Notizen aus der Provinz

Dritter Tag

Heute probieren wir den Feldweg aus, den uns die Dame im Regen gestern nach Papstdorf empfohlen hat - allerdings nicht unbedingt mit diesem als Ziel, sondern dem zugehörigen Papststein. Den Ort können wir dann je nach Bedarf dranhängen oder auch nicht. Auf dieser Strecke war es gestern bestimmt besonders matschig.
Schon bald wird es waldig. Wir beginnen, uns zu erholen. Längs des Weges finden sich irgendwelche für Geologen anscheinend wahnsinnig interessanten Gruben, was uns nicht lange aufhält. Dank der Karte schlängeln wir uns beharrlich dem Ziel zu, bis Conny wegen sie faszinierender Felsformationen auf einen anderen Weg abweicht. Mir ist das gleich - das ist ja schließlich IHR Urlaub.
Kurz darauf bin ich von der Entscheidung begeistert, denn je höher wir gelangen, desto mehr Heidelbeeren wachsen überall. Entsprechend rapide sinkt unser Marschtempo.
Allerdings zieht es Conny weiter hinauf. Eine Bank wird von ihr zur Rast genutzt, denn der Weg ist steil. Zwar bin ich noch nicht sonderlich erschöpft, aber meine Krampfadern und mein Rücken freuen sich natürlich trotzdem, dass ich die Beeren nun im Sitzen sammeln kann.
Vorhin schon haben uns Leute überholt; nun ist es ein wohl etwas jüngerer Mann mit rundem Bauch. Er spricht uns nett an, ohne jedoch lange stehenzubleiben. Obwohl Conny ansonsten lieber möglichst fern fremder Menschen weilt, folgt sie ihm sogleich und ich ihr.
Rasch wird es felsiger, und eine völlig neue Atmosphäre tut sich auf. Mit jedem Schritt bedauere ich mehr, dass wir gestern noch keine rechte Zeit fanden, uns mit dem entliehenen "Smartfon" genannten Fotoapparat vertraut zu machen und dessen Akku aufzuladen. Immer wieder beklage ich, herrliche Bildkompositionen einer fröhlichen Conny zwischen beeindruckenden Felsspalten nicht für eine zugegeben ungesicherte Ewigkeit festhalten zu können.
Alsbald erreichen wir eine Hochfläche, und ganz langsam wird mir klar, dass jenes zweite Gohrisch auf der Karte keinen Gemeindekreis meint, sondern diese Felserhebung. Zudem stelle ich zunehmend fest, zu warm angezogen zu sein, denn die Sonne wird hier nur noch durch vergleichsweise wenige und kleine Bäume darin bezähmt, uns mit ihren Strahlen zu bewerfen.
Conny ist mit dem Verfolgten ins Gespräch gekommen, zumal der mehrmals so sorgsam gewartet hat, ob sie auch ja nicht stürzt. In einem überdachten hölzernen Aussichtsbankrund erfahren wir, dass der Herr heute schon auf dem Papststein - unserem ursprünglichen Ziel - war und auch den Pfaffenstein als drittes noch diesen Nachmittag für seine Sammlung begehrt. Schmunzelnd beobachte ich meine Conny, wie sie doch durchaus auftauen und ungezwungen plaudern kann. Vielleicht glaubt sie jemandem ja eines Tages, wie charmant sie ist.
Von den zwei möglichen noch nicht bekannten Abstiegen wählt sie jenen ohne den Vermerk "(schwierig)". Als wir unten dem Mann von oben noch einmal zufällig wiederbegegnen, fragt er uns, wo wir heruntergekommen seinen und bedauert, wir hätten was verpasst. Dies beschert uns eine weitere Ahnung, man solle Schilder nicht gar zu ernst nehmen.
Da wir im Gegensatz zu ihm nicht gleich auf den nächsten Stein klettern wollen, wenden wir uns nach Papstdorf, wo Conny kurz eine Kirche besichtigt. Nach der sekundenschnellen Bestätigung, dass diese Bauwerke doch alle ziemlich gleich aussehen und stets schlecht belüftet sind, bin ich auch schon wieder draußen und schaue auf dem umliegenden Friedhof nach einem Wasserhahn aus, da ich vorhin eine ältere Dame mit Gießkanne gesehen habe. Tatsächlich entdecke ich fast sofort einen kleinen wie eine Tränke langgezogenen Brunnen, an dessen andauerndem Wasserstrahl ich meine Flasche wieder fülle. Noch darin begriffen, sehe ich auch bereits meine Liebste folgen.
In einer Bäckerei mit Schankraum und Außenbereich kauft sie Mineralwasser. Ob wir das Pfand jemals wieder sehen? Jedenfalls werden wir nach der Entleerung über eine größere Wassertransportkapazität verfügen. Mit Connys Kuchen setzen wir uns draußen in den Schatten. Hier sind wir hinreichend versteckt, wodurch ich mich vom mitgebrachten Proviant zu zehren getraue.
Um die sich anschließende Kurve der Straße herum stoßen wir auf den gestern gesuchten Supermarkt - oder besser auf seine Überreste. Hinter den Schaufenstern finden wir alles leergeräumt vor; nicht einmal Regale oder ein schriftlicher Hinweis. Mit diesem Eindruck verlassen wir den Ort, wofür ich unter Umgehung der Serpentinenstraße den gestrigen Ankunftsweg wähle, da wir für heute genug haben.

In unserem provisorischen Zuhause lade ich die Kamera auf, um sie anschließend auszuprobieren. Für alle Fälle will ich danach noch ein paar Spiele aus der anderen Ferienwohnung holen. Dazu bestellt Conny eine Schere und ein Schneidebrett, woran es in der neuen Küche fehlt. Dies ist auch die rechte Gelegenheit, das Smartfon im Freien zu erproben. Im beginnenden Regen nehme ich auch erste Videos auf. Dabei bekomme ich sogar noch Conny vor die Linse, die just bei meiner Rückkehr in Jacke und Schuhen zur Türe herauskommt, weil sie sich langsam ernstlich Sorgen um mich gemacht hat.

Zum vierten Tag


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