befindet sich so etwas wie ein natürliches Podest. Da wäre man mehr von der Szene umgeben, mitten zwischen den Pflanzen und außer Sicht für andere. Und es riecht förmlich nach einer wahren Herausforderung, es zu erreichen. Vorsichtig nähere ich mich die letzten Zentimeter dem Hang, taste testend mit den Füßen die Schräge ab. Mit meinen haltlosen Sandalen könnte ich schneller ans Podest gelangen, als mir lieb ist - und darüber hinaus! Wiederholt ändere ich meine Position, schätze meine Chancen ab, da wird zum Sammeln gerufen. Schade.

18:42

Ein wohl wenigstens sechzigjähriger Italiener führt uns über eine franziskanische Klosteranlage. Er spricht ein recht gutes Deutsch und erzählt auf liebenswürdige Art, was auf den Terracotta-Fresken zu sehen ist, die wir in wohl über dreißig kleinen Häusern besichtigen. Die Stimmung ist gut, und es gibt immer wieder etwas zum Schmunzeln.
Aber obwohl sich der alte Herr erfrischend kurz fasst, und wir somit vergleichsweise zügig unsere Standorte wechseln, verlangt es meine Beine nach mehr. So vollführe ich während der kriechenden Wechsel von einer Hütte zur anderen wie so oft in den letzten Tagen mehrfach einzelne Kniebeugen oder Hüpfer. Stefanie fühlt sich durch mich an einen Frosch erinnert, zumal ich einen grünen Pulli trage. Und irgendwie gibt es in diesem Zusammenhang ein Missverständnis zwischen ihr, Kerstin und Dahlheim, das spüre ich sofort. Aber aufgrund voneinander abweichender Zeugenaussagen wird es mir wohl nie möglich sein, den genauen Hergang zu rekonstruieren.

20:17

Während der Rückfahrt ist es auffallend still. Kein Wunder! Als ich mich umschaue, stelle ich fest, die gesamte Besatzung - abgesehen vom Steuermann Stefan - schläft tief und fest. Ich bin zwar auch recht geschafft, aber im Bus kann ich nicht schlafen, fast als käme mein Körper gar nicht auf diese Idee. Zu viel Bewegung vor meinen Augen und zu viele Gedanken, die mich beschäftigen. Die Exkursion und meine Bücher geistern mir durch den Schädel, bis sie von den Planungen betreffs des Buswappens abgelenkt werden.
Beim Anblick der sanft säuselnden Sachsen-Kerstin packt mich ein neuer Einfall: Man könnte allen Spitznamen erfinden! Sie wäre Zahlmeisterin Ratzepüh, denn ihr momentaner Zustand ist für sie ja absolut nichts Ungewöhnliches.
Sinnend betrachte ich die anderen. Gar nicht so einfach! Stefanie könnte ich Fähnrich Fetzig nennen, da ihr diese Vokabel ständig von der anderen Kerstin zugeschrieben wird, obwohl sie sie in meiner Anwesenheit nur zweimal am ersten Tage verwandte.
Auch für Stefan fällt mir einigermaßen rasch etwas ein, in Gedenken an die Serpentinen des Appenninus: Steuermann Grimmer Schnitter.
Als hätte er mich gehört, schaut er sich um. Offensichtlich hat auch er nun die Totenstille bemerkt. Er grinst mich an. "Du schläfst ja gar nicht!"
"Nicht im Bus."

Zum achten Tag


Das Italienische Tagebuch
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© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

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