Weihnachtsgedanken

(oder: Ein paar Worte zu Konsumnachten)
von Oliver H. Herde

Gibt es irgend etwas, das jedem gefallen muss? An dem jeder begeistert teilhaben muss, ob er will oder nicht...?

Weihnachtszeit

(Dezember 95)
»Weihnachten ist gar nicht mehr so schön wie früher. Alle meckern nur darüber.« Dies ist der Originalton meiner Schwester vom letzten Jahr. Ich warte nur darauf, dass sie das demnächst wieder anbringt.
Jedenfalls war meine nüchterne Antwort darauf: »Weil sich heute kaum noch jemand gern zu etwas zwingen lässt.« Zwang zum Konsum, Zwang zum Glücklichsein, zum Liebsein. Naja, wenn ich so in der U-Bahn stehe, staune ich doch, wie viele Leute sich um jene letzten beiden Beispiele herumzudrücken vermögen.
Prinzipiell habe ich ja gar nichts gegen eine gute Portion Frohsinn - nur brauche ich kein religiöses Fest dazu. Spaß kommt mit Dingen, die man gerne und aus Überzeugung tut. Weihnachten tut man dagegen für die Familie. Für solche Leute wie meine Schwester und Mutter.
Ich jedenfalls bräuchte kein Fest, um etwas zu verschenken. Da aber nun einmal gefeiert wird, muss ich alles bis dahin aufheben.
Die Abschaffung des Singens habe ich ja zum Glück schon als kleines Kind durchsetzen können. Allerdings war das auch nicht allzu schwierig. Heutzutage lässt man schließlich singen. So hat denn meine Schwester vor der Bescherung auch nichts eiliger, als einen ihrer musikalischen Tonträger auf- oder einzulegen. Und ich habe hinterher nichts eiliger, als mich in mein Zimmer zu verkriechen und als Ausgleichsübung so weihnachtliche Titel wie 'Krieg der Sterne' oder 'James Bond' zu hören. Vor allem die Kampfszenen sind da am geeignetsten vertont, sich abzuregen.

Der Baumkauf

(Dezember 96)
Seit Tagen liegt mir meine Mutter in den Ohren, ich möge mich doch warmhalten! Heute ändert sie ihr Ansinnen dahingehend, dass ich ihr den zu kaufenden Weihnachtsbaum schleppen soll.
Mir war nie recht klar, wofür man Bäume für teuer Geld abhacken lässt und dann zur festlichen Zelebrierung ihres Verfalls mit silbrigen Leichenfäden und glitzernden Trauerkugeln behängt. Um so ärgerlicher, wenn man auch noch dabei mithelfen soll!
Das Wetter spiegelt meine Vorfreude mit einem Dauerregen wieder, wie passend! Als Schutz für meine armen Hände stecke ich noch meine löchrigen Handschuhe ein, die ich sonst nur zum Runterbringen des Mülls verwende - das passt. Dann geht das Etappenlaufen von Unterstand zu Unterstand los. Im Grunde bin ich ja durchaus nicht aus Zucker, aber ich kann nun einmal nur bei allergrößter Anstrengung so langsam laufen wie meine Schwester und Mutter, also muss ich immer wieder irgendwo warten. Und das muss auf diese Dauer ja nicht unbedingt mitten im Wasser sein.
Während die Damen eifrig eine Leiche aussuchen, bilden sich Tropfen an meiner Nase. Ich steige zum Eingang des Rathauses hinauf, wo ich unter dem Vorbau wie ein gefangener Tiger auf- und abgehe. Auf dem Boden findet sich eine Büroklammer; ich hebe sie auf und biege sie zurecht, um nicht restlos vergebens aus dem Hause gegangen zu sein.
Als ein hübsch massakriertes Bäumchen gefunden ist, fragt mich meine Mutter: »Willst du hier warten, bist der Regen nachlässt?«
Sehe ich wirklich so aus, als würde ich gerne hier stehen!? Ganz offensichtlich habe ich noch nicht genügend genörgelt. Eine ernüchternde Erkenntnis.
So eile ich folglich mit Höchstgeschwindigkeit nach Hause und nehme - da ich freilich trotz der unhandlichen sterblichen Überreste, die ich mit mir führe, als erster Zuhause angelange - umständlich die Post aus dem Kasten.
Der sogenannte 'vorangespitzte' Baum ist natürlich unten zu dick für den Ständer. Und die Damen geben sich ebenso natürlich zu doppellinkshändig, selbst an ihrer makabren Trophäe herumzusägen. Wiederholt bekomme ich aber den 'ausgesprochen hilfreichen' Beistand, doch bitte nicht abzurutschen.
Ständig muss ich mich räuspern. Ob ich gegen das Harz allergisch bin?
Nicht dass jetzt Feierabend wäre! Ich muss auch noch die Lichterketten anbringen, weil Mutter und Schwester zu faul oder zu dämlich sind. Genau lässt sich der Grund nicht herausfinden. Gewiss könnte ich den Baum nun voller Begeisterung anzünden! Eine Feuerbestattung würde dieser Farce ein würdiges Ende bereiten.
Mama bezeichnet mich als »Miesmuffel«.
Ich korrigiere: »Wichtigereszutunhabel!«
Dass es zu Weihnachten eine so hohe Selbstmordrate gibt, ist einerseits nicht weiter verwunderlich, andererseits die umweltfreundliche Seite an diesem abergläubischen Ritus einer verwöhnten Wegwerfgesellschaft.
Jetzt habt ihr es endgültig geschafft! Ich hasse Weihnachten!!

Endzeitstimmung

(24.12.98)
Höret das bedrohliche Läuten der Sturmglocken!
Sehet die leergefegten Straßen!
Denn heute ist uns der Weihnachtsmann geboren,
und wer ihn nicht feiern mag, den steckt er in seinen Sack.

Einsamkeit

(16.12.00)
Weihnachtszeit - da müssen meine Freunde immer ihre Eltern besuchen. Für manche bedeutet dies eine lange, teure Fahrt. Für viele auch eine lästige Pflicht. Für mich bedeutet dies ihre lange Abwesenheit.
Sozialzwang als christlicher Liebesbeweis? Ich sehe meine Familie jedenfalls absolut häufig genug. Viel lieber wäre ich mit Menschen beisammen, die ich mir ausgesucht habe. Mit meinen Freunden. Mit den beiden Mädels, in die ich mich verliebt habe.
Doch in diesen Tagen habe ich nie Freunde. Keine Freundinnen. Nur die Einsamkeit. Und den Schmerz der Sehnsucht, während ich meiner Familie beim Feiern zusehe.

Ignoriere die Ignoranz!

(Januar 03)
Warum ist man beleidigt, wenn ich ganz sachlich darauf hinweise, dass ich kein Christ bin? Natürlich wissen dies die meisten; warum aber wünschen mir manche von ihnen dennoch frohe Weihnachten? Gut gemeint und gut gemacht sind eben zwei unüberbrückbare Gegensätze.
Vielleicht ist es ja doch am weisesten, all die Grüße, die mich so überhaupt nicht betreffen, einfach zu ignorieren. Aus Werbemailern kann man sich ja auch nicht austragen, sondern erreicht mit dem Versuch gewöhnlich das Gegenteil. Eine Aufklärung gedankenloser Mitdemstromgrüßer ist von diesen nach einem Jahr ohnehin wieder vergessen.
Und wie schütze ich mich nun selbst? Wie ertrage ich den Ärger, selbst von guten Bekannten noch mit Keineahnungwem verwechselt zu werden?
Wenn es mir gelingt, nächstes Jahr auf all dies überhaupt nicht mehr zu reagieren, mag ich vielleicht einen ausgeglichenen Seelenzustand erreichen. Zumindest erspart es mir den Groll derer, die mit der Sache angefangen haben. Und erregte Diskussionen. Und es verbleibt die kleine Hoffnung, dass es über die Jahre ganz allgemein immer weniger Leute geben wird, die sich an diesem unpersönlichen Herdentrieb beteiligen.

Zurück zur Natur

(21.12.05)
Wenn die Menschen unbedingt irgend etwas feiern wollen, sollte man ihnen vielleicht einen guten Grund dafür geben. Wer weiß denn heute noch, was er da feiert! Man schaue sich nur die erschütternden Umfrageergebnisse an.
Soll dies nicht angeblich eine Zeit der Besinnung sein? Dann besinnen wir uns doch einmal auf die ursprüngliche Quelle heutiger Festtage. Nicht die viel spätere christliche, selbstverständlich, sondern jene, welche lange davor über Jahrtausende hinweg von den meisten Kulturen der Nordhalbkugel beachtet, herbeigesehnt und gefeiert wurde. Ein tatsächliches astronomisches Ereignis, welches weitreichende Folgen ebenso auf die Befindlichkeit des Einzelnen wie die gesamte irdische Natur hat.
Das ist gewiss eine kleine Feier wert. Ganz zwanglos - ohne Geschenkstress, Ansprüche, Depression und Hektik, versteht sich. Vergessen wir Konsumnachten. Besinnliche Sonnenwende!
FROHE SONNENWENDE!

Ein ganz normaler 24. Dezember

(24./25.12.10)
Da ich dieser Tage mehrfach gefragt wurde, wie ich denn den 24.12. verbringen würde, hier nochmal für alle:
So gegen 7:30 wache ich auf und erwarte im Bette den Sonnenaufgang. Obgleich es auch im Anschluss dunkel bleibt, stehe ich schon bald nach 8:00 auf, verrichte meine alltäglichen Dinge wie Morgentoilette, Ankleiden, etwas Gymnastik (was Kennern des Griechischen als ein Widerspruch zum Vorigen erscheinen mag) beim Lüften und danach Frühstück. Dann das Bett abziehen und die dunklen Stellen des Kissenbezuges mit ein paar Tropfen Spülmittel für die Wäsche vorbereiten.
Etwa 10:15 sause ich aus dem Hause, die überflüssige Treppenhausheizung abzudrehen, meine wintergeplagte Radkette mit etwas Scheuermilch zu erquicken und die noch fehlende Wochenendnahrung einkaufen zu fahren. Ich bemerke erfreut, vom Kassierer nicht mit einem Christen verwechselt und als solcher abschiedsbegrüßt zu werden. Im Anschluss ein weiterer Supermarktbesuch zu Fuß. Die Kassiererin trägt zwar eine dieser rot-weißen Narrenkappen, was ihr keinen wacheren oder fröhlicheren Gesichtsausdruck entlockt, aber immerhin verwechselt auch sie mich nicht. Nach weiterer Radreinigung und neuerlichem Abdrehen der Treppenhausheizung bringe ich den Müll hinunter.
Um 11:15 beginne ich, Kartoffeln zu schaben und zu kochen, dann geht es unter die Dusche. Danach bei erster Filmmusik die trockene Wäsche in den Schrank sortieren, um den Wäscheständer frei zu haben, hier und dort nebenbei etwas aufräumen, den Teppich mit der Kehrmaschine massieren.
Zum Mittagessen ab 13:15 gibt es Quarkkartoffeln und eine neulich in unserem Umsonstladen gefundene Edgar-Wallace-Hörspielkassette. Gegen 13:30 wird die Waschmaschine befüllt und gestartet.
Da ich nun längst weit mehr als an anderen normalen Tagen gerabeitet habe, ist es an der Zeit, schönere und nützlichere Dinge in Angriff zu nehmen. Untermalt von weiterer Filmmusik investiere ich einige Stunden in teils neue, teils verbesserte Bilder von Zulhamina, da ich mit ihr nächste Woche endlich im Grünen Eber auftreten werde. Auch die Liste meiner Lieblingscharaktere und ein paar andere Webseiten werden teils umfassend überarbeitet. Ein paar Dinge scannen, aus einem Foto die Charakterzeichnung Feledrions erstellen, dann ist auch schon wieder 20:15 und Feierabend.
Eigentlich wollte ich ja noch Staubsaugen, die Rechnerbatterie austauschen und eine Bleistiftzeichnung von Yashkir anfertigen, aber es kommen ja noch zwei Tage, die irgendwie umgebracht werden wollen.
Das Fernsehprogramm besteht weitgehend aus Weihnachtsmüll und bereits mehrfach bekannten Filmen. Beim Abendbrot nebenher bricht mir eine Zahnwand mitsamt der riesigen dahinterliegenden Plombe weg.

Neulich im 'Tagesprophet' im Ersten Staatsfernsehen:

(25.12.14)
In ihrer Regierungserklärung zum Festtagserlass Nr. 24 deutete die Großkanzlerin Dolores Umbridge Weihnachten als "alternativlos". Sie führte aus: "Ohne die gewaltigen Mengen an Verpackungsmüll und toten Bäumen, angereichert durch ungeliebte Geschenke und durch von Neuanschaffungen verdrängte Alltagsgegenstände kämen wir doch unmöglich durch die Heizperiode."
Natürlich werde durch das Christfest zu anderen Zeiten weniger konsumiert, doch erleichtere es der segensreiche Rausch, Dinge auch weit über ihren tatsächlichen Wert hinaus zu bezahlen oder gar völlig Sinnloses zu erwerben. Auf die hohe Selbstmordrate angesprochen, konnte die Kanzlerin beruhigen: "Das sind ja nur Leute, die Weihnachten nicht mögen."
Auch sei es gar kein Problem, wenn liegenbleibende Arbeit vorher und hinterher zusätzlich zum normalen Pensum bewältigt werden muss - dies härte ab. "Das ist auch der Grund, weswegen wir das im Dezember machen", gestand die Kanzlerin lächelnd. "Zudem passt das Fest durch die Zimmerbrände und Rauchvergiftungen thematisch so gut zu Silvester." Um diese Wirkungen zu erhöhen, sollen künftig verstärkt Riten aus anderen Traditionen importiert werden, wie es mit Halloween und Valentinstag bereits begonnen wurde.
Zu feiern, bis der Arzt kommt, sei Grundvoraussetzung, auch das eigene Leben als alternativlos zu akzeptieren. Besonders wichtig sei dabei, dass alle alles zur gleichen Zeit tun, damit man unerwünschte Abweichungen leicht erkennen und austilgen könne.

"HO-HO-HO!"

(30.11.16)
Dieses gekünstelte Lachgeräusch trägt schon etwas sehr schadenfroh Hämisches in sich...


Noch ; bis zur Wintersonnenwende.
(wieder am 21.12.17 um 17:28)

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