Notizen aus der Provinz

Fünfter Tag

Zum einen möchte Conny mindestens einen Tag Räder ausleihen, und den Elberadweg entlangfahren. Zum anderen benötigen wir aufgrund meiner verfallenen Geldkarte und meiner Fehleinschätzung des benötigten Bargeldes bald eben solches. Keinesfalls hatte ich mit derartig umfangreichen Ausgaben für Verkehrsmittel und Eintritte gerechnet! Nur leider gibt es in dieser Region eine allzu mickrige Auswahl an Banken. Selbst in den Poststationen finden sich keine Bankautomaten. Einzig in der Kreisstadt Pirna - so scheint man hier überall zu wissen - soll es einen geben. Passenderweise möchte sich Conny irgendwann auch Pirna ansehen.
Drum konnte ich sie mit einiger Mühe überzeugen, die Besichtigung Pirnas mit der Radentleihe zu verbinden. Dies erspart lästige Zugfahrten, denn solche Entfernungen haben wir auch innerhalb Berlins schon gemeistert, und direkt am Flusslauf wird es nicht allzu hügelig sein.
Wie meistens sind wir später dran, als uns lieb wäre. Es geht wieder hinunter durch den Wald nach Königstein.
Unterwegs kommen wir an zwei herumstehenden Männern vorüber. Möglicherweise warten sie ja auf ein bis zwei in den Büschen versteckte Personen. Unschön ist nur, dass der eine mit seiner Zigarette einen Umkreis von gewiss dreißig bis vierzig Metern verpestet. Diese verheerende Wirkung ist doch immer wieder erstaunlich.

Im Fremdenverkehrsbüro in Königstein, wo wir die Räder leihen wollen, ist nicht so recht Auswahl vorhanden. Vor allem aber müsste man sie allzu früh zurückgeben. Daher empfiehlt uns die Dame wieder zur Elbe hinab, nachdem sie sich telefonisch noch mal vergewissert hat.
In einem Betonklotz von Lagerhalle sind vor allem Schlauchboote und etliche Leute versammelt. Wir hören, dies sei samstags nun einmal so. Nach längerem Warten dann führt uns die überlastete Dame noch ein Stückchen weiter zu einer Garage. Deren Tor befindet dies für eine gute Gelegenheit, irgendwo an der Aufhängung geräuschvoll zu bersten. So müssen die kräftige Dame und ich das Tor stemmen, während Conny rasch zwei Räder herausholt.
Jener Mitarbeiter, der uns die Räder noch einstellen soll, ist auch etwas in Eile. So vermag sich die zurückhaltende Conny nicht mit ihrem Wusch durchzusetzen, einen höheren Lenker zu bekommen. Ich dagegen vergesse dies Ansinnen im entscheidenden Moment sogar gänzlich, da ich mich unter Zeitdruck gesetzt fühle und noch mit der Sattelhöhe beschäftige, obgleich ich das wegen des Schnellspanners auch später noch tun könnte. Entsprechend suboptimal muss unsere Haltung während der nächsten Stunden ausfallen.
Trotzdem wird es eine überwiegend angenehme Fahrt auf welcher uns mehr Räder als Kraftfahrzeuge begegnen. Bald sind wir in Rathen, wo Conny bestätigt, wie wenig sich dieses nahe Ziel allein für die Räder gelohnt hätte.
Da sie gern auf der anderen Seite fortsetzen möchte, weil sie das Ufer ohne Bahngleise für schöner vermutet, setzen wir mit der Fähre über. Jene besitzt keinen Motor, sondern lässt sich an einem Kabel hängend von der Strömung jeweils hinübertreiben - wenn auch unter Zuhilfenahme eines rein mechanischen Steuerrades.
Weiter geht es nach Westen das rechte Flussufer hinab. Ein Regenfeld zieht nur wenige Kilometer entfernt vorüber. Um die Fahrt etwas spannender für mich zu gestalten, nehme ich ein paar Videos davon auf. Die Smartfonbedienung mit einer Hand ist mir eine willkommene Herausforderung.

In Pirna fragen wir zwei junge Damen nach der Postbank, deren erstaunlicher Bekanntheitsgrad sich ein weiteres Mal bestätigt. Wir bekommen eine ob der nur noch geringen Entfernung übersichtliche Wegbeschreibung, die mit dem Zusatzhinweis "Gegenüber vom Kino" schließt. Dort angekommen, verwundere ich mich nicht wenig darüber, denn man kann wirklich nicht behaupten, es wäre auffälliger oder größer als die Post. Während ich auf der Straße mit den Rädern auf Conny warte, kommt auch schon die Erklärung daherspaziert: Die Mädels haben uns eingeholt und gehen ins Kino. Kein Wunder also, wenn es ihnen eben so bemerkenswert erschien.
Die Stadt wird von uns nur oberflächlich besichtigt, da Conny den Berg hinauf zum Schloss möchte und wir ja nicht beliebig viel Zeit haben. Hinein gehen wir allerdings nicht, sondern genießen nur die Aussicht und philosophieren darüber, ob wir in einer so kleinen Stadt wohl glücklich wären.

Den Rückweg treten wir auf dem von der Elbe aus gesehen linken, südlichen Flussufer an. Dabei erweist sich, dass man von den seltenen Zügen gar nicht viel mitbekommt. Dafür aber schon kurz vor Rathen von der Bastei genannten Brücke hoch oberhalb des Örtchens, welche Conny ursprünglich heute besichtigen wollte.
Mit nur geringer Verspätung erscheinen wir beim Verleih in Königstein, wo der Mitarbeiter von mittags ein Durcheinander von Schlauchbooten zu ordnen versucht. Gewiss wird er hierfür noch ein, zwei Stunden benötigen.
Wir dagegen klettern schon mal den Heimweg hinauf, vorbei an den Himbeeren.

Zum sechsten Tag


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