Notizen aus der Provinz

Ein Reisebericht aus dem Elbsandsteingebirge von Oliver H. Herde

Vorbereitung

Ich bin ja nun durchaus kein Reisemensch, da mir kaum ein Ziel wichtig genug erscheint, all die notwendigen Planungen, Ausgaben und Anfahrtsmühen freiwillig auf mich zu nehmen. Freilich bin ich das Reisen dadurch wenig geübt und leide um so mehr unter etwas, das man schlechter Fieber denn Reisepanik betiteln muss. So auch diesmal. Dabei bräuchte ich dringend mal zwei Wochen Alltag, nachdem seit Monaten keine rechte Ruhe einkehren will. In den letzten Tagen vor der großen Fahrt verliere ich auch prompt ein Kilo Körpergewicht.

Erster Tag

Laut Fahrinformation im Internet fährt der Bus zum Hauptbahnhof um 12:11. Aus Connys umfangreichen und meinen eigenen zum Glück bescheiden wenigen Erfahrungen mit der unzuverlässigen BVG heraus erscheine ich bereits 12:01 an der Haltestelle und muss auf dem dortigen Fahrplan etwas von 12:16 lesen! Bei einer unzulänglichen Taktzeit von zwanzig Minuten ist dies ein besonders erbärmliches Schauspiel - glaube ich in Unkenntnis des weiteren Fortganges.
Derweil ich warte, übt die Grundschule gegenüber einen Feueralarm, was die ohnehin bizarre Situation - ich an einer Bushaltestelle wahrhaftig auf ein solches Gefährt harrend! - noch etwas steigert.
Tatsächlich erscheint der Bus 12:08. Somit scheidet selbst der Mond als Orientierungshilfe im Umgang mit der windigen BVG aus.
Als der Fahrer zum Herausgeben auf die 50-Cent-Taste drückt, kullert eine Münze zu 10 Cent hervor. Der Ganoventrick funktioniert noch drei Male, woraufhin der Fahrer mich in diesem Kleingeld auszahlt, als wenn ich nicht schon genug Gepäck zu schleppen hätte!

Im Zug zur Mittagszeit wollen wir die beiden Gutscheine ausgeben, welche Conny mal von der Bahn bekommen hat. Ich schlage vor, einen für die Rückfahrt aufzuheben. Leider antwortet der Kellner nicht darauf wann die in der Speisekarte erwähnte preisverbilligte 'Häppi Aua' denn sei. Man erfährt nur, dass sie gerade nicht läuft. Vermutlich fürchtet er zu recht, wir könnten sonst noch so lange warten.
Nachdem wir uns nach längerem Hin und Her für zwei Kleinigkeiten entschieden haben, steigt der Verdacht auf, die tschechische Bewirtschaftung könne die Annahme der Gutscheine verweigern. Diese Fehlorganistation lasse ich mir lieber vor einer Bestellung bestätigen, woraufhin wir den Speisewagen wieder verlassen und uns unserem Proviant widmen.

Weit über eine Stunde müssen wir am Bahnhof Bad Schandau auf unseren Anschlussbus warten. Dämlicherweise liegt der zugehörige Ort nicht etwa drumrum, dass man schon einmal einkaufen könnte, sondern auf der anderen Seite der Elbe! Mit dem Gepäck ist uns das dann doch zu umständlich und zeitlich zu unsicher.
Statt dessen habe ich Gelegenheit, Preise zu kalkulieren. Die hiesigen Öffentlichen sind erschreckenderweise auch nicht wesentlich billiger als die in Berlin. Im Grunde ist der größte Unterschied, dass der VBB hier VVO heißt.
Vom beinahe leeren Bus nach Gohrisch aus muss ich den ersten Polizeiwagen entdecken - die Bahnhofspolizei nicht mal gerechnet. Bislang also auch nicht besser als in Berlin. Im Ort angekommen, haben wir mit dem Gepäck noch einen beachtlichen Weg den Hang hinauf zu absolvieren, da die Haltestelle genau am dem Ziel entgegengesetzten Dorfende liegt. Man fragt sich, warum überhaupt am Dorfrand. Ich nehme mir vor, trotz des hügeligen Geländes notfalls allein mit dem Rad einzukaufen.

Mein Freund und Kollege im Umsonstladen hat uns die Ferienwohnung als Gefälligkeit zum Selbstkostenpreis angeboten.
Das Ferienhaus liegt verträumt direkt am Wald. Drinnen allerdings ist es nicht nur entsprechend dunkel, sondern auch nicht ganz so gemütlich, wie wir vermutet hatten. Der Eingangsraum besteht lediglich aus Küche und hölzerner Sitzecke. Über eine steile Treppenleiter erreicht man die Ebene darüber mit gerade genug Platz für die beiden an der Wand lehnenden Matratzen und einen wiederum drei Stufen tiefer gelegenen Wohn-Abschnitt mit keinem Klavier und - soweit ich es wahrnehme - einer Art gepolsterter Sitzbank. Durch reichlich Staub und Spinnweben entsteht ein etwas unwohnlicher Gesamteindruck. Klo und Dusche erreicht man nur über einen eigenen Eingang. Man wird also nachts wohl auch mal ins Freie müssen. Uns geht auf, wie unaufmerksam wir die Objektbeschreibung an manchen Stellen gelesen haben.
Wirklich positiv fallen mir die doch zahlreicher als erwarteten Spiele für schlechtes Wetter und lange Abende auf. Die erwähnten Fahrräder zum Brötchenholen sind allerdings wirklich in dieser Landschaft für nichts weiteres geeignet, denn nur eines hat überhaupt eine schlichte Gangschaltung.
Conny kommt aus dem Putzen kaum heraus. Auspacken könnte sie eh nicht, da es keinen Kleiderschrank gibt. Wie ich aus dem Koffer zu leben, ist sie nicht gewöhnt. Immer wieder schaut sie durchs Fenster in die Nachbarwohnung, die schon allein durch die breitere Treppe weit komfortabler wirkt. Aufgelöst berichtet sie mir von ihrer Begegnung mit einer großen schwarzen Spinne in der Duschkammer.
Zu allem Überfluss scheint auch noch der Wasserboiler in der Küche defekt zu sein. Ihren Jahresurlaub hat sich Conny komfortabler vorgestellt. Wir sind eben beide keine 40 mehr.
Da es am Ort keinen Supermarkt gibt und ohnehin fast alles schon zu hat, wird es eine etwas längere Suche, bis wir doch noch irgendwo einkehren können.
Als wir uns mühsam ein staubgeschütztes Nachtlager bereitet haben, bietet der Blick zum kleinen Dachfenster über uns zum verhangenen Himmel hinaus mit den Schatten der Zweige davor durchaus etwas Romantisches. Die Sorge über die kommenden neun Tage kann dies jedoch nicht ganz ausräumen.

Zum zweiten Tag


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