3.9.

7:23

Gewonnen! Ich bin erster im Frühstückssaal. Und natürlich nicht nur von unserer Truppe, sondern überhaupt. Welcher Urlauber würde schon um diese Zeit aus dem Bett fallen? Nicht einmal die Hotelangestellten sind schon zugegen, die sonst darauf achten, ob auf dem pompösen Buffet von allem genug vorhanden ist, und auf diese Weise eher ungewollt meine morgendlichen Raubzüge erschweren.
So habe ich nur ein einziges, vernachlässigbares Problemchen: Wo setze ich mich hin?

8:08

»Ist es weit? Kann man sich die Schuhe ausziehen?« fragt Kerstin zum ichweißnichtwievielten Male. Damit steht für mich fest: Sie ist Fähnrich Füßchen!
Auch für Fahrer-Christian kommt mir ein Gedanke: Er ist immer so ruhig, aber auf seine Art geradezu gerissen. Ich benenne ihn hiermit zu Steuermann Stilles Wasser.
Mit Petra, Raucher-Christian und mir selbst tue ich mich allerdings noch schwer.

8:31

Der Bus fährt an ausgedehnten Feldern mit Sonnenblumen vorbei. Diese wären mir nun gewiss nicht aufgefallen, ließen sie nicht allesamt ihre Köpfe so jämmerlich hängen. Und wieder bringe ich auf den Punkt, was auch die anderen bei diesem Anblick empfinden: »Ein Sonnenblumenflüchtlingsheer.«

9:14

In Massa Verterniensis alias Massa Marittima trottet unser Haufe auf gewohnt ungeordnete Weise über den Dorfplatz. Während aber die anderen vorwiegend ein Straßencafe als Ziel wählen, fällt mir ein kleines Lädchen auf - oder vielmehr die Armbrüste, die dort verkauft werden. Naja, das stimmt auch nicht ganz, da es sich vornehmlich um Einhandwaffen handelt, die man wie Pistolen hält. Man könnte sie Handbrüste nennen, aber mit Brüsten haben sie ja auch nichts mehr zu tun, es sei denn man ziele auf eine solche.
Jedenfalls bricht in mir wieder der kleine Junge hervor, der sich lange und ausführlich alle betrachtet, sie vergleicht und schließlich nicht mehr standhalten kann und eine kauft. Für satte 13.000 Lira!
Noch kaufrauschumnebelt gehe ich zu den anderen wie ein Jäger mit seiner Beute. Jene aber wundern sich, was ich da anschleppe.
»Oliver, du hast etwas gekauft?« bekomme ich zu hören und: »Was willst du denn damit?«
Ja, was soll ich darauf antworten? Da gibt man mal Geld aus, und schon ist es auch nicht recht!
Schließlich aber bitte ich Stefan, mir den Schlüssel zum Bus zu geben, damit ich die Handohnebrust nicht durch die gesamte Stadt schleppen muss. Auf dem kurzen Weg kommt mir der Gedanke, es ist wohl doch etwas zu warm für meine lange Hose. Zum Glück habe ich im Gepäckraum noch die kurze liegen.
Vor der offenen Kofferraumtür stehend, schaue ich mich vorsichtig um. Wer weiß, wie die hier drauf sind, wenn sich jemand auf offenem Parkplatz umzieht! Kurz entschlossen steige ich achtern ein und ziehe die Tür hinter mir herunter. Hups! Da ist ja innen gar kein Griff oder Knopf oder Schlüsselloch, mit dem man sie aufbekäme! Offenbar rechneten die Konstrukteure nicht damit, man könne den Laderaum als Umkleidekabine benutzen wollen. Ist ja albern; wie komm ich hier jetzt raus?
Egal! Erst einmal ziehe ich mich um. Und dabei kommt mir auch schon die offensichtliche Lösung zu: Ich brauche ja nur nach vorne zu klettern und die normalerweise üblichen Ausstiege zu verwenden, die sich von innen natürlich problemlos öffnen lassen. Grinsend schlängele ich mich auf die hinterste Sitzreihe und von dort weiter zur mittleren, wo ich den Wagen durch die seitliche Schiebetür verlasse.
Draußen muss ich über mich selbst lachen. Das war spaßig, mehr davon!

9:49

Der Dom wird ohne Vortrag besichtigt. Ich nutze die Zeit, eine elektrische Kerze abzudrehen. Bestimmt wurde sie erst kürzlich eingeschaltet, um den Kirchenkunden zu zeigen, dass die Anlage überhaupt funktioniert. Es war nämlich nur diese eine in Betrieb. Vielleicht glauben die Eingeborenen nun ja wirklich an einen Defekt, und die Kerzen bleiben aus.
Doch da erscheint auch schon Seine Priesterlichkeit - ein feister Typ in grünem Nachthemd. Er watschelt direkt auf das Kerzentischchen zu, an dem ich eben noch stand - und tatsächlich: Er dreht eine wieder an. Meine Energiesparmaßnahmen bringen hier wohl nichts. Eine muss ich brennen lassen, sonst kommt er gerannt.
Offenbar sammelt sich das Volk zu einer Zeremonie. Kann es sein, wir haben Sonntag?
Dahlheim stellt uns frei, ob wir dem zerebralen Treiben beiwohnen möchten oder nicht. Folglich ziehe ich mich sogleich zurück - und die meisten anderen auch. Draußen verteilen wir uns über die Stufen des Doms. Hier sitzt man in der warmen Sonne, und es wäre genügend Platz für eine gesamte Hundertschaft. Irgendwie ergibt sich hier für mich kein Gespräch, also schreibe ich an meinem Buch weiter.
Zwischendurch werde ich durch einen Geiger und eine Frau im Hochzeitskleid abgelenkt. Alberne Schau! Die anderen halten die beiden für frisch verheiratet. So? Naja, mir ist das reichlich egal. Ich schaue wieder auf mein Zettelchen. Wo war ich?

11:05

Jemand bläst zum Sammeln, doch nicht zwecks Abfahrt, sondern anlässlich eines erstmalig vollständigen Gruppenbildes. Raffinierte Idee! Hoffentlich bekomme ich einen Abzug!
Anschließend dürfen wir frei die Stadt besichtigen. Dabei bin ich die meiste Zeit mit Stefan unterwegs. Es zeigt sich, wir verstehen uns bestens. Wir unterhalten uns buchstäblich über Gott und die Welt - auch er ist Atheist - bedienen uns an einer über eine Mauer wuchernden Rebe, beobachten fingerlange Eidechsen und spazieren eine halbe Ewigkeit durch die Gassen. Ich vergesse sogar meine Queste - kein Wunder, da es keine Supermärkte im Ort gibt.

14:56

Unser nächster Parkplatz liegt unweit eines weiteren Zisterzienserklosters. Da uns fürchterlich heiß ist, gestalten Stefanie, Kerstin und ich unsere Verpackung noch etwas luftiger.

15:06

Ist das kalt hier drinnen! Schattig und vor allem windig, da das Dach fehlt und die Fenster sich nur als bloße Löcher darbieten. Die Sonne hingegen schafft es nur an einer Handvoll auserlesener Stellen bis herein. Muss ich hinzufügen, dass man sich keine davon für Ulrichs Referat erkoren hat?
So kuschelt man sich schlotternd aneinander. Stefanie und ich sitzen Rücken an Rücken, während Ulrich herunterbetet, welches Kloster welches andere Gründete, bis dann einmal dieses zugige San Galgano entstand.
Irgendwann beschwert sich Stefanie, ich sei ihr zu hart. Was erwartet die von einem Eiszapfen? Ohne sie im Rücken habe ich allerdings überhaupt keinen Nerv mehr, die tundrischen Klimate länger untätig zu ertragen, zumal Ulrichs Referat abrupt in einen Millerschen Monolog mündet.
Langsam erhebe ich mich - weil ich schnell gar nicht kann - und stapfe zu einem jener Sonnenflecken hinüber. Das hilft ein wenig. Zusätzlich versuche ich, mich warmzubewegen, allerdings ohne allzu großen Erfolg. Das Fenster, durch das der Sonnenschein hereindringt, ist einfach zu klein, um mir großzügigen Bewegungsspielraum zu bieten.
Auf einmal gesellt sich Stefanie wieder zu mir. Welch schönes Beispiel für die Ersetzbarkeit fehlender Muskeln durch den Intellekt!
Lange währt die wärmende Wonne jedoch nicht. Helios nimmt seinen Weg, und stetig verringert sich unser kleines Stückchen Lebensraum. Man kann nicht einmal den Standort wechseln, da unser Fleckchen alsbald als einziges übrig bleibt. Es muss schon ein ergötzlicher Anblick sein, wie Stefanie und ich wie auf einer versinkenden Insel immer näher zusammenrücken, als fürchteten wir, nass zu werden. Schließlich wird die Fläche so klein, dass Stefanie freiwillig abspringt. Und irgendwann bleibt auch dem Kapitän nichts weiter übrig, als das sinkende Schiff zu verlassen.
Dies ist der Zeitpunkt, hinauszugehen. Bei aller Liebe!

16:54

Nachdem ich mich kurz im Nebengebäude umgesehen habe, suche ich wieder Sonne. Wo ich sie finde, entdecke ich auch eine jener kleinen Echsen auf einer niedrigen Mauer beim Sonnenbade. Sie zeigt keine Furcht, ergreift keinerlei Vorsichtsmaßnahmen, als ich mich nähere. Sogar als ich meine Hand wie ein Dach über sie lege, scheint sie nicht beunruhigt, sondern tapst lediglich langsam darunter hervor, wieder in die Sonne zu kommen.
Ich lasse sie in Ruhe und wende mich dem Apfelbäumchen zu, welches jenseits der Mauer stehend einige seiner Früchte hat fallen lassen. Wohlan, wenn das Bäumchen die Äpfel nicht mehr braucht...

17:13

Wir steigen einen nahegelegenen Berg empor. Die Gruppe ist weit verstreut, doch habe ich Herrn Dahlheim in Reichweite, der Stefan und mir erklärt, was es droben eigentlich zu sehen gibt: Ein Schwert im Boden. Da braucht man nicht lange zu überlegen, wo die das abgekuckt haben. Und so unterhalten wir uns schnell statt über raffinierte einheimische Mönche über die Artussage und - bei Dahlheim unvermeidbar - über davon handelnde Hollywood-Schinken. Im Geiste ziehe ich bereits das Schwert heraus, sehe mich als neuen König von Italien im flatternden Feldherrnmantel, die Klinge zum Triumphe erhoben, um mich das jubelnde Volk.

17:22

Betrug! Verrat!! Da müht sich der neue Caesar hier herauf, und was findet er vor? Das Schwert ist unter einer vergilbt durchsichtigen Kunststoffhaube seinem - also meinem - Zugriff entzogen! Unglaublicher Vorfall!
Bei genauerer Betrachtung scheint es zudem aus recht einfachem Material zu bestehen. Blech! Und damit noch immer nicht genug, wirkt es, als sei es kurz über dem Heft abgeschnitten und einfach auf das Gestein geklebt.
Welch ein Touristennepp! Kehret um, Pilger! Hier gibt es nichts zu sehen und zu preisen als den Kramladen neben dem halben Schwerte, in dessen Falle ihr soeben tappt! Oh trauriges Italia, welch große Chance hast du verspielt!

17:51

Jeder darf sich aussuchen, ob er mit Stefan zum Referate - oderwohl besser zur dortigen Weinprobe - nach Montalcino fahren möchte oder zurück nach Siena. Wozu wohl sollte ich mich bepicheln? Allerdings muss ich den Bus wechseln. Ich melde mich im Dahlheim-Bus für die Heimfahrt an. Anschließend laufe ich zu unserem Wagen hinüber.
Leider darf ich den anderen mein Ansinnen nicht einfach vortragen und gehen, sondern werde erst nach dem Grund ausgefragt. Ihn mit meiner Lustlosigkeit zu erklären, dazu habe ich ebenfalls keine Lust. Also schiebe ich mein Referat vor, auf das ich mich angeblich vorzubereiten hätte. Dabei habe ich mich in Berlin bereits vollkommen hinreichende Minuten lang damit beschäftigt. Von selbst wäre ich deshalb auch kaum auf die Idee dieser Ausrede gekommen. Michaela war es, die in den letzten Tagen gelegentlich die Grundlagen dafür schaffte, indem sie mir ihre Unruhe darüber mitteilte, unser Referat über die Via Flaminia sei zu kurz. Fürwahr ein eigenwilliger Gedanke! Sie hat Angst, wir könnten in fünf Minuten damit fertig sein, und die anderen wären darüber auch noch verärgert! Dass beides Unfug ist, konnte ich ihr bislang nicht ausreden.
Jedenfalls krame ich meine Sachen zusammen und laufe zurück. Nicht einmal die Hälfte der Strecke habe ich hinter mich gebracht, da muss ich den weißen Bus in einiger Entfernung davonbrausen sehen. Also, das ist doch...! Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich doch dem Besäufnis anzuschließen.
Ich kehre um und bin kaum eingestiegen, da taucht Herr Hunecke im noch offen stehenden Kofferraum auf und fragt: »Ist hier ein Oliver?« Irgend jemand im Dahlheim-Bus hat also dankenswerterweise mein Fehlen bemerkt, und ich wechsele doch noch dorthin über.

19:15

Wie ich erfahren musste, steuern wir nicht das Hotel an, weil die Professoren nach Siena hinein möchten. Und - rein zufällig natürlich - parkt man die Busse zu diesem Zwecke ziemlich genau auf der anderen Seite der Stadt. Fahrig und vage wird mir der Weg von mehreren Personen gleichzeitig beschrieben. Dahlheim bringt es auf den Punkt: »Einfach immer geradeaus gehen bis zur Porta Flaminia.« Das passt ja wunderbar zu meinem Referatsthema, aber begeistern kann es mich nicht.
Blöde Armbrust! Warum bin ich immer dann am schwersten beladen, wenn ich am weitesten laufen muss?

19:32

Bis zum Rathausplatz von neulich habe ich die Gruppe noch begleitet. Von irgendwoher klingt Trommelwirbel. Wir vermuten, die Parade müsse früher oder später auf dem Platz münden.
Na gut, so eilig habe ich es nicht! Das kann man sich ja durchaus mal ansehen. Ich throne auf einer wohl eineinhalb Meter hohen Steinsäule, die man als eine Vertäuungsgelegenheit für Ozeanriesen missverstehen könnte, wäre dies hier nicht eine so trockene Gegend. Ein idealer Ort jedenfalls, den gesamten Platz einzusehen. Gespannt apfelkauend frage ich mich, durch welche Gasse der Aufmarsch wohl geschehen mag. Vielleicht ja gar von mehreren, wenn die Bezirke mal wieder ihre Konkurrenz zur Schau stellen!

19:48

Das Geräusch kommt näher, aber nicht nahe genug. Es zieht ein Stück außen um den Platz, wechselt dann wieder die Richtung. Die denken gar nicht daran auf dem Platz Einzug zu halten!
Die anderen steigen die Stufen zu einem Umgehungsgässchen hinauf, ich folge. Menschenmassen verstopfen den Weg und die Sicht. Gelegentlich kann ich für Sekundenbruchteile weit oben eine wirbelnde blaue Fahne erahnen. Sensationell! Furios! Unglaublich! Natürlich nicht etwa das, was ich sehe, sondern vielmehr die idiotische Tatsache, so lange darauf gewartet zu haben. Wählte man diese enge Strecke, weil man sich ängstigt, von mehr als dreißig Personen gleichzeitig beobachtet zu werden? Auf dem Platz wäre Platz gewesen. Heilige Einfalt!
Ernüchtert frage ich Bernd, ob wir nun gehen wollen, da er sich vorhin als Begleitung anerboten hatte. Aber der will erst sein Eis in Ruhe zuendeschlecken.
Macht doch alle, was ihr wollt! Ich gehe jetzt!

20:03

'Geradeaus', sagt er! Dabei geht hier wirklich nichts geradeaus! Ohne meinen Orientierungssinn käme ich wohl irgendwann in Florentia raus - oder wie seinerzeit Doktor Jones in Venedig!
Nach einer Weile jedoch kommt mir Cord entgegen. Der weiß bestimmt Bescheid, hat vermutlich den gesamten Stadtplan im Kopf. Ich frage ihn, ob es hier zur Porta Flaminia geht, und er erwidert: "Die Richtung stimmt schon, aber wenn du hier weitergehst, kommst du in die Unterstadt. Nimm die nächste Parallelstraße!"
Na bitte, da hätte ich ja beinahe wieder ins Schwarze getroffen! Und ebenso beinahe hätte ich mal wieder eine Stadt umlaufen.

20:07

Da ist das Tor, das Neu- und Altstadt voneinander trennt. Ab dort geht es doch tatsächlich geradeaus, wie ich aus der Ferne sehen kann! Ich muss nur hinkommen, bevor mich einer totfährt.

20:39

Im Garten des Garden probiere ich die Schusskraft meiner Einhandarmbrust aus: Etwa sechs Meter fliegt der stumpfe kleine Holzpfeil - sieben, wenn man den ausgestreckten Arm mitzählt. Naja, nicht doll. Damit laufe ich jedenfalls nicht Gefahr, jemandem ein Auge auszuschießen. Da hält jede Hornhaut stand.

21:24

Auf Michaelas Anfrage hin sitze ich mit ihr im Eingang unseres Hotelabschnitts, und wir besprechen nochmals das Referat. Eigentlich leiste ich eher den Versuch einer Beruhigung, da die thematische Aufteilung ja bereits in Berlin geklärt wurde. Ich rechne ihr vor, wie lange das ganze mindestens dauern wird. Nach einer Weile Plauderns bleibt für mich nur zu hoffen, dass sie wenigstens heute Nacht mal ruhig schlafen kann. Wir haben nämlich keine Ahnung, wann wir überhaupt an der Reihe sind.
Da es noch nicht so spät ist, werde ich die Zeit nutzen, das Buswappen zu vollenden. Die Zeichnung von der Busrückseite lasse ich jedoch weg. Zu aufwendig. Und für den geplanten Auspuff, für den ich extra ein Stück Strohhalm aufgehoben habe, fehlen mir der Klebstoff und die Watte als Abgase. Schade eigentlich! Aber wann habe ich hier schon mal Zeit, das Material zu beschaffen! Ich habe ja nicht einmal die Zeit, die Tage mitzuzählen!

Zum zehnten Tag


Das Italienische Tagebuch
ist auch als E-Buch bei Tolino erschienen,
erhältlich zum Beispiel bei
Thalia, Weltbild und Hugendubel.

© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

Tagebuchübersicht / Fotos / Kurzgeschichtenseite