Wie ich radfahren lernte

von Oliver H. Herde

Mit etwa sieben versuchte ich mich vermutlich auf Betreiben meines Vaters beim Erlernen des Radfahrens. Das Ende jener Bemühungen jedenfalls war, dass ich unsere kaum abschüssige Straße hinunterjagte, derweil meine hinten das Rad stützende Mutter keine Chance des Schritthaltens mehr hatte. Der Sturz mit all seinen Schürfwunden genügte mir, diese Fortbewegungsart bis auf Weiteres zu verdammen.
Über viele Jahre hinweg hatte ich regelrecht Furcht auch vor anderen Radfahrern, die sich in Windeseile und doch beinahe geräuschlos an mich hilflosen Fußgänger heranschlichen und anzufahren drohten. Dieser Eindruck wurde tatsächlich auch durch ein paar Zusammenstöße untermauert. Ich begriff nicht, wie sehr hier Einzelfälle mein Bild prägten.
Da ich auch keine weiten Wege zu bestreiten hatte und man mir innerhalb der Familie wenig Vorbild lieferte - meine Mutter hat es nie gelernt, meine Schwester hatte vor dem Straßenverkehr Angst und fuhr kaum mal, und dass mein Vater hin und wieder mit dem Rad zur Arbeit fuhr, berührte meine persönlichen Interessen ja nun wirklich ebensowenig wie meine Wahrnehmung - geriet dieses Verkehrsmittel bei mir für lange Jahre in Vergessenheit.

Im Sommer 99 nun hatte ich die öffentlichen Nahverbrecher endgültig satt. Lange Fußwege und Wartezeiten, schlechte Luft, grelles Licht, überheizte Waggons, häufige nervtötende Kontrollen, Musikanten oder Bettler und vieles andere mehr war ich trotz aller Bequemlichkeit und Gemütlichkeit meines eingefahrenen Geistes nicht mehr bereit, zu ertragen - zumal die Preise die Unverschämtheitsgrenze schon vor Jahren überschritten hatten. Nach monatelangen Experimenten, gänzlich zu Fuß zu gehen und nur noch bei extrem langen Fahrten schwarzzufahren - einen Führerschein zu machen, stand für mich des gewaltigen Aufwandes wegen außerhalb der Debatte - entsann ich mich endlich jenes langvergessenen Verkehrsmittels: des Fahrrades.
Natürlich wollte ich mir nicht gerne ein Rad kaufen, ehe ich nicht sicher wusste, ob ich entgegen meines Kindheitstraumas es auch benutzen können würde.
Meine Schwester und ihr Freund wohnten in derselben Straße, und als ich ihm von meinen Überlegungen unterrichtet hatte, stellte er eines seiner Räder und sich selbst als Lehrer zur Verfügung. Den Passanten mag das Bild seltsam erschienen sein, wie ich mit dem Rad den Bürgersteig entlangeierte und Sven mich am Gepäckträger stützend hinterherlief und Anweisungen gab. Glücklicherweise war ich hinreichend beschäftigt, mich nicht an fremden Blicken zu stören.
Einige Aufs und Abs später - ich war sogar bereits ein wenig ohne Stütze unterwegs - meinte Sven, ich sei wohl ein Schnellfahrer, und wir sollten es ruhig eimal mit dem zweiten Gang probieren. Eigentlich musste ich langsam zu einer Geburtstagsfeier aufbrechen. Andererseits wollte ich es schon ganz gern noch versuchen, wo es doch so gut lief.
So jagte ich also in gesteigertem Schneckentempo den leicht abschüssigen leeren Bürgersteig hinunter. Plötzlich bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich fühlte mich etwas überfordert, war auch schon nicht mehr recht bei der Sache, und der Tacho zeigte sagenhafte 13 Stundenkilometer! Wie gelähmt sah ich die reglose Welt an mir vorübersausen.
Es kam, wie es kommen musste: Ich stürzte steif wie ein gefälltes Bäumchen mitsamt dem Rad zur Seite.
Nachdem ich mich mit Svens Hilfe aus dem Rad sortiert hatte, konnte ich an allen vier Gliedmaßen Verletzungen vorweisen. Sven war vor Fassungslosigkeit regelrecht beeindruckt.
Kaum hatte ich die schlimmsten Stellen zuhause überpflastert, musste ich auch schon zur Bahnfahrt gen Jans Geburtstag aufbrechen, wo ich das Publikum mit meinem jüngsten Erlebnis zu begeistern verstand.
Das Fazit für mich bei alledem mag nach jenem von 26 Jahren zuvor überraschen: Stürze taten einfach nicht mehr so weh wie damals. Statt dessen boten sie eine gute Geschichte.
Ein oder zwei Wochen später versuchte ich noch eine Übungsstunde auf Svens Rad. Ich stellte den Verlust meines Traumas fest und war auch sonst zufrieden und zuversichtlich. Der Bürgersteig begann mich schon nach einigen Minuten zu langweilen. Mein Entschluss zum Fahrradkauf stand fest.
Einige Zeitlang informierte ich mich über Möglichkeiten und Preise. Am 21.9.99 dann kaufte ich mit meinem Vater ein gewöhnliches Stadtrad mit breiten Reifen, Rücktritt und sieben Gängen. Da auch meine Mutter und Großmutter etwas zuschossen, hatte ich ungefähr den Kaufbetrag beisammen.
Mein Vater fuhr mich auf meinen Wunsch zur Universität, damit ich des Abends ein Ziel hatte, das zu erreichen ich schlecht aufgeben konnte. Tatsächlich schaffte ich die Strecke, welche ich während des Sommers mit meinen großen Schritten etwa in jeweils 50 Minuten bewältigt hatte, in eineinhalb Stunden - so vorsichtig fuhr ich! Auch benutzte ich nur Nebenstraßen oder Bürgersteige.
Am nächsten Morgen ging es jedoch bereits so schnell wie zu Fuß, und schon abends konnte ich mit den öffentlichen Verkerhsmitteln konkurieren.
Seitdem ist fast keine Woche mehr vergangen, in der ich nicht radgefahren wäre. Es gibt sogar Leute, die sich mich ohne Rad gar nicht vorstellen können.


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