Notizen aus der Provinz

Letzter Tag

Unpassenderweise sollen wir die Wohnung schon um 10 Uhr räumen, weil angeblich mittags schon neue Gäste angekündigt seien. Schon möglich. Aufgrund nicht so recht zusammenpassender Aussagen des Wirtspaares muss man das nicht unbedingt glauben. Neben der dadurch entstehenden ganz unfreizeitmäßigen Eile müssen wir auch noch länger auf unseren Zug um 12:17 warten.
Wir liegen gut in der Zeit und werden wohl nicht mehr als das akademische Viertel benötigen, da steht schon wenige Minuten nach 10:00 die Frau des Hauses im Windfang, uns mitsamt dem anderen unwillkommenen Unrat hinauszufegen. Auch wenn man nie an eine Hochschule ging, ist dies kein gutes Benehmen.
Nachdem ich die ausgeborgten Dinge mitsamt ein paar haltbaren Lebensmittelresten und einem Grußzettel hoch in die ursprüngliche Ferienwohnung verbracht habe, begeben wir uns mit dem Gepäck hinab zur Bushaltestelle. Sicherlich schadet es nicht, einen früheren Bus zu nehmen.
Erst nach eingehendem Studium des unübersichtlichen Fahrplanes wird uns das Unbegreifliche klar: Es gibt gar keinen früheren Bus!
Während ich mich geistig auf eineinhalb Stunden Warterei vorbereite, läuft Conny fassungslos zu der anderen Bushaltestelle im Dorfkern zurück in der wenig aussichtsreichen Hoffnung, dort eine andere Fahrmöglichkeit zu entdecken. So lange bleibt sie fort, dass ich mir zunehmend Sorgen mache.
Endlich kehrt sie erfolglos wieder und eröffnet mir, ein Taxi rufen zu wollen. Da es sich um nur eine Busstation handelt, hier für eine Verspätung auch gar nicht genug Verkehr und Baustellen existieren und wir zu alledem noch die zwei Fahrten auf der Viererkarte haben, empfinde ich den Gedanken als höchst überraschend. Dennoch lasse ich sie missmutig gewähren, um sie zu beruhigen. Vielleicht kann ja Johannes noch etwas mit den übrigen beiden Fahrten anfangen.
Am Bahnhof bekomme ich folglich reichlich Zeit, ein letztes Mal die kostenpflichtigen Toiletten zu ignorieren. So schön war das Wetter auf unserer Reise selten. Wir sitzen noch einmal eine ganze Weile auf einer Bank mit Blick auf die Elbe hinab.
Auch auf der Rückfahrt mit der Deutschen Bahn gibt es wieder kein Bordrestaurant, welches Connys Gutscheine der Deutschen Bahn annehmen würde. Wir haben ja noch Kuchen und anderen Proviant und stellen fest, insgesamt haben wir zufriedenstellend gehaushaltet.

Bei der Einfahrt in den monströsen Berliner Hauptbahnhof kommt unser Abschied, da Conny erst später umsteigen muss. Dies fällt nicht eben leicht, doch wollen wir beide auch jeder nach hause, um auszupacken.
Man könnte meinen, ein Großteil der Bevölkerung sei in und um den Bahnhof unterwegs mit der Hauptaufgabe, im Weg herumzustehen.
Schon nach wenigen Schritten draußen gerät mir das erste Steinchen in die Sandale. Dennoch ist mein Beschluss längst gefasst und unumstößlich: Ich werde den öffentlichen Nahverbrechern nicht noch einmal eineinhalb Euronen in den gierigen Schlund werfen, sondern die zu erwartende halbe Stunde zu Fuß zurücklegen. Bei all den Baustellen, Ampeln, Rauchern und Polizisten gerät das Vorhaben zu einem Hindernislauf. Mit dem Bus hätte ich jedoch wohl kaum Zeit gespart. Warum stehen die Leute so gerne im Stau, anstatt mit dem Rad konkurrenzlos schnell ans Ziel zu gelangen?
Ich muss zugeben, diese Stadt kann sehr hässlich sein. Viel zu spät fällt mir ein, ich hätte mit wenigen Metern Umwegs auf der anderen Kanalseite eine weitaus angenehmere Strecke gehabt. Hier hingegen begegnet mir über all das bereits aufgeführte Elend hinaus noch ein Mensch, der den verschönernden wilden Pflanzenbewuchs an den Bauzäunen beschneidet, anstatt die jenseits erliegenden Arbeiten voranzutreiben, auf dass man bald die Zäune selbst entfernen könne.
In dem Bewusstsein, wie viel ich nach diesen Tagen aufzuarbeiten haben werde, stürze ich mich im Anschluss ans Auspacken ins Internet. Mit manchem Versäumnis werde ich noch lange zu tun haben. Auch ein weiteres verlorenes Kilo will zurückerobert werden.
Dennoch: Es bleiben viele schöne Erinnerungen.


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