Notizen aus der Provinz

Achter Tag

Schließlich gibt es da noch den Pfaffenstein. Diesen zu erreichen, müssen wir Gohrisch erstmals nach Nordosten den Hügel noch etwas weiter hinauf verlassen. Oben sieht man ihn auch schon. Wieder hinab geht es durch Felder und Pfaffendorf, dann erneut empor bis zum Fuß des eigentlichen Berges. Auch darf abermals zwischen einem 'leichten' und einem 'schwierigen' Aufstieg gewählt werden. Diesmal braucht Conny nicht mehr gar zu lange, sich für letzteren zu entscheiden.
Wir setzen uns gerade wieder in Gang, als wir an der Wegscheide hinter uns zwei Menschen mit Hund beobachten, denen die Auswahl offenkundig nicht so leicht fällt. Mutmaßlich dem Vierbeiner zuliebe wenden sie sich rechts entlang den einfacheren Weg. Eine kluge Einsicht, wie wir vermuten - und wirklich bekommen wir schon wenige Schritte später ein Hinweisschild zu sehen, dieser unser Aufstieg sei für Hunde ungeeignet.
Dies wird alsbald durch immer steiler werdende Treppen nochmals bekräftigt. Für uns hingegen war der Beschluss vollkommen richtig, da er uns gewiss schönere Aussichten beschert, sowie noch weiter oben die Passage durch das sogenannte Nadelöhr, wo der Felsen eine Treppenleiter komplett umschließt.
Oben hat Conny Angst um mich und anscheinend nicht viel weniger um das von ihrer Tochter entliehene Smartfon, weil ich mich für ein Foto an die Grenzen der Felsen bewege. Später werde ich ihr noch begreiflich machen, dass ich dies auch für meine eigenen Grenzen brauche, denn als besonders mutigen Menschen würde ich mich nun nicht bezeichnen.
Jedenfalls wagt sie sich kurz darauf selbst an eine Kante heran, was in mir gemischte Gefühle weckt. Allerdings überwiegt bei mir die Freude über ihre Selbstüberwindung und das tolle Fotomotiv die Furcht um den geliebten Menschen, zumal ich diesen mit letzterer nicht anstecken möchte.
Wie man ja eigentlich schon aus der Ferne sehen konnte, ist die Grundfläche des Pfaffensteins ungleich größer denn die des vergleichsweise übersichtlichen Gohrisch. Außer den hier allerorts üblichen Naturschauspielen aus bemerkenswerten Pflanzen und Felsen gibt es auch eine Gaststätte nebst eines kleinen Turmes, welchen zu ersteigen wir itzt keine Lust verspüren. Erstaunlich viel Volk ist hier unterwegs, darunter gar eine Schulklasse.
Am Rande des weitläufigen Geländes steht etwas abseits die Felssäule mit der Bezeichnung Barbarine, welchletztere mich unweigerlich an die Familie Barbapapa erinnert. Für die Formation jedenfalls ist gar eine Tafel mit geschichtlicher Aufstellung über Benennung, Bekletterungen und Restaurationen angebracht, inklusive einer alten Schauergeschichte, welche es sich ihrer ungerechten Botschaft wegen nicht wiederzugeben lohnt.
Erst verzögert bemerkt man, dass man sich im Grunde bereits mit dem Abstieg beschäftigt, denn dies ist jetzt die leichte Strecke. Meist sanft und weitläufig sinkt sie mehr ab, als dass sie fiele.
Allerdings hat Conny noch nicht genug für den Tag. Auf der Karte findet sich eine Erhebung namens Quirl in unmittelbarer Nähe. Leider kann sie nach dem Erlebten gar nicht mehr recht beeindrucken, auch wenn sie für sich genommen gewiss auch sehr schön ist.
An Feldern entlang begeben wir uns auf den Heimweg. Dabei kommen wir am Rande von Pfaffendorf an einer Gaststätte vorüber, wo Conny ihr Kaffee-und-Kuchen-Ritual vollziehen möchte. Neben meiner Sorge um ihre Geldbörse und meiner Abneigung gegen unsofahaftes Gartengestühl erinnere ich mich des abgepackten Kuchens zuhause. In der Überzeugung, sämtliche Gäste würden uns aufmerksam beobachten und unser Gespräch belauschen, rauscht Conny wieder davon, mich im Anhang. Nun mag uns wirklich doch noch der eine oder die andere nachblicken.
Es dauert eine ganze Weile, bis ihr Ärger verflogen ist. Zuhause angekommen, wirkt sie aber doch recht froh, dass es nicht noch später geworden ist.

Zum neunten Tag


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