8.9.

9:15

Zur Festung von Gradara hinauf folgen wir einer schmalen Straße, welche von allerlei Nippes-Läden gesäumt wird. Im doppelten Wortsinn verschnupft, klagt Michaela dabei über die fortwährenden Streits im Hunecke-Bus um Fensteröffnungen während der Fahrten. Auch bezüglich der Musikberieselung wird man sich dort nicht einig. Da ich gegen mangelnde Rücksichtnahme auch kein Patentrezept aus dem Ärmel schütteln kann, muss ich mich weitgehend auf verständnisvolle Anteilnahme beschränken.
Oben dann, auf einem Innenhof des eigentlichen Besichtigungszieles, wird meine Aufmerksamkeit dadurch für das Referat gestört, dass ich mich eigentlich viel lieber bewegen und mir alles ansehen würde. Wie wäre es einmal mit einem Wanderreferat?

11:05

Freudig zeigt mir Michaela ihr soeben erstandenes Mitbringsel für ihren kleinen Bruder, von dem sie 10 oder 15 Jahre trennen. Es handelt sich um das Modell einer Kanone, jener ganz ähnlich, welche bei uns zuhause steht und von mir früher mit Pfennigschwärmern geladen wurde. Gewiss weiß Michaela sehr gut, welche Verspieltheit ich noch immer aufzubringen imstande bin und wie sehr ich mich daher mit ihr und ihrem Bruder mitfreuen kann.

11:19

In meiner ungelenken Offenherzigkeit versuche ich Hunecke auf die Internetnutzung des Instituts anzusprechen, erwische ihn aber in einem ungünstigen Augenblick. Der Wortwechsel verläuft erschreckend kurz und ergebnislos.

14:43

Unser Fuhrpark besteht ja aus drei VWs und einem Ford. Nun überrascht es mich gar nicht, als es genau letzterer ist, welcher heute den Geist aufgibt. Während er vom VW-Gespann Volker Hunecke und Werner Dahlheim zur Reparatur gebracht wird, genießen wir einen heftigen Sommerregen unter dem Augustusbogen von Ariminum.
Das Wetter und die etwas abseitige Lage beschert uns etwas Ruhe vor den unendlichen Besucherströmen dieser Stadt. Ich jedenfalls habe meinen Spaß, wenngleich das antike Baudenkmal durch die Umstände auch inhaltlich etwas kurz kommt und manchem zum bloßen Regenschutz verkümmert.

16:20

Während wir im kleinen Pulk die wieder sonnigen Straßen entlangwandern, lobt Füßchen-Kerstin meine gebräunten Schenkel. Gerade für Äußerlichkeiten bekomme ich selten ein Kompliment seitens der Damenwelt; da bewahrt man sich dergleichen besonders lang auf.

17:04

Auf der Suche nach einer Toilette gelange ich an ein abgesondert wirkendes flaches Gebäude. Als ich es umrunde, entdecke ich auch den Eingang für Herren. Die Menschenleere ist mir im Grunde ganz recht, doch hat sie auch etwas bizarr Endzeitliches. Dies um so mehr, als ich wieder nichts als Löcher im Boden vorfinde. Manche Dinge werde ich wohl nie vergessen.
[Andere schon. Ganz dunkel habe ich den Eindruck, damals auch bei den Damen geschaut zu haben, ob die besser ausgestattet seien.]

18:58

Unser Hotel in Lido di Savio hält sich für ein Flugzeug; es heißt Concord. In gewisser Weise mag das etwas veraltet moderne Ambiente dieses vielstockigen Touristensilos dazu passen.
Nachdem ich mich im Zimmer soweit eingerichtet habe, betrachte ich vom kleinen Balkon aus den Sonnenuntergang - soweit dies möglich ist. Denn leider verdeckt das Hotel gegenüber den Horizont; hier ist alles aufs Ungefälligste zugebaut. Menschen können ja so geschmacklos sein!
Dennoch gelingt es dem Naturschauspiel mittels Farbeinsatzes, mein Herz anzurühren. Unwillkürlich muss ich an André denken, dessen Selbstmord sich in zehn Tagen jährt. Auf solche Anblicke hat er damit verzichtet. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich ganze zwei Wochen nicht mehr an meinen guten Freund denken musste, nachdem zuvor kein Tag ohne dies vergangen war. Auch mein lieber Großvater grüßt aus dem Jenseits. Bei ihm ist es schon etwas länger her.

19:31

Die Größe des Speisesaales verwundert nicht weiter, wenn man die Höhe des Hotels bedenkt. Bei so vielen Gästen kann man es sich immerhin leisten, Auswahl beim Essen zu bieten.
Steffi verwundert sich über einen jungen Mann, welcher hin und wieder mit seiner Kopfhaut wackelt. Mir will nicht recht einleuchten, weswegen sie die offensichtlich aus nervösem Leiden geborene Marotte als dermaßen absonderlich ansieht. Bevor sie ihm noch einen Exorzisten auf den Hals hetzt, spreche ich lieber ein paar erklärende Worte und demonstriere, dass ich ebenfalls über die Fähigkeit zu dieser Bewegung verfüge. Der Junge tut es im Gegensatz zu mir einfach unbewusst. Nichts, was einen davon abhalten müsste, sich hemmungslos vollzuschlagen.

21:46

Während unseres Spazierganges am Strand beobachten wir am Horizont ein seltsames Lichterspiel. Doch ob es sich um ein fernes Gewitter oder vielleicht Feuerwerk handelt, ist nicht herauszufinden. Im Grunde sieht es aus wie ein Feuergefecht im zerfallenden Kunststaat Jugoslawien.

Zum fünfzehnten Tag


Das Italienische Tagebuch
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© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

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