Teestunde

Autoren: Lisa Tyroller und Oliver H. Herde

Nochmals gibt es einen flüchtigen Knicks, dann trippelt Zulhamina wie beschrieben zum Vorhang hinaus und über den Gang durch den weiteren zurück ins Bedienstetenzimmer. Da sie dieses schon kennt und sich gerade niemand hier aufhält, durchquert sie es ohne zu säumen.
Hinter dem dritten Vorhang allerdings bleibt sie erst einmal beeindruckt stehen, denn hier findet sich der erwähnte Hof, den sie doch erst einmal in seiner Gesamtheit erfassen möchte.
Sonnenüberflutet liegt der Innenhof vor den Augen der kleinen Sklavin. Wer immer aus dem halbdunklen, kühlen Inneren des Hauses hier heraus tritt, kann einfach nicht anders, als tief durchzuatmen und sich ein oder zwei Herzschläge lang genießerisch der Wärme und dem Licht hinzugeben.
Strahlend blau spiegelt sich der wolkenlose Himmel in dem großen quadratischen Wasserbecken inmitten des Hofes, an dem einige Leute sitzen und die nackten Füße ein paar Minuten lang im kühlen Nass baumeln lassen, bevor es mit der Arbeit weitergeht. Ihr Geplauder und Gelächter schallt durch die flirrende Luft und vermischt sich mit dem Vogelgezwitscher aus den wenigen Bäumen, die aus dem schwarzweißen kiesbedeckten Boden ragen und hier und dort angenehmen Schatten werfen.
Wer einen Blick in das Becken hinein würfe, könnte eine marmorne Treppe ausmachen, die in das kristallklare Wasser hineinführt. Das Becken selbst ist gekachelt und kein Fisch, keine Pflanze sind darin zu entdecken.
Entlang der Mauern, die den Hof umgeben, sind Beete angelegt worden, in denen es erbaulich grünt und blüht, unterbrochen nur von diversen Vorhängen und Türen, die in das Haus hineinführen.
Gerade in diesem Augenblick treten zwei Männer mit leeren Holzeimern in den nassglänzenden Händen durch den Vorhang rechterhand von Zulhamina, um diese an dem Becken zu füllen und wieder hineinzutreten. Weiße Dampfschwaden entweichen in die Luft, als der Vorhang zweimal kurz geöffnet wird. Rasch verdunsten sie in der Hitze.
Von der friedlichen Stimmung ergriffen, steht Zulhamina tatsächlich ein Momentchen reglos staunend, bis die beiden Männer herauskommen. Der Geruch aus dem Durchgang verrät Zulhamina, dass dort wohl Wäsche gewaschen wird. Sie lächelt ihnen nur sehr scheu zu.
Nachdem sie wieder verschwunden sind, schaut sie nochmals umher. Die Herrin muss sehr reich sein! So ein wunderbar klares Wasser! Aber bestimmt sind die Leute Gäste des Hauses, die da ihre Füße baden. Vor denen möchte sie nicht säumig erscheinen!
Drum wendet sie sich eilig nach links, um sogleich kehrtzumachen, da es ja mit rechts losgehen sollte. Es gibt zum Glück nur einen Eingang quer zu der Wand, aus der sie kam, dieser muss also gemeint sein. Auf ihn hält sie tippelnd zu. Die Unebenheiten des Kiesbodens machen ihren schon allerlei gewohnten Fußsohlen nichts aus, aber ein klein wenig bremsen sie ihre Schritte dennoch.
Hinter dem neuerlichen Vorhang befindet sich ein Flur. Nach rechts kommt links, also wendet sie sich dort entlang, um schon nach ein paar Trippelschrittchen die erste rechte Tür dort zu erreichen. Hinter dieser muss es also wieder links entlang gehen, denkt sich Zulhamina und öffnet sie aufgrund des Kettengeschirrs nicht sehr schnell, aber ihr dafür aus gleichem Grunde in den Raum nachfolgend.
Überrascht sieht Mesherel auf. Sie ist es nicht gewohnt, in den Privatzimmern, sei es ihrem eigenen oder dem ihres Bruders, in dem sie sich gerade befindet, ohne vorherige Ankündigung durch ein Klopfen gestört zu werden.
Sei es, dass Zulhamina in der Aufregung einen Teil der Wegbeschreibung vergessen oder falsch gedeutet hat, sei es, dass die Köchin einfach nicht gut im Beschreiben ist, in jedem Fall hat die kleine Sklavin die falsche Tür geöffnet, in dem Zimmer dahinter aber die richtige Person gefunden. Denn die Herrin des Hauses sitzt keineswegs in ihrem eigenen Gemach, wie Usha selbstverständlich annehmen musste, sondern unterhält sich angeregt mit ihrem um zehn oder mehr Jahre älteren Bruder, den diese Jahre schwer gezeichnet haben.
Anders als seine Schwester sitzt er nicht in einem bequemen Sessel, sondern liegt auf einem brokatbezogenen Diwan, eine dünne Decke über den Beinen. Dass diese Beine schon seit langem nicht mehr in der Lage sind, ohne Hilfe zu gehen, kann das Mädchen freilich nicht wissen.
Sein Gesicht wirkt um ein Vielfaches älter als das Mesherels, von Falten durchzogen und mit scharfen Schatten um Nase und Mund. Auch sein Haar, das unter dem weißen Turban hervorragt, ist schon grau. Nur seine kohleschwarzen Augen funkeln noch wach und lebendig.
Das Zimmer ist üppig und kostspielig eingerichtet, voller wertvoller Gefäße, Waffen, Jagdtrophäen, Wandteppiche und dergleichen mehr. Den Boden bedeckt ein weicher, flauschiger Teppich, auf dem eine festliche Szenerie mit tanzenden und musizierenden Menschen dargestellt ist. Möbel aus glänzendem Holz stehen in dem großen Zimmer auf geschmackvolle Art angeordnet herum, so ein niedriger Teetisch, ein Sekretär, zierliche Stühlchen, die eher zum Schmuck denn als Sitzgelegenheiten dienen, und dergleichen mehr.
Alles in allem bieten sich viel zu viele Eindrücke, um sie auf einmal zu erfassen, am beeindruckendsten ist jedoch der schwere Kristalllüster, der von der Decke hängt. Im Augenblick sind die Kerzen nicht angezündet, doch vermag man sich den prachtvollen Anblick vorzustellen.
Mesherel hebt eine Augenbraue. "Nun?"
Dass sie sich verlaufen hat, ist Zulhamina keineswegs bewusst; dass sie aber bereits an ihrem Ziel ist, kann nicht übersehen werden. Kein Links mehr - sie hätte also klopfen müssen!
"V-verzeiht, Herrin!" stottert sie aufgeregt und knickst. "I-ich... Diedie... Frau Usha hat mich hergeschickt." Und weswegen? Unwillkürlich schaut sie abwärts und findet in den Händen die Antwort. Drum fügt sie eilig an: "Deden Tee soll ich bringen." Und schon wieder knickst sie.
"Hm." Die Augenbraue senkt sich wieder. "Normalerweise erwarte ich von meinen Bediensteten, dass sie anklopfen, bevor sie eintreten." Ein kurzes Schweigen folgt, um die Worte wirken zu lassen.
"Aber sei's drum. Stell den Tee hierher." Sie deutet auf den niedrigen Tisch vor sich. "Und hol aus dem Schränkchen dort drüben ein zweites Teeglas."
Dann weist sie mit der grazilen Hand auf den älteren Mann auf dem Diwan. "Das ist mein Bruder, der Herr des Hauses. Ich erwähnte ihn bereits, wenn ich mich recht entsinne."
Sie weiß, dass sie der kleinen Sklavin die Unhöflichkeit, ohne Ankündigung hereinzukommen, eigentlich nicht einfach so durchgehen lassen sollte, aber es ist ganz klar, dass es sich auch hier um ein Versehen und nicht um einen Mangel an Respekt handelt. Zudem glaubt Mesherel, ihre Autorität auch ohne große Beweise derselben ausüben zu können. Und was noch hinzukommt - sie hegt eine gewisse Zuneigung für das Mädchen. Was nicht heißt, dass sie diese gar zu offen zeigen müsste.
Hart schluckt Zulhamina ob der angedeuteten Rüge. Doch als sie schon zu einer Erklärung ansetzen will, spricht die Herrin doch noch weiter.
Hastig wird mal wieder geknickst, bevor Zulhamina zu dem Diwan tappelt und sich so ehrerbietig tief verbeugt, wie es der Tee ohne zu verkippen zulässt. Ohne diesen hätte sie sich wohl vor dem Hausherrn zu Boden geworfen.
Dann erst stellt sie den Tee aufs Tischchen, um sogleich zum Schrank weiterzueilen.
Mit einem kaum sichtbaren Lächeln betrachtet Mesherel jede Bewegung der Sklavin.
Der Gesichtsausdruck ihres Bruders bleibt weitgehend unverändert, doch ist dies ohnehin meist der Fall. Immerhin hat er nichts gegen Bedienstete, die so flink und demütig sind wie die Kleine. Aber warum muss seine Schwester, die sonst so wirtschaftlich mit seinem Geld umgeht, derart verschwenderisch sein, was das Personal betrifft? "Schon wieder eine neue Sklavin?" fragt er mit knarrender Stimme, ohne sich zu bemühen, diese zu senken. "Wozu?"
Das Gesicht der Dame des Hauses wird ein wenig kühl. "Sie gefiel mir. Außerdem ist sie gehorsam, höflich und schnell. Und sie redet nicht zuviel." Es liegt ihr fern, ihrem Bruder nicht den nötigen Respekt zu erweisen, aber was dieses Thema angeht, haben sie schon zu oft diskutiert. "Also lass uns nicht darüber streiten. Gönn es mir einfach, ja?" Versöhnlich legt sie ihre Hand auf die des Bruders.
Derweil sie die andere Tasse besorgt, lauscht Zulhamina dem Wortwechsel sehr aufmerksam. Schon holt sie Luft, um etwas anzumerken. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, kann sie nämlich eigentlich ein rechtes Plappermäulchen sein. Selbst Mufats effektive Knebelungen haben ihr das nicht wirklich abgewöhnen können. Andererseits ist sie ja noch immer so sehr darum bemüht, sich an ihrem ersten Tag in diesem Hause so manierlich wie möglich zu benehmen.
Abermals wird geknickst, als die Tasse ihren Bestimmungsort erreicht. Dann nimmt Zulhamina iher Bereitschaftshaltung ein und hält die Hände vor dem Schoß. Trotzdem ihr Kopf leicht gesenkt ist, kann sie doch nicht den Blick von dem grummeligen Hausherrn lassen.
Der Gesichtsausdruck des Hausherrn ändert sich auch jetzt nicht, als er das Mädchen unverhohlen begutachtet. Aber immerhin nickt er einmal grimmig. Und er ringt sich sogar ein brummiges "Danke" ab, als seine Schwester ihn auffordernd ansieht. Das war es dann aber auch an Gefühlsbekundungen.
"Danke, Zulhamina", fügt nun auch Mesherel an. "Würdest du uns beiden noch Tee eingießen? Sei so nett." Ihre vorherige Rüge tut ihr schon wieder ein bisschen Leid, auch wenn sie so schlimm ja eigentlich nicht war. Außerdem möchte sie ihrem Bruder zeigen, dass man mit Freundlichkeit durchaus weiter kommt als mit Ruppigkeit und kalter Strenge. Und so bemüht sie sich in dieser Situation besonders demonstrativ, einen freundlichen, wenngleich bestimmten Tonfall anzuschlagen, als sie die kleine Sklavin anlächelt und darauf wartet, dass sie ihrer Anweisung folgt.
Wirklich, man ist sehr höflich in diesem Hause! Ob dahinter Falschheit verborgen ist? Aber Zulhamina kennt solche eigentlich nur von Gästen Mufats. Der Herr selbst war immer höchst ehrlich unfreundlich und bestimmend.
Nach kurzem Zögern folgt sie der so hübsch verpackten Anweisung und gießt sorgsam in beide Tassen halbvoll vom Tee ein. Dann blickt sie fragend auf, ob es wohl recht so ist.
Beinahe gleichzeitig, doch in höchst unterschiedlichen Stimmlagen, ertönt erneut ein Wort des Dankes aus den Kehlen Mesherels und ihres Bruders.
"Du kannst jetzt gehen, Zulhamina", fügt die dunkeläugige Frau mit einer sanften Neigung des Kopfes hinzu. Dann lächelt sie, aber diesmal weniger höflich und zurückhaltend, sondern fröhlich und freundschaftlich.
Erst als ihr Bruder sie ein wenig entgeistert ansieht, wendet sie wie ertappt das Gesicht dem Tee zu und legt die schlanken Finger an das Gefäß, als wolle sie die Temperatur prüfen.
"Ja, Herrin." Ein letztes Mal knickst sie, dann beeilt sie sich, sich zu entfernen. Eine seltsame Stimmung ist das hier drinnen! Soviel hat sie immerhin mitbekommen, wenn ihr auch die Details nicht recht erkennbar sind.
Vor der Türe dann verschnauft sie erst einmal, dann blickt sie sich den langen Gang entlang um. Was nun? Bestimmt wird sie in der Küche zurückerwartet.
Ja, sie möchte nicht riskieren, sich das Haus ohne Befehl oder auch nur ausdrückliche Erlaubnis anzusehen. Zumal die Herrin bereits ein Zimmer für die Sklavin verboten hat. Etwas unschlüssig schaut sie herum, welches das überhaupt gewesen sein könnte. Sie hat ein wenig die Orientierung verloren.
Aber der Weg zurück ist zum Glück noch vergleichsweise simpel zu finden. Hier im Gang gibt es nur einen Vorhang, durch den sie vom Hof gekommen sein kann. Und an der Waschküche vorbei findet sie recht leicht durch das Bedienstetenzimmer zur Küche zurück...

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Zulhamina / Kurzgeschichten

Redaktion und Lektorat: OHH