9.9.

7:07

Schon wieder zwei Stiche! Sind diese italienischen Mücken vollends übergeschnappt!? Die fressen scheinbar alles! Das sollten jetzt wirklich genug Stiche für die nächsten zehn Jahre sein, sonst muss ich mir ernsthaft Sorgen machen!

[30.6. - 9:51

Wiederum ein Gespräch mit Annette, über das ich nichts mehr weiß. Wirklich schade!
Auch ein Glockenspiel wird in den Aufzeichnungen genannt. Ich vermute, es gehörte zu einer Rathausuhr in Ravenna. Jedenfalls muss es mich hinreichend begeistert haben, um einer Erwähnung wert zu sein.]

8:51

Vor dem Mausoleum der Galla Placidia kann man sich fast an den Wittenbergplatz zurückversetzt fühlen. Jener Berliner U-Bahnhof wurde nämlich diesem wohl vergleichsweise bekannten Grabmal nachempfunden. Die äußerliche Ähnlichkeit ist unverkennbar, doch muss man ja mal deutlich sagen: Das Gebäude am Wittenbergplatz ist größer und auch - zurecht - besser besucht.

10:18

Am Rande einer Kirche [- kann auch der Dom gewesen sein -] begegnen wir Jesuine. Zumindest nenne ich sie so, da keine Inschrift über sie Auskunft gibt und auch die hochgelehrten und sonst so redefreudigen Herren Professoren sich darüber auffällig ausschweigen. Es handelt sich um eine an ein Kreuz gefesselte Frauenfigur mit entblößter Brust. Die Erotik der Darstellung ist unübersehbar, zumal Jesuine eher schlafend als leidend wirkt. Man darf also eher nicht auf eine mittelalterliche Gleichberechtigungsbewegung schließen, sondern Fesselphantasien der Auftraggeber vermuten - selbst wenn es eine mir unbekannte Heilige gab, an welche hier vielleicht nebenbei erinnert wird.
Die Figur der trauernden Liebenden nahebei mag da im weitesten Sinne thematisch hinzupassen, ist für mich aber bei weitem nicht so beeindruckend und einprägsam.

10:49

Die Domhalle ist wirklich gewaltig und mit Wandbildern übersät. Dennoch werde ich von einer mystischen Kraft zu einem rechteckigen Wasserbecken gezogen. Überwältigt blicke ich auf eine Unzahl von Münzen verschiedenster Währungen am Boden unter der Wasseroberfläche hinab. Ich wette, da sind ein- bis zweihundert Mark versammelt.
Mal sehen: Das Becken mag vier bis fünf Quadratmeter messen. Wenn auf jedem Quadratdezimeter mindestens zwanzig Münzen zu einem Durchschnittswert von fünf bis zehn Pfennigen liegen, kommen wir auf grob achthundert DM Gesamtwert...
ACHTHUNDERT!?!
Und da glotzen die sich die Bilder an! Welch ein Schatz! Achthundert! Ob hier irgend jemand etwas dagegen hat, wenn ich mal eben hineinspringe?

11:03

Im domeigenen Nippes-Laden versuche ich, mich auf andere Gedanken zu bringen. Dabei entdecke ich einen Ständer mit diversen Briefmarken-Sammelpäckchen. Einige darunter haben durchaus recht schöne Motive. Lange ringe ich mit mir, ob sie mir ihren Preis wert sind. Aber im Grunde möchte ich für diese doch recht nebensächlich gewordene Freizeitbeschäftigung grundsätzlich kein Geld ausgeben. Jetzt auf der Reise muss ich mir solchen Ballast ohnehin nicht ans Bein binden. Gut, wenn sie zufällig in meine Tasche fielen...

11:14

Genug des Umkreisens von Briefmarkenständern und Opferbecken! Da ich mich nicht bedienen kann, bleibt mir nur noch jene eine Möglichkeit, mein Heil zu finden: Flucht! Ich muss hinaus, mein Gemüt abzukühlen.

11:19

Ziellos laufe ich auf dem Rasen und den dazwischenliegenden Wegen umher. Der Besucherstrom hat zugenommen, doch gibt es nichts, das mich beschäftigen könnte. So hält mein Gehirn fest an dem, was ihm weiterhin am bemerkenswertesten erscheint. Noch immer kann ich es nicht fassen. Solch ein Schatz, und ich lasse nichts davon mitgehen! Wie soll ich das je verkraften?
Halt! Wo sind plötzlich meine Socken? Ich habe sie vorhin ausgezogen und vermutlich liegenlassen. Ein Glück, dass ich noch nicht durch den Ausgang war! In höchster Eile sause ich zurück, und der gesamte Exkurs pigert mir verwundert dreinblickend entgegen.
Da liegen sie, unberührt von Menschenhand! Schön, wenn man Dinge hat, die andere gar nicht haben wollen.

[3.7.09 - 8:24

Ein paar Aufzeichnungen später welche nur einzelne Gedankenbilder, jedoch keine erzählbaren Szenen wachrufen, haben wir unter anderem auch unsere dritte Hochzeit absolviert und die zweite Augustusstatue besucht. Zeit also für Herrn Dahlheim, uns doch noch mit dem ersten Strandbaden zu überraschen. Ich hatte nicht mehr ernsthaft damit gerechnet, denn trotz meines völlig zerrütteten Zeitgefühles hatte ich doch eine Ahnung vom nahenden Ende der Reise.
Jedenfalls gab es für uns eine spaßige und entspannende Zeit, unter anderem mit einem von irgendwoher aufgetauchtem gepunkteten gelben Ball. Weit hinausgetraut habe ich mich nicht, da ich nie ein guter Schwimmer war. Vielleicht war ich auch nie ein guter Schwimmer, weil ich mich nie weit hinaustraue.]

19:29

Ein Teil des Busses isst auswärts - auf eigene, zusätzliche Kosten! Ihnen hat das Abendessen gestern hier im Hotel nicht zugesagt. Feinschmecker sind seltsam. Ich jedenfalls kann mich nicht beklagen und nur wundern. Mir schmeckt es, und die Hauptsache ist schließlich ein voller Magen. Doppelt bezahlen? Welch bizarre Idee!

[4.7.09 - 9:08

Mit Annette, Tanja und einem der Christians - vermutlich dem Fahrer - folgte ein Strandspaziergang bei Vollmond. In der Nähe wuselten auch Füßchen-Kerstin und Uwe umher - wohl bereits ein Paar oder auf dem besten Wege dorthin. Wie nahe wären Annette und ich uns wohl damals gekommen, wenn wir im selben Bus gereist wären? Aufgrund meiner geringen Erfahrungen beim Beziehungsaufbau hätte das vielleicht helfen können.
Des Nachts fror auch Ulrich so sehr, dass er sich eine zusätzliche Decke 'klaute' - wahrscheinlich aus einem unbelegten Nachbarzimmer oder von irgendwo auf dem Gang.]

Zum sechzehnten Tag


Das Italienische Tagebuch
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© Oliver H. Herde
Elf und Adler Verlag

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