Autounfall eines Radfahrers

15.12.17

Endlich winkt wieder ein Wochenende in Ruhe ohne jegliche Termine bei Conny! Ich bin schon fast bei ihr.
Plötzlich wird mir klar, dass der von rechts kommende Wagen nicht langsamer wird, obwohl ich bereits direkt vor ihm bin. Im Weiterfahren brülle ich zur Warnung, da es für alles andere zu spät ist - und dafür auch. Ohne jegliche Anzeichen eines Bremsens trifft er mich gerade noch hinten und reißt das Rad unter mir weg. Im nächsten Moment liege ich am Boden. Das Knie schmerzt höllisch, und ich fühle, dass etwas daran nicht stimmt. Meine erste Vermutung ist Auskugelung, wie ich es schon beim Arm erlebte. Mein zweites Brüllen ist länger, dauerhaft. Ich schreie den Schmerz heraus, mache zugleich auf mich aufmerksam und bitte um Hilfe; vor allem aber schreie ich vor Zorn.
Zu den zahlreich zu Hilfe stürzenden Passanten zählen gleich mehrere Ärzte. Ein Unfallarzt ist auch darunter, der mir hilft, die verrutschte Kniescheibe an ihren Platz zu befördern. Kaum vorstellbare Erleichterung.
Bald darauf halten Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen einen Jahrmarkt auf der Kreuzung ab. Von einem älteren Polizisten abgesehen sind alle freundlich und hilfsbereit zu mir. Ich werde versorgt und betreut, das Rad angeschlossen und die Mineralwasserflaschen für Conny im Korb gesammelt und mit den verstreuten Kleinteilen an mich übergeben. Über ein geliehenens Mobiltelefon verständige ich Conny, damit sie sich keine Sorgen macht.
Ein älterer Herr stellt sich als der Fahrer vor und entschuldigt sich wiederholt damit, mich nicht gesehen zu haben. Kaum vorstellbar an einer gut beleuchteten und außergewöhnlich übersichtlichen Kreuzung, wenn man zudem mit Licht und Reflektoren übersät ist und auf der rot markierten Radspur der Vorfahrt habenden Hauptstraße fuhr. Leider bestätigt dies nur, dass Aufmerksamkeit und ein gesundes Misstrauen mehr wiegen als all dies.
Im Krankentransport werde ich trotz Frierens ausgezogen, da der diensthabende Sanitäter davon überzeugen will, dass meine auf das Knie begrenzende Selbstdiagnose stimmt. Wenigstens kann ich ihn dazu bewegen, mir die Hose nicht vom Leib zu schneiden. Tatsächlich findet er nirgends sonst irgendwas. Das dünne Deckchen nutzt mir wenig; immerhin zieht man mir auf meinen Wunsch die Socken wieder an. Als mir einer der beiden Krankenwagenfahrer als Stütze zwei Mineralwasserflaschen unter die Knie schiebt, ohne darauf zu achten, dass die eine undicht ist, sitze ich bald im Feuchten.
Ein jüngerer Polizist kommt in den Wagen, drückt mir einen Zettel zur Kontaktaufnahme mit der gegnerischen Haftpflichtversicherung in die Hände und spricht mir ob meiner Radbeleuchtung jegliche Schuld ab. Ebenso mag es ein gutes Zeichen sein, von den Herrschaften überhaupt nicht zum Hergang befragt worden zu sein. Dennoch erwähne ich wenigstens, dass ich beim Unfallverursacher keinerlei Geschwindigkeitsabnahme feststellen konnte.
Wir wollen gerade losfahren, da werde ich gefragt, ob meine Freundin reingelassen werden soll. Natürlich! Obwohl ich ihr am Telefon sagte, sie solle erstmal nicht losspringen, weil ich die weiteren Vorgänge nicht abschätzen konnte, bin ich nun doch sehr froh, dass sie es versucht und den Wagen noch erwischt hat. Das gibt Halt.
In der Rettungsstelle soll sie draußen warten, ich drinnen. Blöd! Ich werde immer unruhiger. Als mir die Kniescheibe nun zur anderen Seite hin wegrutscht und ich um Hilfe rufe, kommt alsbald der Krankenwärter. Leider ist er auch sogleich wieder fort, um mal eben irgendwas zu holen. Offenbar hatte er selbst noch keine verrutsche Kniescheibe oder sonst irgendein ausgerenktes Gelenk, um die Schmerzen angemessen beurteilen zu können. Da er nicht absehbar wiederkommt, strecke ich mein Bein, die Scheibe kehrt an ihren Platz, und die Qual weicht.
Als jemand die Abteilung verlässt, schlüpft Conny herein und hilft mir über die Zeit. Erst Minuten später taucht der Pfleger wieder auf - mit einem Schmerzmittel! Dass ich mir selbst gegen die Ursache statt die Wirkung geholfen habe, wie er es nicht wagte, scheint ihm nicht zu gefallen. Sein Problem.
Zur Untersuchung wird Conny leider wieder hinausgeschickt, damit ich in dieser Krankenmaschinerie auch ja hübsch auf mich alleingestellt bin. Das Röntgen ergibt keinerlei Knochenbruch. Die offenbar neue oder nur vertretungsweise auf der Abteilung weilende Ärztin fragt mich, ob ich wohl gerne nach Hause wolle. Wer würde da verneinen! Dass eine Übernachtung mit morgigem MRT und einer anschließenden Auswertung hier im Krankenhaus letztendlich das kleinere und leichtere Übel wäre, wird mir so rasch nicht klar.
Bald darauf sitzen wir in einem Krankentransport. Ich komme mir fast wie ein Stammeshäuptling vor, als mich die beiden Fahrer auf dem Stuhl in den vierten Stock schaffen. Dann sind Conny und ich allein mit uns und dem sinnbildlichen Scherbenhaufen.


Zweifelhafte Sicherheit
Thema Fahrrad
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