Interview mit Quartiersrat Oliver H. Herde

im November 2012 anlässlich der seinerzeit bevorstehenden Neuwahl zum Quartiersrat

Was hat Sie dazu motiviert, dem Quartiersrat beizutreten?

Ich war neugierig und dachte mir, da kann ich mehr durchschauen, was passiert. Ich habe Möglichkeiten, mitzubestimmen und Einfluss zu nehmen. Außerdem bin ich informiert, weiß, was gerade läuft an Aktionen, an besonderen Attraktionen, Festen und so weiter. Es hat mehrere Vorteile.

Sie sind jetzt seit über einem Jahr dabei. Welche Bilanz können Sie ziehen?

Ich kann eine Menge Bilanzen ziehen. Ich habe festgestellt, dass ich manchmal in meinen Entscheidungsmöglichkeiten eingeschränkt bin. Nicht nur, indem ich gegen andere Quartiersräte anstimme, sondern als Quartiersrat insgesamt. Zum Beispiel haben wir manchmal das Gefühl, vieles vom Quartiersmanagement vorgekaut zu bekommen. Wir berieten uns auch lange über die vom Senat vorgegebene Rahmengeschäftsordnung. Die mussten wir letztendlich so annehmen, weil es sonst keine Gelder mehr gegeben hätte. Wenn das jedem von uns klar gewesen wäre, hätten wir nicht so viel diskutieren müssen. Es wäre seitens des Senats ehrlicher gewesen, gleich die Karten auf den Tisch zu legen. So aber ist es dadurch im QR auch erheblich leerer geworden.
Als persönliche Bilanz kann ich sagen, dass es mir auf jeden Fall etwas bringt. Ich werde auch wieder kandidieren. Man knüpft Kontakte, es ist ein angenehmeres Wohngefühl, wenn man sich auf der Straße grüßt und kennt. Man ist mehr im Gespräch, auch außerhalb des Rats. Auch wenn ich vorher im Sprengelhaus schon bekannt war - ich war eine Zeit lang in der Jugendfreizeit-Einrichtung Lynar aktiv, inzwischen gebe ich das historische Tanzen - ist das als Mitglied des Quartiersrats nochmal was anderes.
Seit ich dort bin, kriege ich deutlich mehr mit und weiß, was es alles gibt. Ich lebe seit fast 15 Jahren hier, habe aber in den ersten 10 Jahren nichts mitbekommen. Ich bin aufs Rad gestiegen, und weg war ich. Nun habe ich viel mehr Bezug zum Kiez, weil ich einen Bezug zu den Bewohnern habe. Ich führe jetzt mehr ein Dorfleben; es zieht mich nicht mehr so in die Ferne.

Was, denken Sie, haben Sie als Quartiersrat bewegt?

Als Neuling startet man ja nicht gleich durch, zumindest nicht als vernünftiger Mensch. Ich musste erstmal die Struktur durchschauen und gucken: Wie läuft das eigentlich? Was darf ich, wo kann ich mitbestimmen? Womit kann ich Leute gewinnen? Da sollte ich zum Beispiel nicht von meinen privaten Sorgen erzählen, darauf reagieren die Leute eher allergisch. Ich muss mich kurz fassen, darauf achten, dass ich verstanden werde und darf nicht zu abgehoben argumentieren. Manchmal bin ich zu schnell, ich gebe gleich das Ziel vor, ohne zu erzählen, wie ich überhaupt darauf gekommen bin.
Bisher hatte ich keine großen Anliegen, das wird sich im nächsten Jahr ändern. Für die Durchführung der nächsten QR-Wahl will ich einen Antrag stellen. Es gibt eine Liste der kandidierenden Bürger und eine Liste der Institutionenvertreter. Auf der Bürgerliste tritt sozusagen jeder gegen jeden an. Die Institutionsliste ist in 12 Sparten aufgegliedert, und pro Sparte kommt eine Person in den Quartiersrat. In vielen Sparten gibt es allerdings nur eine Person, das heißt, diese Leute sind automatisch drin. Das finde ich problematisch, weil sich erstens die Wähler fragen, was sie da überhaupt noch wählen sollen. Zweitens haben die Mitglieder aus einer solchen Sparte keine Vertretung, wenn sie mal fehlen. Das führt dazu, dass der Rat seltener beschlussfähig ist. Deshalb ist es mein Anliegen, dass alle Kandidierenden von Institutionen in einer Liste zusammengefasst werden, ohne die Aufteilung in Sparten. So können die Wählenden auch freier oder überhaupt entscheiden und thematisch gewichten.

Was macht an dieser Arbeit besonders Spaß?

Die Kontakte und die leckeren Brötchen (lacht). Nein, vor allem die Kontakte. Auch bei persönlichen Fragen kann man direkt auf die Leute zugehen, weil man sie eben kennt; zum Beispiel wenn man auf Wohnungssuche ist. Man kennt schon alle. Und man weiß überhaupt, dass es diese Leute gibt! Bei der Konfliktagentur zum Beispiel nehme ich an, dass die Leute da sonst oft dran vorbei laufen, weil nicht einmal die Öffnungszeiten dranstehen. Ich glaube, es ist ein Problem vieler Gremien, dass es ihnen nicht leicht fällt, sich bekannt zu machen. Der Kiezbote ist da sicherlich eine große Hilfe, aber den liest auch nicht jeder. Es gibt Leute, die kümmern sich um nichts, denen sind Zigaretten und Bier das Wichtigste. Das ist schade, weil sie sich damit selbst viel verbauen. Und in Geballtheit wird das natürlich zum Ärgernis.

Wie beurteilen Sie die Entwicklungen im Kiez bzw. was für Entwicklungen konnten Sie beobachten?

Es lag sicher nicht am Quartiersrat, aber der Sprengelkiez ist im Sozialatlas hochgestuft worden, also wir sind jetzt nicht mehr in der katastrophalen Stufe. Das heißt allerdings auch, dass wir weniger Gelder bekommen; deshalb waren wir uns im QR nicht sicher, ob wir darüber froh sind oder nicht. Das fragt man sich wegen dieses Systems oft: Wollen wir jetzt besser werden oder nicht?
Außerdem gibt es viele Initiativen, die versuchen, den Kiez zu verschönern, den Pekinger Platz zum Beispiel. Ich bin allerdings skeptisch, ob das so greift. Manchmal hab ich das Gefühl, das ist etwas überplant, es gibt zu viel Konzept und die Natur wird zu wenig sich selbst überlassen. Der Sprengelpark wirkt auf mich zum Beispiel ein bisschen leer, da fehlen mir ein paar Bäume. Aber das ist natürlich meine persönliche Vorliebe.
Ansonsten kann ich die Veränderungen nicht so gut beurteilen, weil ich noch nicht so lange im Quartiersrat bin. Erst dadurch laufe ich mit offenen Augen herum.

Dieser Artikel erschien auch im Kiezboten vom Dezember 2012 und Januar 2013.


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Oliver H. Herde