[10. Mai 2009 u.Z. - 12:38 Uhr

Bald zwölf Jahre ist es nun her, dass ich die letzten Zeilen zum Italienischen Tagebuch niederschrieb. Es war genau vor meiner zweiten Exkursion - vom Programm her durch seine Altertümer so viel mehr ansprechend, mir aber auch aufweisend, wie wenig ich in den Kreis von Touristen und Gaststättenbesuchern gehöre. Noch während jener zweiten Italienreise erwog ich ein zugehöriges Werk, welches den anderen Umständen Rechnung tragen und auch Abwechslung zu diesem bieten sollte: die Ollisee. Allein, nach der Irrfahrt war die Luft heraus, auch hielt mich anderes zu sehr im Bann, als dass meine Gedanken für ein weiteres schriftstellerisches Großprojekt frei genug gewesen wären. Diese Erkenntnis vor Augen, ruhte auch das Italienische Tagebuch für lange Zeit.
Da ich Ende April aus schierer Tagedieberei wieder mein Tagebuch zu lesen und zu korrigieren begann und mich dabei hinreichend köstlich amüsierte, entschloss ich mich, die grandiose Tat endlich zu vollenden. Freilich, nach nunmehr beinahe vierzehn Jahren muss ich erschüttert feststellen, wie viele gewiss erwähnenswerte Anekdoten und Szenen trotz Zuhilfenahme alter, stichworthafter Notizen wohl auf ewig im Dunkel meiner Gehirnwindungen verschollen sind. Umso dringlicher also die Ausformulierung des für meine Ansprüche kläglichen Restes, bevor ich zur zweiten Hälfte der Reise nur noch eine Handvoll Sätze zusammenzubringen verstehe.
Dabei liegt es auf der Hand, dass sich der Tagebuchstil nicht mehr durchweg wird halten lassen. Bleibt zu hoffen, die geneigte Leserschaft versteht das neue Konzept aus dem Wechsel von Erinnerungsfragmenten und hautnahen Rekonstruktionsversuchsschilderungen als erfrischende Abwechslung und kommt so über die Tragik einer entgangenen Einheitlichkeit und Rundheit des Gesamtwerkes leichter als ich selbst hinweg. Drücken wir uns die Daumen!]

4.9.[1995]

8:42

Wir haben Sena Ialia verlassen, mancher von uns gewiss auf ewig. Eigentlich denkwürdig daran ist der - vielleicht schon erwähnte - Umstand, dass es sich um unseren längsten Aufenthalt gehandelt hat.
Nun besichtigen wir den Appenninus von innen. Unglaublich, wie zahlreich und insbesondere langgezogen die Apennintunnel sind, die wir zu durchfahren haben! Dafür muss eine alte Oma lange buddeln.
Nachdem sich die erste Beeindruckung gelegt hat, schlägt mir unsere stets wiederkehrende Untertagereise zunehmend aufs Gemüt. Elektrische Tunnelbeleuchtung, wo es dem Körper nach Tageslicht verlangt, immer wieder kurz und ihm allzu überraschend unterbrochen von prallem Sonnenschein. Natürlich wirken sich die Wechsel auch auf die klimatischen Bedingungen im Wagen aus. Zivilisationskrankheitserscheinungen. In gewisser Weise auch bei mir, der ich versucht bin, mich ständig an- und auszuziehen.

10:34

Dem Wetter angemessen gekleidet zu sein, genügt eben nicht, wenn man den Standort wechselt. Um so schlechter, wenn man die Beschaffenheit des zweiteren nicht hinreichend vorauszusagen vermag. Bei der allgemeinen Hitze draußen komme ich gar nicht darauf, mir für Kirchen wenigstens einen Pulli mitzunehmen. Müsste ich es nicht bald gelernt haben!?
Dabei sind wir im Moment durchaus ein wenig draußen: Wir sitzen und stehen versammelt an einer zu allen Seiten mehr oder weniger offenen und doch überdachten Stelle des Doms zu Asisium und werden von eisigen Winden umbraust. So tut es mein Hirn bald dem Rest des Körpers nach und verkrampft sich. Keine gute Voraussetzung, einem Referat zu lauschen.

11:06

Über eine gewundene Treppe hinab sind wir in den Hauptraum des wieder einmal mit allem Pomp überladenen Baus gelangt. Darüber hinaus fasst er soeben auch unüberschaubare Besuchermassen, welche sich höchst gemächlich umherschieben. Was wollen diese Leute hier?
Violetta gelüstet es offenbar, mich von alledem abzulenken; jedenfalls rügt sie meine blasphemisch kurze Hose. Beneidenswert, sich Sorgen selbst ausdenken zu können! Aber so ist es eben mit der Moral der Durchschnittsmitteleuropäer: Verletzt du in einem Tempel eine unpraktische Kleiderordnung zugunsten des Wohlbefindens und letztlich der Gesundheit, so regen sie sich künstlich auf, womöglich selbst wenn es nicht einmal ihre eigene Religion betrifft. Erdreistet sich aber jemand, andere in aller Öffentlichkeit tätlich anzugreifen, indem er raucht, interessiert sich kaum einer dafür, und diese Wenigen wagen keine laute Bemerkung.

[14.5.09 - 8:19

Die alten Aufzeichnungen bieten mir Stichwörter, mit welchen ich nichts mehr anzufangen weiß. In irgendeiner Weise müssen wohl Stefanies Papierrollen Schaden genommen haben. Wen will dies in einem mit dem Gepäck von acht Leuten beladenen Wagen auch verwundern?
Springen wir zur nächsten diffus erhaltenen Szene.

Mittags]

Beim Erwerb von Waffeleis habe ich mich nicht beteiligt; so hungrig bin ich gerade gar nicht. Als dann aber jemand in unserer kleinen Teilgruppe seine Waffel nicht essen mag, landet diese bald bei mir. Ein Beispiel, welches Schule macht, denn auch die anderen geben die ihren an mich weiter. Einzig Bernd weiß seinen Eisbehälter zu schätzen und verzehrt ihn höchstselbst. Für mich jedenfalls eine ebenso unverhoffte wie willkommene Zwischenmahlzeit.

[Nachmittag]

Inzwischen schlendere ich allein mit Stefan durch die Stadt. Dass ich keine Ahnung habe, wo ich gerade bin, beunruhigt mich in keiner Weise. Dies nicht bloß, weil ich ja in Begleitung bin. Auf der bisherigen Reise hätte ich oft nicht einmal den jeweils gegenwärtigen Ortsnamen benennen können und bin ich doch immer irgendwie an die Sammelpunkte gelangt. Das sind hier ja auch alles keine großen Entfernungen. Futzelkäffer.
Nebenbei bedienen wir uns an Nusssträuchern am Wegesrand. Unsere tiefschürfende Unterhaltung geht derweil zum Thema Ehrlichkeit über. Dabei muss ich beklagen, dass Frauen (und wohl Menschen überhaupt) nur ein recht begrenztes Maß davon zu ertragen scheinen. Stefan möchte dies nicht so ganz unterschreiben. Dennoch hat mir meine Ehrlichkeit bislang keine Beziehung eingefahren. Freilich kein Grund für mich, mein Herz nicht weiter auf der Zunge zu tragen.
Auch auf mein Konsumverhalten kommen wir zu sprechen. Ein wenig fühle ich mich ja wie ein Müllschlucker, wie ich so stets alles verwende, was von anderen nicht mehr aufgebraucht wird und verkommen würde. Aber auch hier versucht Stefan, mich zu beruhigen. Das gelingt zumindest in Bezug auf ihn; mir ist durchaus bewusst, dass er letztlich nur für sich selbst sprechen kann. Trotzdem schön, jemanden mit Verständnis zu haben.

18:37

Auf einer Landstraße fahren wir unserer nächsten Übernachtungsstätte Urbino entgegen. Dunkel erinnere ich mich an den Namen, da wohl einer unserer Familienurlaube in meiner Kindheit oder Jugend dort stattgefunden hat. Entsprechend frage ich mich, ob ich irgend etwas wiedererkennen werde.
Plötzlich aber gerät aus scheinbarem Nichts Leben in die müde Busbesatzung: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein kleiner Supermarkt gesichtet worden, und er hat sogar geöffnet! Kaum können wir schnell genug vor Ort stehen. Mit großem Hallo fallen wir in die Stätte erschwinglichen Konsums ein.
Es ist ein wirklich mickriger Verkaufsraum, doch hinreichend mit dichtgedrängten, engbefüllten Regalen ausgestattet. Zudem ist eine Pfütze dem Verdurstenden ein See. Die anderen beladen sich mit Unmengen an Spezereien, wohingegen auch ich wohlüberlegt immerhin etwas Reiseproviant erwerbe. In der bisherigen Zeit der notdürftigen Mangelwirtschaft - wahrlich, es ist inzwischen der Abend des zehnten Reisetages! - bekam ich einige Routine darin, mich mit Vorhandenem zu arrangieren. Ich habe nicht vor, irgendwelche Nahrungsmittel später noch in die Heimat einführen zu müssen. Da ich mich inzwischen auch auf meine Wasserflasche eingestellt habe, kann ich ganz auf ein Getränk verzichten.
So helfe ich vor allem beim Tragen dessen, was niemand allein tragen kann. Die Stimmung ist ausgelassen, beinahe festlich. Und wirklich beschließen die anderen, heute Abend im Hotel eine kleine Feier zu organisieren. Entsprechend wird noch mehr eingekauft. Entwicklungshilfe für die anderen Busse.

19:22

Hotel Residence die Duchi - was für ein großsprecherischer Name! Aber immerhin muss man zugeben, die Zimmer sind etwas geräumiger als anderswo. Insbesondere im Bad bekommt man genügend Auslauf.
Da noch etwas Zeit ist, erhalte ich endlich Gelegenheit, mich im Duschen zu üben. Dies habe ich auch wirklich bitter nötig - also nicht nur das Waschen, sondern die Übung als solche: In meiner badewannegewohnten Unerfahrenheit gelingt es mir irgendwie, das Wasser nicht nur in Ohren und Augen zu bekommen, sondern auch in den Mund und sogar die Nase. Dennoch bereitet es mir ausreichenden Spaß. Allein die Möglichkeit des Stehens und sich Bewegens erfreut meinen Kreislauf weit mehr als das müdemachende Wannengesitze.
Sogar eine Körperwaage ist anwesend, was ich neugierig ausnutze. Die Vermutung, ich müsse in den entbehrungsreichen Tagen Gewicht verloren haben, bestätigt sich lediglich bedingt. Mir werden 54 Kilogramm angezeigt - im Vergleich zu meinen üblichen 55 bei 186 Zentimeter Länge kein sonderlich dramatischer Verlust. Anscheinend wird die Bedeutung täglichen Mittagessens doch etwas überschätzt. All das unprofessionelle, gemächliche und sinneunterwassersetzende Gedusche und Gewiege führt zu einer recht langen Waschung, über welche sich Fahrer-Christian zu recht verwundert. Wenigstens konnte er die Zeit des Wartens mit fernsehen kurzweiliger gestalten: Man empfängt einen Auslandssender des ZDF in verständlicher Sprache. Mein Bedarf an Nachrichten hält sich allerdings wie immer in überschaubaren Grenzen. Daher regen mich Chiracs Atomversuche lediglich aus naturverbundenen Gründen auf. Wo manche Leute alles den dritten Weltkrieg entdecken!

20:58

Vermutlich werde ich die Nachtmenschheit nie verstehen. Wir haben für meine Begriffe recht spät mit der Feier begonnen, und es sind noch nicht einmal alle da. Jedenfalls wird hinreichend gesaust und gebraust. Zugegebenermaßen bin ich kein großer Feiertyp. Zumindest nicht, wenn es nur ums Essen und Trinken geht.
Mein Bericht über mein Wiegeergebnis löst Erstaunen insbesondere bei Steffi aus. Andere haben nämlich weit mehr verloren. Ich erkläre ihr das Phänomen dadurch, dass man bei geringerer Nahrungsaufnahme ja auch weniger ausscheidet - zugegebenermaßen mit etwas weniger gepflegtem Ausdruck. Freilich habe ich auch schlicht weniger Masse, die ich überhaupt abbauen könnte.
Dass Bernd das Vorhandensein von Servietten für so überaus notwendig hält, ist für mich schwerlich nachvollziehbar. Müsste man sich nicht glücklich schätzen, überhaupt Nahrungsmitteln habhaft geworden zu sein, anstatt sich davor gar zu ekeln? Mir verschließt sich der Nutzen diese Einwegproduktes ohnehin. Sparsamkeit hat richtig verstanden ja auch immer etwas mit Naturschutz zu tun.
Dass Bernd hingegen bald darauf einschläft, ist lediglich dadurch bemerkenswert, dass ich das bei dieser Unruhe nicht könnte. Aber es ist mir ein willkommenes Beispiel, auch nicht mehr lange bleiben zu müssen, bloß um mein Durchhaltevermögen unter Beweis zu stellen.

Zum elften Tag


Das Italienische Tagebuch
ist auch als E-Buch bei Tolino erschienen,
erhältlich zum Beispiel bei
Thalia, Weltbild und Hugendubel.

© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

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