Blick zurück

2019 betrachtet von Oliver H. Herde

Kiezbotenredakteur Oliver H. Herde Will man zurückschauen, so empfiehlt es sich, das Tempo zu verringern oder vielleicht besser noch für diesen Moment gar gänzlich innezuhalten, um nicht gegen das nächstbeste Stoppschild zu prallen. Ein wiederholt willkommener Anlass sind all jene verschiedentlichen menschengemachten Jahreswechsel, von welchen sich der mittlerweile verbreitetste nun abermals mit großen Schritten nähert. Sein eigentlicher Vorteil liegt in der zeitlichen Nähe zur vorangehenden Wintersonnenwende, auf welche er zurückgehen mag und die ja tatsächlich stets einen ganz realen Neuanfang bedeutet.
Was also ist uns in den letzten 12 Monaten Bemerkenswertes widerfahren?

Bedenkliches

Mit neuen Vorschriften der EU verringert sich der vormals so gewaltige Bequemlichkeitsvorteil der Direktbanken. Für beinahe jeden Handgriff benötigt man nun zwei Geräte und entsprechend mehr Zeit, Nerven und Energie. Einmal mehr wird das Argument der "Sicherheit" vorgeschoben. Warum darf sich nicht jeder selbst aussuchen, in welchem Grade er sich mit derlei einschränken möchte? Die einzige Vereinfachung durch das "PhotoTAN-Verfahren" besteht wohl in der damit erweiterten Überwachungsmöglichkeit dank leicht zu ortender Handys.
Ebenfalls unter dem Aushängeschild der "Sicherheit" verlangen immer mehr Internetdienste nach Telefonnummern und anderen Daten - zum Beispiel zwecks gezielterer Werbung. Vor lauter Sicherheitsabfragen und Sicherheitswarnungen kommt man bald selbst nicht mehr an die eigenen Konten heran.

Eine Kassenbonpflicht für Einzelhändler wurde beschlossen und soll ab dem 1.1.20 gelten. Immer schön brav die Umweltsauerei sammeln und sie den Finanzämtern in die Briefkästen stopfen!

Auf den Höfen Berlins werden die Glastonnen entfernt. Vorgeblich will damit eine Verbesserung der Sammelqualität erreicht werden. Ob da mal nicht auch die Hoffnung auf Einsparungen dahintersteckt? Manche Flasche landet nun jedenfalls in irgendeiner verbliebenen anderen Tonne oder schlicht auf dem Boden - wie leider zu erwarten war.

Erfreuliches

Die EU beschließt die Abschaffung der Zeitumstellungen. Wie viele Jahrzehnte haben die Regierungen benötigt, die technischen und gesundheitlichen Nachteile dieser kriegsgeborenen Maßnahme anzuerkennen! Dabei weiß man dies alles doch schon seit 100 Jahren. Hoffentlich dauert die Umsetzung nicht noch einmal so lange!
Zwar würde auch ich im Befragungsfalle die dauerhafte Sommerzeit bevorzugen, doch vermochten Mensch und Tier bereits vor Erfindung der Uhr ihre Tagesabläufe auf die jeweilige Jahreszeit einzustellen. Dies bleibt entgegen aller Zivilisation so oder so notwendig. Erst plötzliches Umstellen irritiert den Organismus und technische Vorgänge gleichermaßen.

Kurioses

Fällt das eigentlich auf, wenn die Busfahrer streiken? Ich meine, bei all den ohnehin üblichen Ausfällen und Unpünktlichkeiten ist man doch gewiss selbst zu Fuß schneller? Als Radfahrer weiß ich das freilich alles nicht so genau.

2019 war die Flatter-Ulme Baum des Jahres und die Feldlerche Vogel des Jahres. Was soll uns das sagen? Dass wir uns wieder vermehrt mit unserer natürlichen Umwelt beschäftigen sollten, anstatt uns in stets allein auf Regionen der menschlichen Welt beschränkte Ideen zu verrennen.

Jahrestage

Ula, der Umsonstladen an der TU wurde 10 Jahre alt. Für den Sprengelkiez bedeutsamer ist das 25jährige Bestehen des Nachbarschaftsladens. Auch der ist aus privater Initiative heraus entstanden und hat ebenfalls Umsonstregale im Eingangsbereich aufzuweisen, vor allem mit Büchern, aber auch immer mit anderen hübschen Dingen. Noch mehr als Ula versteht sich der Nabala jedoch als Begegfür alle offene nungsstätte - ein Anspruch, den er hervorragend erfüllt.

Vor 100 Jahren trat der bekannte englische Nationalökonom John Maynard Keynes von seinem Posten als Chefunterhändler des britischen Finanzministeriums bei den Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Grund hierfür waren die mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes gemachten und im Versailler Vertrag gebrochenen Zusagen der Alliierten, einen maßvollen Frieden ohne größere Gebietsabtretungen und Reparationsverpflichtungen zu schaffen. In "Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages" sagte Keynes bereits 1920 den Zweiten Weltkrieg voraus.

Vor 30 Jahren ist die Mauer gefallen. Wirklich überraschend war dabei im Grunde eher der Umstand, dass sie überhaupt so lange stand. Dennoch markiert der Mauerfall einen der weltgeschichtlich bedeutendsten Siege der Menschen über einen ihnen feindlichen Staat. In gewaltfreiem Widerstand wurde ein totalitäres Regime beseitigt.
Freiheit und Selbstbestimmung sind keine Selbstverständlichkeiten; sie müssen beständig verteidigt werden gegen die Bevormundungsversuche dominierender Gruppen. Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln weniger; doch nur, wer daran rührt, wird jemals frei sein können, da allein er um das Wesen der Freiheit weiß.

Dieser Artikel erschien in gekürzter Fassung auch im Kiezboten.


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Oliver H. Herde