Notizen aus der Provinz

Vierter Tag

Heute möchte Conny zur nahegelegenen Feste Königstein. Es ist sonnig und warm - und ich vergesse meinen Strohhut. Dafür haben wir dank der nun mit echtem Leitungswasser befüllten Mineralwasserflasche heute einen Liter mehr Vorrat.
Unten im Ort müssen wir ohrenbetäubende Straßenarbeiten passieren, die jenen in Berlin in nichts als natürlich der Ausmaße nachstehen. Den Aufstieg jedoch findet Conny trotz der Anstrengung bezaubernd.
Nach der Kasse kommt mysteriöserweise noch eine zweite. Dann erklimmen wir noch eine abtragbare Holzrampe und schließlich den "Dunkle Appareille" betitelten Aufgang, an den ich mich noch von meinem ersten Besuch im Rahmen einer Exkursion von der Uni aus vor etwa 15 Jahren erinnere. Die übertriebene Frankophilität der Namensgeber kann ich jedoch so wenig teilen wie den gegenwärtigen Anglizismenwahn. Was haben all die Leute nur an ihrer Muttersprache auszusetzen?
Alsbald will Conny wissen, wo denn die Burg sei. Ich erkläre verwundert, dass wir uns längst darin befinden, und erfahre von dem eher mittelalterlichen Eindruck von ihrem einstigen Hiersein. Derlei kann nun wieder ich mich nicht entsinnen, wenngleich ich mir zugegebenermaßen insgesamt wenig von damals ins Gedächtnis zu rufen vermag. Allerdings kommt dieser Feste doch eher eine neuzeitliche Datierung zu.
Wir schreiten alles ab, genießen die Aussicht, knipsen schöne Fotos - und suchen den mittelalterlichen Burghof, dessen Existenz ich mir hier nicht recht vorstellen kann. Wir besuchen Ausstellungen und bekommen zufällig eine interessante Führung im Brunnenhaus mit. Dennoch wächst Connys Enttäuschung, als die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Erwartung immer geringer wird. Sie muss die Feste mit einer anderen Burg verwechselt haben.
Soeben überschreiten wir die Rothe Brücke hinaus, als Conny eine spaßige SMS empfängt: Eine Nachbarin bittet sie, während ihrer Abwesenheit die Blumen zu gießen. Den Schlüssel habe sie in den Briefkasten geworfen. Ich empfehle als gebührensparende Antwort: 'Bin in Sachsen', zumal solche Blödheit ruhig ein wenig bestraft werden darf. Dafür ist Conny jedoch viel zu lieb und gewissenhaft. Sie erwidert einen kleinen Roman, in welchem sie der Nachbarin über eine dritte zum Briefkastenschlüssel verhilft.

Am Ende unseres Abstieges entdecken wir in Königstein einen Edeka. Er ist durch die fußgängerfeindliche Verkehrsführung nur über einen Umweg zu erreichen - und wie das Schild am Eingang verkündet, wegen Hochwassers geschlossen. Meine Güte, das ist doch fast zwei Jahre her! Vermutlich will man es gar nicht riskieren, hier überhaupt noch mal zu öffnen.
Auf der Suche nach Kaffe und Kuchen für Conny kommen wir an Häusern vorüber, deren Fassaden durch Verfärbung gut zeigen, dass die Elbe hier bis in den ersten Stock angestiegen gewesen ist. Dies wird dann wohl auch der Grund für die Straßenarbeiten heute früh sein.
Den Heimweg geht es wieder lang anhaltend empor, aber dafür gibt es hier Himbeeren am Wegesrand und bald darauf wieder friedlichen Wald.

Zum fünften Tag


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