Zweites Kapitel
Freiheit und Gefangenschaft

von Oliver H. Herde

»Schließe auf!« gebot Thyra, indem sie einen der beiden eingeschlafenen Wächter mit sachten Tritten weckte.
»Ist es schon so spät? Wo ist denn die Ablösung?« Der Mann kratzte sich verlegen im Nacken und gähnte herzhaft.
»Es kann doch erst Mittag sein«, schätzte der andere, wobei er sich den Staub träge von der ausgeblichenen roten Hose wischte.
»Ja, Mittag. Dreimal am Tag soll ich kommen. So hat es der Hüter angeordnet.« Dies war natürlich gelogen, und die Türsteher wunderten sich, da ihre Anweisungen anders lauteten. Außerdem hatte bisher nie ein Gefangener ein Mittagessen gewährt bekommen. Dennoch schwiegen sie, weil ja Thyra mit der Versorgung des Dämons beauftragt war und wegen ihrer Haare als veesgesegnet galt. Um sich nicht unnötigen Ärger einzubrocken, verdrängten sie die Möglichkeit, Bikat, den engsten Vertrauten und momentanen Vertreter des Hüters, zu benachrichtigen.
Die schwere Tür wurde geöffnet, und so gelangte Thyra nun zum dritten Male in die Zelle des vermeintlichen Dämonen. Doch irgend etwas war diesmal anders, das spürte sie gleich. Sie hatte keine wirkliche Angst mehr vor ihm. Fast hätte sie lachen müssen, als der Gefangene sie voller Verwunderung musterte, weil sie nicht wieder lange Augenblicke unsicher bei der Tür stehengeblieben war, sondern zu ihm stürzte und ihm den Knebel förmlich davonriss. Und schließlich war sie, wie auch er wusste oder ahnte, einige Stunden zu früh erschienen.
»Ich habe es nicht mehr bis heute Abend aushalten können«, plapperte sie ungestüm drauflos. »Diesmal musst du mir mehr erzählen!« Und sage mir noch einmal deinen Namen!« Sie senkte verschämt den Blick. »Ich habe beim ersten Mal nicht richtig zugehört.«
»Nicht schlimm. Darion. Darion Albvolk III., um genau zu sein.«
»'Der Dritte'? Was bedeutet das?«
»Dass mein Großvater und dessen Urgroßvater auch schon Darion hießen.«
»Warum hast du zwei Namen?«
»Darion ist mein persönlicher Name, und Albvolk heißt meine Familie.«
Er hatte eine Familie! Damit kam er Thyra fast menschlicher vor, als sie sich selbst. »Woher...? Wo wohnst du?«
»Weit im Süden des Kontinents in einem riesigen Wald.«
»Kontinent? Was ist das?«
Darion sah Thyra für einen Augenblick etwas ratlos an. Das arme Kind! Sie wusste ja rein gar nichts! »Würdest du dir diese Dinge nicht lieber alle selbst ansehen? Den Geruch des Elfenwaldes, den Anblick des Meeres und die Geräuschkulisse einer fremden Stadt muss man persönlich erfahren haben. Keine Erzählung kann dies wiedergeben. Verlasse dieses Tal!«
Einige Augenblicke schwieg Thyra fasziniert und vergaß, ihn weiter zu füttern. Schließlich meinte sie: »Das ist unmöglich! Niemand kann die steilen Felswände erklettern.«
»Nein, es muss einen anderen Weg geben, auf dem der Tempelvorsteher das Kupfer aus den Minen nach außerhalb schafft, um es dort zu verkaufen.«
Wieder wurde die rothaarige Priesterin von den Worten des Elfen verwirrt und verunsichert. Argwöhnisch fragte sie: »Woher weißt du von den Minen, wenn du noch nie im Tal gewesen bist?«
»Von den Gipfeln aus konnte ich deutlich den Weg zu den Höhlen in der Nordwand erkennen. Und innerhalb des Tals gibt es nur ein Metall, und das ist Kupfer. Es scheint das einzige von Wert zu sein, für das sich habgierige Menschen eine Gottesgeschichte erdenken würden. Aber vielleicht exportieren eure Hohepriester außerdem von dem Getreide, das ihr anbaut. Jedenfalls wäre es für sie wohl recht unangenehm,, wenn bekannt würde, dass ich von außerhalb komme. Ich frage mich, warum man mich noch nicht getötet hat...«
»Für eine Hinrichtung muss Vees dem Hüter erst den Befehl geben«, erwiderte Thyra ohne lange darüber nachdenken zu müssen.
»Vees? Ist das euer Gott?«
»Du kennst Vees nicht?« Verständnislos wich sie ein wenig zurück.
Darion gab sich gelassen. »Ich bin sicher, er ist nur eine Erfindung der Priester, die vor Jahrzehnten oder wohl eher Jahrhunderten diesen Tempel erbauen ließen.«
In diesem Augenblick wurde von draußen an die Tür geklopft. »Alles in Ordnung da drinnen?« rief einer der Wächter.
»Ja«, antwortete Thyra und meinte an den Gefangenen gewandt: »Ich muss gehen.« Eilig legte sie ihm noch den Knebel an, dann beendete sie ihren dritten Besuch.

Den Nachmittag wollte Thyra nutzen, um sich darüber ein für allemal klar zu werden, wem sie nun eigentlich glauben sollte. Dazu musste sie als erstes überprüfen, ob sich Darion wirklich mit einem Seil die Felswand herabgelassen hatte, wie er behauptete. In diesem Falle würde es vielleicht noch zu finden sein, denn wie hätte man es lösen sollen? Jemand hätte hinaufklettern müssen, wäre aber ohne das Seil schwerlich wieder zurückgelangt. Und falls doch jemand dort hinaufgestiegen wäre, hätte er entweder das Nichts des Hüters oder Darions Außenwelt gesehen. Die Leute aus dem Dorf behaupteten, der Dämon sei aus dem Geistersumpf gestiegen. Darions Abstiegsstelle lag folglich - wenn es sie wirklich gab - auf der Westseite des Tals zwischen den Kupferminen und Vees' Schlund. Thyra entschloss sich, die Felswand von den Minen ausgehend nach Westen und Süden abzusuchen.
Es war nicht überall eben leicht, durch den oft dichten Wald voranzukommen, dessen Unterholz häufig bis unmittelbar an die Felsen heranreichte. Aber dafür wurde Thyra gut vor dem eisigen Wind geschützt, der die dicht herabschnellenden Schneeflocken vor sich her trieb. So war es ihr allemal lieber.
Sie befand sich schon in der Nähe des kleinen Waldbaches, als sie unvermittelt leise Stimmen hörte. Durch das Dickicht konnte sie zwei Wächter aus dem Tempel erkennen. Bei dem krampfhaften Versuch, etwas von ihrer Unterhaltung zu verstehen, fiel ihr Blick zufällig auf das etliche Meter über ihnen baumelnde verkohlte Seilende. Man hatte den Strick einfach angezündet, die Flammen hatten sich vor ihrem Ersterben recht weit hinaufgefressen, und die Witterung würde bald ein Übriges tun. Selbst mit einer hohen Leiter würde das Seilende kaum zu erreichen sein. Dazu die eigenartig schwere Bewachung...
Dies alles genügte, Thyra von den Worten des angeblichen Dämons endgültig zu überzeugen. Sogleich fasste sie den Plan, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und das am Besten noch an diesem Abend, damit Darion den Vorsprung einer ganzen Nacht hätte! Sie eilte ins Dorf, um alles vorzubereiten.

Als die Dunkelheit über das Tal hereinbrach, kam Thyra etwas schwerer beladen als die vorigen Male in den Keller. Der Wächter neben dem Eingang zum Kerkerabschnitt schlief tief und fest, was Thyra als Vorzeichen für ein Gelingen der Flucht nahm. Sie schritt den Gang entlang auf die zur Zeit diensthabenden Posten vor Darions Zelle zu.
»Zwei Krüge?« erkundigte sich einer der beiden etwas misstrauisch und verwundert.
»Ja. In diesem hier ist ein wenig Bier für euch.« Mit einem freundlichen Lächeln überreichte Thyra ihm das randvoll gefüllte Gefäß. Die Wächter vergaßen offensichtlich schnell ihre Pflicht, denn sie nahmen es dankbar über die willkommene Abwechslung an.
In der Zelle schließlich begann Thyra sofort, Darion in ihr Ansinnen einzuweihen: »Ich werde dir eine Flucht ermöglichen. Die Wachen beschäftigen sich gerade mit einem starken Bier. So kannst du sie leichter überrumpeln. Und der Posten im Vorratskeller schläft tief und fest. Das ist die Gelegenheit!« Sie nahm ihm den Knebel ab und warf diesen achtlos beiseite.
»So, so! Dann hast du dir sicher auch etwas gegen die kupfernen Fesseln einfallen lassen...«
»Natürlich!« Thyra raffte ihren Priesterrock. Darunter kamen nicht nur ihre wohlgeformten Unterschenkel hervor, sondern auch eine Brechstange, die sie am rechten Bein festgebunden hatte. Wie eingeübt löste sie die Schnüre und setzte die Stange zunächst an die Handfesseln an.
Allerdings half alles Hebeln, Kratzen und Schlagen nichts, so sehr sie sich auch bemühte. Schnaufend gab sie auf. »Vees' Schlund! Ich bin einfach zu Schwach.«
Plötzlich packte Darion sie mit der Hand am Knöchel. Thyra war vor Schreck wie versteinert. Hatte Darion sie betrogen? War er doch der Dämon, für den sie ihn noch heute früh gehalten hatte?
»Hab keine Angst! Entspanne dich!« forderte er sie eindringlich auf.
Zwar vermochte sie nicht, sich vorzustellen, was er vorhatte, doch aus einem ihr unerklärlichen Grund sehnte sie sich aus tiefstem Herzen danach, ihm zu vertrauen, und ihre Neugier tat erneut ein Übriges. Also versuchte sie, sich zu entkrampfen, so gut es in ihrer Erregung eben ging. Er schloss die Augen und brummte leise vor sich hin. Unvermittelt spürte sie ein seltsam angenehmes Kribbeln im Fuß, das sich langsam ausbreitete, ihr Bein und den Rumpf herauf bis in den Kopf und in die Arme.
»Versuche es jetzt noch einmal!« wies Darion sie an, ohne die Berührung zu beenden oder auch nur die Lider zu heben.
Die Frage in ihr, was sich den jetzt geändert haben könnte, war stärker als jede Verwunderung. Erwartungsvoll schritt sie zur Tat, und ehe sie noch begriff, was eigentlich geschah, hatte sie die rechte Handfessel schon mit der Brechstange aufgehebelt. Ungläubig starrte sie für einen Moment auf ihre Hände, dann stieß sie ein verblüfftes Verlegenheitslachen aus.
Darion lächelte sie stolz an, stolz auf sie wie auf sich selbst, so schien es jedenfalls. Was hatte er nur mit ihr gemacht? Es war auf einmal viel einfacher gewesen! Doch gleich! Sie machte sich ans Werk, die übrigen Ketten zu lösen. Als sie fertig war, sah auch die Kupferstange arg mitgenommen aus.
Darion ließ ihren Knöchel los. Fast war sie etwas enttäuscht darüber.
»Und jetzt?« fragte Darion etwas erschöpft, nachdem er einen Schluck Wasser und einen flüchtigen Bissen des Brotes zu sich genommen hatte.
Thyra zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht genau. Das Bier ist zwar sehr stark, aber wenn wir lange warten, werden die Wachen entweder misstrauisch oder sie schlafen ein, so dass wir hier nicht mehr hinaus kommen.«
»Ich sehe schon! Meine Flucht ist bis ins Detail ausgeklügelt«, lästerte Darion. »Nun denn, rufe sie herein! Behaupte, ich hätte mich aufgelöst!«
Thyra gehorchte. Kaum waren die leicht angetrunkenen Wachtposten mit erhobenen Waffen hereingestürzt, hörten sie eine hämische Stimme hinter sich sagen: »Hier bin ich.« So schnell sie es in ihrem Zustand vermochten, fuhren die Wächter herum.
»Schlafe!« befahl Darion plötzlich, wobei er einen der beiden tiefernst und eindringlich anstierte. Im nächsten Augenblick sank dieser kraftlos zu Boden. Der andere versuchte, Darion mit seinem Kurzschwert zu erschlagen, aber der Elf parierte dem Hieb mit der Brechstange. Gleich darauf versetzte er dem Türsteher einen Handkantenschlag zwischen Hals und Schulter, woraufhin dieser seine Waffe verlor. Wieder ertönte der Befehl »Schlafe!« und auch dieser Mann sackte in sich zusammen.
Schnell huschten Thyra und Darion aus der Zelle, deren Tür sie zuwarfen und verriegelten, und dann weiter durch den langen Gang in den Vorratskeller. Neben dem Eingang zum Kerkerabschnitt schlief der dortige Wachhabende noch immer. Die anderen beiden hatten ihn zum Glück vergessen. Das Paar schlich vorsichtig zur Treppe nach oben, allerdings nicht, ohne dass sich Darion einen der wenigen noch vorhandenen Äpfel einsteckte.
Am Treppenabsatz angekommen, spähte Thyra um die Ecke. »Am Tempeleingang steht noch ein Posten, den du einschläfern musst... Wie hast du das überhaupt gemacht?« Sie blickte Darion neugierig fragend mit ihren großen dunklen Augen an und bemerkte plötzlich, dass er eine Gänsehaut bekam, während er sie seinerseits geistesabwesend anstarrte. »Ist dir etwa kalt? Mir ist ganz heiß vor Aufregung.«
»Wie? Nein, nein, ich... du... es ist gleich. Aber meine Ausrüstung hätte ich trotzdem ganz gerne wieder. Davon abgesehen hat es wohl keinen Sinn, den Tempel durch das Haupttor zu verlassen. Man würde uns sehen, und das Seil hängt bestimmt nicht mehr an seinem Ort. Auf diesem Wege können wir nicht aus dem Tal gelangen.«
»Das stimmt. Sie haben das Seil verbrannt.« Thyra wurde auf einmal von einer unbestimmten Furcht ergriffen, noch ohne sich auszumalen, was man mit ihnen tun würde, wenn sie gefangen würden.
Der Elf schüttelte unmerklich den Kopf. Dann schien er eine Idee zu haben oder sich an etwas fast Vergessenes zurückzuerinnern. »Wo betet der Hüter?«
Diese Frage kam für Thyra sehr überraschend und löste in ihr großen Schrecken aus. Wollte sich Darion mit dem Hüter und gar Vees selbst anfeinden? Trotz ihrer Angst und Unsicherheit entschied sie, ihn in das Sanctum Sanctorium des Tempelvorstehers zu führen. Zum Glück begegneten sie niemandem auf dem Wege dorthin.
Das geräumige Zimmer des Hohepriesters lag im obersten Stockwerk des Gebäudes direkt an der östlichen Felswand. In diese Seite hineingemeißelt, gab es eine kleine Nische mit einem Bett, die mit einem schweren, roten Vorhang vom Rest des Raumes abgetrennt werden konnte. Daneben lag eine weitere Einbuchtung mit einem Kamin. Das Gemach war mit einigen Regalen, Truhen und Schränken eingerichtet, in denen Schriftrollen, Kleidungsstücke, rituelle Gegenstände und allerlei anderes Zeug aufbewahrt wurden. In der Mitte des Zimmers stand der riesige mit Schreibutensilien bedeckte Arbeitstisch mit dem rotgepolsterten Sessel.
Thyra wies auf die Leiter daneben, die zu einer Luke in der Decke führte. Fast verschluckte sie ihre eigenen Worte: »Dort hinauf musst du gehen... wenn du den Hüter bei seinem Gebet stören willst...«
Für diese furchtsame Äußerung hatte Darion nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Statt hinauf ging er reihum zu den Truhen und Schränken, öffnete sie und wandte sich jedes Mal mit enttäuschterem Gesichtsausdruck dem nächsten Behältnis zu. Thyra war nicht wohl dabei, zumal sie nicht ahnte, wonach er suchte.
Schließlich blieb nur eine große verschlossene Truhe übrig, für die es keinen Schlüssel zu geben schien. Darion kniete sich neben sie, legte die Handfläche über das Schloss senkte seine Lider und konzentrierte sich. Kurz darauf war ein leises Knirschen zu vernehmen, und zum Erstaunen Thyras konnte Darion nun den Truhendeckel anheben. Allerdings wirkte er dabei recht ermattet.
»Wie... wie machst du das?« fragte Thyra stotternd. In ihren Augen begann Darion wieder zu dem Dämon zu werden, für den sie ihn anfangs gehalten hatte.
»Die Macht eines starken Geistes... Die Menschen der Außenwelt nennen es Magie.« Die Antwort kam beiläufig, denn ein Blick in die geöffnete Lade erfüllte Darions Erwartungen voll und ganz. Sie barg nämlich seine Lederjacke, seine überkniehohen Stiefel, den knöchellangen dunklen Umhang und jene anderen Ausrüstungsgegenstände, die man ihm bei seiner Gefangennahme abgenommen hatte. Er nahm alles an sich, zuletzt das armlange Messer aus dem seltsam farblos glitzernden Material, das Thyra nicht kannte, und einen leicht gebogenen Stab mit einem seltsamen dünnen Faden daran. Dann huschte er unvermittelt die Leiter empor.
»Nein!« stieß Thyra entsetzt aus.
Darion hielt auf halber Höhe inne. »Ich glaube nicht, dass irgend jemand dort oben ist. Komm mit!« Er verschwand durch die Luke.
Zögernd und voller Gewissensbisse folgte die Priesterin ihm hinauf, bei jeder Sprosse grübelnd, ob sie nicht doch besser unten bleiben sollte. Doch von oben war noch nichts zu hören. Und musste sie nicht den Hüter schützen?
Oben angelangt, blickte sie sich um. Nie zuvor war sie in diesem Raum gewesen, dessen Wände und Decke aus Kupfer eine Einheit bildeten, eine fast perfekt geformte Halbkugel. Die unteren fünfzig Zentimeter waren durch einen purpurnen Samtvorhang verziert. In der Mitte der winzigen Stube standen ein Hocker und ein rundes Tischchen mit einer Kerze darauf, die Darion soeben anzündete - nicht etwa mit einem glimmenden Span oder einem Feuerstein, sondern lediglich, wie es schien, mit einem befehlenden Blick. Er hatte recht behalten: Niemand außer ihnen beiden war anwesend.
»Es muss einen geheimen Weg in die Außenwelt geben«, verkündete Darion schnaufend, doch noch immer voll Tatendrang. »Und ich glaube, zu wissen, wo er beginnt. Schau dir die Form des Raumes genau an! Oberhalb des Vorhangs hat er die Form einer Halbkugel, wie man es von draußen, vom Dach aus sehen kann. Das senkrechte Stück der Wand sieht man von außerhalb nicht. Und auch hier drinnen hat man sich offensichtlich die Mühe gemacht, den unteren Abschnitt zu verdecken. Interessant, nicht wahr?«
Thyra glotzte ihn nur ratlos und ungläubig an. 'Halbkugel? Senkrecht? Abschnitt?' Sie hatte kein Wort verstanden.
Ihren Ausdruck nicht beachtend, schob Darion den Vorhang im östlichen Bereich des Zimmers beiseite. Dahinter kam ein Hohlraum zum Vorschein. Es war ein langer, niedriger und schmaler Tunnel, der tief in die Dunkelheit des Bergmassivs hineinzuführen schien. In drei Nischen standen Fahrzeuge, die nur jeweils aus einem Brett und vier Rädern bestanden, groß genug, dass sich ein Mensch der Länge nach darauf ausstrecken konnte. Eine vierte Nische war leer.
Darion triumphierte: »Wie ich's mir dachte! Das Dach besteht aus zwei Lagen, um diesen Gang zu verstecken. Er ist unsere Tür in die Freiheit.« Er war so voller ungeduldiger, freudiger Erwartung, dass er Thyras Angst nicht bemerkte und sie auch nicht fragte, ob sie vielleicht zuerst hineinschlüpfen wollte. Statt dessen schnappte er sich eines der Rollbretter, legte sich bäuchlings darauf, rief: »Bis gleich, kleine Thyra«, stieß sich mit den Füßen ab und sauste rumpelnd in den engen Tunnel hinein.
Einsam blieb Thyra zurück, allein mit der Ungewissheit darüber, was sie jenseits der Berge erwarten würde. Allein mit der Angst vor dem dunklen Ort, der vor ihr lag, der durchquert werden musste, um eine neue, ihr fremde Welt zu erreichen. Enge und Dunkelheit. Furchterfüllt wandte sie sich ab, da fiel ihr Blick auf die rote Kerze. Ihr matter Schein spendete Thyra Trost. Mit ihr wollte sie es wagen. Sie nahm die Kerze vorsichtig auf und klebte sie mit einem Tropfen des eigenen heißen Wachses auf eine Ecke eines der beiden übriggebliebenen Bretter.
»Was geht hier vor?«
Bis ins Mark erschrocken fuhr Thyra herum. Bikat, der Stellvertreter des Hüters, stand auf der Leiter und streckte seinen Kopf zur Luke herein. Vermutlich hatte er Geräusche und Stimmen gehört und war gekommen, um nachzusehen. Wahrscheinlich hatte er erwartet, den Hüter hier anzutreffen. Wohlmöglich wusste er sogar von dessen Reise in die Außenwelt!
Blitzschnell schoss er auf sie zu, als sie sich auf ihr Rollbrett warf. Es gelang ihm, sie im letzten Moment an den Beinen zu packen und zurückzuzerren, bevor sie im Tunnel verschwinden konnte. Dann warf er sich auf sie, umklammerte sie. Während sie versuchte, ihn von sich zu schütteln, rief er nach den Wachen. Aber es würde noch ein Weilchen dauern, ehe sie kämen. Sie hatte also noch eine Chance, zu entkommen.
Bikat drückte ihre Hand in Richtung Kerze. Mit aller Kraft stemmte sie sich dagegen, doch die Hitze der Flamme wurde immer intensiver, begann zu schmerzen. Mit dem Fuß stieß sie sich vom Boden ab, so dass sie gemeinsam auf die Wand zurollten. Das Brett stieß an, und Bikat musste sich mit beiden Händen abstützen, wenn er nicht mit dem Kopf gegen die Wand prallen wollte. Die Kerzenflamme hielt dem Luftzug stand. Es gelang Thyra, den Schwung nutzend, ihren Gegner von sich zu werfen, doch dabei kamen ihre Haare der Kerze gefährlich nahe, dass sich einige schon unter der Hitze kräuselten und verbrannten Geruch verbreiteten. Hastig rollte Thyra sich seitwärts vom Brett herab.
Beide Kontrahenten schafften es etwa gleichzeitig, auf die Füße zu kommen. Schon hatte Bikat Thyra mit seinen Armen umschlungen und drückte immer fester und fester zu. Wieder rief er nach den Wachen. Thyra konnte kaum noch atmen, und alles Winden half ihr nicht, sich zu befreien. In ihrer Verzweiflung warf sie ihr ganzes Gewicht nach vorn, dem Priester entgegen. Damit hatte er nicht gerechnet. Immer noch Thyra umklammernd, taumelte er rückwärts und stolperte über das kleine Gebetstischchen. Nun jeglichen Halt verlierend, stürzten beide durch die Luke hinab in das darunterliegende Zimmer. Bikat prallte heftig mit dem Rücken auf den harten Steinboden, wogegen Thyra vergleichsweise sanft auf ihm landete.
Thyra hatte das Gefühl, sich nicht mehr rühren zu können, aber auch Bikat bewegte sich nicht - nicht einmal sein Brustkorb hob und senkte sich noch.
Langsam richtete sich die junge Priesterin auf und starrte dem Toten in die weit aufgerissenen Augen. Sie war so fassungslos, dass sie weder Mitleid, noch Erleichterung empfinden konnte.
Jedoch blieb ihr auch keine Zeit, ihre Beherrschung wiederzugewinnen. Sie hatte die in der Tür stehenden und betroffen schweigenden Tempelbewohner erst nicht bemerkt, doch nun traten zwei Wächter näher, um sie gefangenzusetzen.

Drittes Kapitel


Kurzgeschichten

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