Die Geschichte des Tanzens

Im Jahre 2008 wollte ich mich im Nachbarschaftsladen des Sprengelhauses eigentlich nur als Nachbarschaftshelfer anbieten. Da ich jedoch bei der Gelegenheit auch beiläufig mein sportlich-musikalisches Hobby erwähnte, bot man mir zudem den Gymnastikraum für ein eigenes Projekt "historisches Tanzen" an.

Aber was ist darunter eigentlich zu verstehen?
Getanzt werden schlicht und einfach alte Tänze aus den letzten acht Jahrhunderten. In den meisten Fällen handelt es sich um europäische Volkstänze; sie sind also normalerweise leicht zu erlernen. Aber auch die höfischen Tänze wie zum Beispiel Menuette sind durch eine Vereinfachung der Schritte gut erlernbar. Denn schließlich geht es hier nicht mehr so sehr wie dereinst ums perfekte Präsentieren, sondern um die Freude an der Bewegung!
Die alten Melodien haben nichts mit den seichten Schunkel-Rhythmen zu tun, die wir heute unter Volksmusik missverstehen. Denn der Musikantenstadel bietet ja nicht wirklich Musik aus dem Volk, sondern künstlichen Kommerz. Unsere Klänge dagegen entstammen altem europäischem Volksgut und der Klassik.

Schon früh ließ ich aus experimenteller Laune heraus die alten Figuren auch mal nach modernen Stücken aus Pop oder Techno ausprobieren. Bestand erfahren haben aber bislang nur meine beiden Tänze nach Filmmusiken aus Fluch der Karibik und Harry Potter.
Es kommt mir also nicht nur auf die Vermittlung der alten Tänze an. Oft sondere ich Anekdoten, Zitate und Scherze ab, ob nun über historische Personen, von Heinz Erhardt oder selbst ausgedacht. Nach meiner Erfahrung ist ohne Spaß kein Lernen möglich.

Außerdem werden bei uns die Generationen miteinander verbunden, denn es gibt keine Altersbeschränkung. Wer groß genug ist, ist auch alt genug - und so lange nicht zu alt, wie er sich noch bewegen kann. Manche kommen kaum eine Treppe hoch, aber wenn nur erst die Musik spielt, sausen sie einem leichtfüßig davon.
Unsere Älteste ist Ende 70, seit 2010 dabei und sagte einmal über unser Tanzen: "Ich freu mich die ganze Woche drauf." Gefunden hat sie uns damals im Internet.

Anfangs noch in sehr kleiner Runde mit durchschnittlich drei Teilnehmern, hat sich dieses nicht ganz gewöhnliche Freizeitvergnügen über die Jahre zunehmend herumgesprochen. Die Teilnehmer reisen aus dem gesamten Großraum Berlin an.
Wer möchte, kann auch an unseren gelegentlichen Auftritten in mehr oder weniger historischen Kostümen teilnehmen. Beim Fest des Sprengelhauses sind wir damit seit vielen Jahren konstanter Programmpunkt und laden auch immer mit besonders zugänglichen Tänzen zum Mitmachen ein.
Ebenfalls festlich gewandet lassen wir unsere gelegentlichen Tanzabende stattfinden, bei welchen das Buffet von allen für alle gestaltet wird.


Mitmachen für alle beim Auftritt / Tanzabend / montags im Veranstaltungsraum / mittwochs im Gymnastiksaal

Damit wirklich alle auf ihre Kosten kommen, ohne andererseits überfordert zu werden, gibt es mittwochs nachmittags den Kurs für Einsteiger und montags abends ein deutlich schnelleres Lerntempo auch mit zusätzlichen schwereren Tänzen. Dennoch bemühe ich mich grundsätzlich, bei der Auswahl der Tänze auch auf die Anzahl der Anwesenden, sowie ihre Stärken und Vorlieben einzugehen.
Es kann sehr spannend sein, bei Neulingen nach den Schwächen zu forschen und sie dann dort abzuholen, wo sie stehen. Egal, wie schlimm es manchmal scheint - wirklich jeder wird von Mal zu Mal sicherer.
So kommen viele der Profis auch gern zum Mittwochstermin. Das erleichtert mir die Arbeit. Denn auch ich schaffe es nicht immer, drei bis vier unterschiedliche Hinweise an mehrere Personen gleichzeitig zu trällern...
Manchmal singe ich meine Tanzanweisungen auch. Das prägt sich leichter ein und unterstreicht den Takt. Es war mir ein herzerfrischend großes Kompliment, als die Mittwochs-Gruppe dies einmal bei einem der ihr bekannteren Tänze für mich im Chor übernahm.

Dieser Artikel erschien auch im Kiezboten vom Juni 2016.


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Oliver H. Herde